Warum werden unsere Politiker immer schöner?

Der erste Politiker, der eine Wahl nachweislich aufgrund seines Aussehens gewann, war John F. Kennedy. Nach Schätzungen hat Kennedy allein durch seinen Auftritt im ersten TV-Duell der Geschichte, als er am 26. September 1960 in Chicago gegen den Amtsinhaber Richard Nixon antrat, zwei Millionen Wähler gewonnen. Die Wahl ging am Ende mit einer hauchdünnen Mehrheit von 112 000 Stimmen an Kennedy. Bezeichnenderweise waren die Zuhörer, die die Debatte am Radio verfolgten, eher von Nixon angetan (Amadieu 2002 S. 189ff; Marwick 1988 S. 392ff).

Dass Schönheit den „Verkauf“ von Meinungen erheblich erleichtert, demonstrierte die Sozialpsychologin Shelly Chaiken schon im Jahr 1979 in einem einfachen Experiment. Sie beobachtete eine studentische Unterschriftensammlung auf dem Uni-Campus, bei der es darum ging, die Leitung der Mensa dazu zu bringen, vegetarische Menüs anzubieten. Chaiken stellte fest, dass 53 Prozent der von den attraktiven männlichen Aktivisten Angesprochenen bereit waren, ihre Unterschrift zu geben, bei den weniger Bezaubernden waren es nur 38 Prozent, und damit ein ganzes Drittel weniger. Attraktive Frauen bekamen nicht ganz so viele Unterschriften zusammen wie ihre männlichen Kollegen aus der Schönheitselite (47 Prozent), hier war aber der Unterschied zu den weniger hübschen noch deutlicher (29 Prozent). (Chaiken 1979)

Wir geben unsere Stimmen, unser Vertrauen und unser Geld am Liebsten den Gutaussehenden. Der Grund für dieses merkwürdige Verhalten liegt in dem von der Attraktivitätsforschung als "Attraktivitätsstereotyp" bezeichneten Phänomen: Menschen setzen unbewusst das Schöne mit dem Guten gleich (mehr dazu in Kapitel 9). Die Folge: Wir trauen besser aussehenden Menschen mehr zu – wir halten sie z.B. für intelligenter, kompetenter und vertrauenswürdiger. Und das gilt selbstverständlich auch für Politiker und Politikerinnen.

Politiker sind also gut beraten, wenn sie auf ihr Äußeres achten - und tun dies auch. Beispiel Angela Merkel: Der Wandel von der Oppositionsführerin über die Kandidatin bis hin zur Regierungschefin war mit einem deutlichen, mit Hilfe kosmetischer Künste bewerkstelligten Attraktivitätsgewinn verbunden.
 

 

 

September 1996

April 2002

Juni 2005

Quelle: Matthias Heine: Merkels neuer Lady-Look. Eine Radikalkur für die Kandidatin, FAZ v. 26. Juni 2005


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Mehr zum Thema "Schönheit & Politik" im Buch auf den Seiten 210ff.  

 

Wer sich für die wissenschaftliche Forschung zu dem Thema interessiert, findet hier eine Auswahl der einschlägigen Studien:

  • Rosar, U, Klein, M, Beckers, T (2008). The frog pond beauty contest: Physical attractiveness and electoral success of the constituency candidates at the North Rhine-Westphalia state election of 2005. European Journal of Political Research, 47 (1), 64-79
    Abstract und Volltext*: http://www.blackwell-synergy.com...

  • Rosar, U & Klein, M (2005). Physische Attraktivität und Wahlerfolg. Eine empirische Analyse am Beispiel der Wahlkreiskandidaten bei der Bundestagswahl 2002. Politische Vierteljahresschrift, 46 (2), 263-287.
    Abstract: http://www.springerlink.com
    ...

  • Little AC, Burriss RP, Jones BC, Roberts SC. (2007). Facial appearance affects voting decisions. Evolution and Human Behaviour 28, 18-27 [Die Studie ist allerdings wegen methodischer Fehler in der Morphing-Technik (das Paar Bush/Kerry betreffend) z.T. mit Vorsicht zu genießen)
    Volltext* auf der Homepage von Tony Little

  • Efran, MG & Patterson, EWJ (1974). Voters Vote Beautiful: The Effect of Physical Appearance on a National Election, Behavioral Science, 6, 352-356.
    Die Studie gehört zu den Klassikern der Politikwissenschaften: Anlässlich
    von Parlamentswahlen in Kanada teilten Studenten die Attraktivität der Kandidaten in drei Kategorien ein. Das tatsächliche Wahlergebnis zeigte, dass die Schönsten fast dreimal mehr Stimmen (32%) als die Unattraktivsten (11%) erhielten.

  • Lewis, KE & Bierly, M (1990). Toward a Profile of the Female Voter: Sex Differences in Perceived Physical Attractiveness and Competence of Political Candidates, Sex Roles, 22, 1-12..
    Die Studie an US-Abgeordeten findet einen starken Zusammenhang zwischen zugeschriebener Kompetenz und der Attraktivität des Gesichtes des Kandidaten. Spielt es dabei eine Rolle, ob man Mann oder Frau ist? Nach der Untersuchung von Kathryn Lewis und Margaret Bierly aus dem Jahr 1990 sind Frauen die geborenen Politprofis, zumindest wenn sie schön sind. Denn dann profitieren sie – genauso wie ihre männlichen Kollegen - vom Schönheitsbonus, den sie sowohl von männlichen als auch weiblichen Wählern erhalten. Zusätzlich liegen sie jedoch in der Gunst der weiblichen Wählerschaft deutlich vorne – einfach weil sie eine Frau sind: Frauen halten Politikerinnen für kompetenter als Politiker, bei männlichen Wählern macht das Geschlecht bei der Einschätzung der Kompetenz dagegen keinen Unterschied (Lewis et al. 1990). - Diese Ergebnisse von Lewis und Bierly stehen im Widerspruch zu früheren Studien, in denen nur das männliche Politik-Personal vom Schönheitsbonus profitierte, Frauen also tendenziell mit dem bekannten Vorurteil zu kämpfen hatten, das auch am Arbeitsplatz auf sie wartet: schön aber leider inkompetent. Spiegeln die Ergebnisse von Lewis & Bierly möglicherweise eine Trendwende wider? Wird Frauen in dem Maß, wie Politik eben nicht mehr reine Männerdomäne ist, auch mit weniger Vorurteilen begegnet?

  • Klein, M & Ohr, D (2000). "Gerhard oder Helmut? 'Unpolitische' Kandidateneigenschaften und ihr Einfluß auf die Wahlentscheidung bei der Bundestagswahl 1998", Politische Vierteljahresschrift, 41 (2), 199-224. Abstract: http://www.springerlink.com...

  • Sigelman, L & Sigelman, CK (1982). Sexism, Racism, and Ageism in Voting Behavior: An Experimental Analysis. Social Psychology Quarterly, 45, 263-269.

  • Sigelman, CK, Thomas, DB, Sigelman, L & Robich, FD (1986). Gender, physical attractiveness, and electability: An experimental investigation of voter biases. Journal of Applied Social Psychology, 16, 229-248.
    Nach dieser Studie hilft Attraktivität zwar männlichen Politikern, bei weiblichen macht das Aussehen jedoch keinen Unterschied.

  • Sigelman, L, Dawson, E, Nitz, M & Whicker, ML (1990). Hair loss and electability: The bald truth. Journal of Nonverbal Behavior, 14, 269-283. Abstract: http://www.springerlink.com...

  • Budesheim, TL & DePaola, SJ (1994). Beauty or the beast? The effects of appearance, personality and issue information on evaluations of political candidates. Personality and Social Psychology Bulletin, 20, 339-348.

  • Higham, P. A., & Carment, W. D. (1992). The rise and fall of politicians: The judged heights of Broadbent, Mulroney and Turner before and after the 1988 Canadian federal election. Canadian Journal of Behavioral Science, 24, 404–409 (Eine Studie zu den kanadischen Bundestagswahlen 1988 - Die Wähler schätzten die Körpergröße des Gewinners (Brian Mulroney) nach der Wahl als größer ein als vor der Wahl - umgekehrt die Größe der Verlierer kleiner.

  • Ballew, C.C., and Todorov, A. (2007). Predicting political elections from rapid and unreflective face judgments. Proceedings of the National Academy of Sciences (USA), 104, 17948-17953. (Experimente zu den Gouverneurs- und Senatswahlen in den USA 2006 - Die Einschätzung von Kompetenz, die Probanden aufgrund von Porträtfotos der (ihnen unbekannten) Kandidaten nach einer Expositionszeit von nur 100 ms trafen, sagten den Wahlerfolg der jeweiligen Kandidaten rel. zuverlässig voraus). Volltext*: http://www.pnas.org...

  • Clemmer, EJ & Payne, JG (1991). Affective Images of the Public Political Mind: Semantic Differential Reference Frames for an Experience of the 1988 Presidential Campaign. Political Communication and Persuasion, 8, 29-42.

  • Keating, CF, Randall, D, & Kendrick, T (1999). Presidential physiognomies: Altered images, altered perceptions. Political Psychology, 20, 593-610. Abstract: http://www.blackwell-synergy.com...

  • Todorov, A, Mandisodza, AN, Goren, A & Hall, CC (2005). Inferences of competence from faces predict election outcomes. Science, 308, 1623-1626. Abstract: http://www.ncbi.nlm...; Volltext*: http://homepage.psy.utexas.edu...
    In dieser Studie zeigt das Team um den Psychologen Alexander Todorov von der Princeton University, dass sich die Zuschreibung von Kompetenz bei den Kandidaten der Kongresswahlen in den USA ausschließlich auf deren Gesichtszüge stützte.

  • Zebrowitz LA & Montepare JM (2005b). Appearance DOES matter, Science, 308, 1565.
    Abstract: http://www.sciencemag.org...
    Zebrowitz et al. sehen die Hauptursache für den von Todorov et al. beschriebenen „Erster-Eindruck-Effekt“ in der wahrgenommenen "
    babyfacedness" der Kandidaten. In 70% aller Wahlen zum Senat war der kindsgesichtigere Kandidat der spätere Verlierer. Der Grund: Reifen Gesichter wird mehr Kompetenz zugeschrieben als solchen mit Babyface.

  • Barrett AW & Barrington LW (2005). Is a Picture Worth a Thousand Words?: Newspaper Photographs and Voter Evaluations of Political Candidates. The Harvard International Journal of Press/Politics, 10/4, 98-113

  • Caprara, G. V., & Zimbardo, P. G. (2004). Personalizing politics—A congruency model of political preference. American Psychologist, 59(7), 581–594.

  • Martin, D. S. (1978). Person perception and real-life electoral behavior. Australian Journal of Psychology, 30, 255

 

 

 

 

 

 

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