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Renz über Schönheit - Neues, Wissenswertes und Denkwürdiges aus der Attraktivitätsforschung


23. März 2009

Schönheit im Klassenzimmer

Ich warte ja schon lange darauf, dass das Thema „Schönheit im Klassenzimmer” unter Lehrern und Pädagogen mal in die Diskussion kommt. Bisher leider vergeblich.

Die Bevorzugung schöner Kinder in Kindergarten und Schule ist eigentlich ganz gut beforscht (1), zumindest was die Menge der Untersuchungen angeht. Trotzdem ergibt sich ein erstaunlich unscharfes Bild: Die Größe des Schönheitseffekts schwankt von Studie zu Studie beträchtlich: Einer französischen Untersuchung zufolge sind die Unterschiede zwischen den Noten der einzelnen Schüler zu 20-40 Prozent durch das Äußere bedingt (2), andere Forscher fanden so gut wie keinen Zusammenhang (3). Einig sind sich die meisten Studien nur darin, dass bei Mädchen das Äußere in die Gesamtrechnung der Lehrer (und Lehrerinnen) tendenziell stärker eingeht als bei Jungs.

Die mangelnde Eindeutigkeit der Ergebnisse dürfte sich zum Teil dadurch erklären, dass die verschiedenen Untersuchungen mit ganz unterschiedlicher Methodik arbeiten: Mal wird das tatsächliche Verhalten von Lehrern beobachtet, einmal Fragebögen ausgewertet, ein anderes Mal werden Experimente im Labor durchgeführt. Und in vielen Untersuchungen geht es gar nicht um echte Lehrer, sondern um Psychologiestudenten, die Lehrer spielen. - Etwa in der klassischen Studie von David Landy und Harold Sigall aus dem Jahr 1974, bei der Studenten dieselben zwei Aufsätze benoten durften - einen guten und einen schlechten (beide waren angeblich von echten Schülerinnen geschrieben). Wie sich zeigte, hing die Note, die die „Lehrer” vergaben, stark vom Foto auf dem Deckblatt ab: Hübsche Mädchen wurden um eine ganze Schulnote besser bewertet als weniger schöne. Die Schlussfolgerung der Autoren: „Auch Schönheit gehört zum Talent” (4).

Eine aktuelle Studie aus dem Journal of Educational Psychology nahm sich nun echte Lehrer vor, und zwar Grundschullehrer mit zehnjähriger Berufserfahrung. Wie wichtig, so die Fragestellung der Autoren, sind die Kriterien Rasse, Übergewicht, Attraktivität des Gesichtes und „Affekt-Ausdruck” für das Verhalten der Lehrer? (Mit „Affekt-Ausdruck” ist gemeint, ob ein Kind eher glücklich und zugänglich wirkt oder traurig und verschlossen). Jedem Lehrer wurde am Computer eine Art virtuelle Klasse aus 6- und 7-jährigen Mädchen präsentiert, die eine bunte Mischung der untersuchten Kriterien darstellten. Die Lehrer mussten nun in schneller Folge Entscheidungen treffen, die auch im echten Lehreralltag anstehen: Welches Kind nehme ich dran, wenn sich mehrere gemeldet haben? Welches schicke ich an die Tafel, um eine Aufgabe vorrechnen zu lassen? Welchem gebe ich den Auftrag, einen Zettel ins Lehrerzimmer zu bringen? Welches bekommt die Hauptrolle in einem Sketch, den die Klasse einstudiert?

Die Forscher waren davon ausgegangen, dass die Lehrer bei ihrer Auswahl vor allem nach den Kriterien “Körpergewicht” und “Rasse” entscheiden würden. - Und waren dann selber höchst überrascht, dass dem mit Nichten so war, sondern die Kriterien “Gesichts-Attraktivität” und “Affekt-Ausdruck” eine viel größere Rolle bei den Entscheidungen spielten. Um es in den Worten der Autoren zu sagen: „Fast alle Lehrer … wählten routinemäßig glücklich aussehende Kinder mit attraktiven Gesichtern aus.”

Ehrlich gesagt, hat es auch mich gewundert, dass die Kriterien „Übergewicht” und „Minderheitenstatus”  offenbar nur eine geringe Rolle gespielt haben, obwohl auch sie mit einem hartnäckigen Stereotyp besetzt sind. Weshalb ich die Studie hier aber kommentiere, ist die Sache mit dem „Affekt”: Offenbar werden nicht nur die schönen Kinder bevorzugt, sondern auch die mit der angenehmeren Ausstrahlung.

Nun hat die Frage, ob ein Kind eher ein strahlendes Lächeln auf den Lippen hat oder in seinen Gefühlsäußerungen zurückhaltend ist, mit der eigentlichen Leistung oder Leistungsbereitschaft genauso wenig zu tun wie das Aussehen. Zu einem guten Teil dürfte sich darin die PERSÖNLICHKEIT eines Kindes widerspiegeln, vor allem der Persönlichkeitsfaktor Extraversion (bzw. sein Gegenteil - Schüchternheit). Und damit reden wir letztlich genauso wie bei der Schönheit auch, über Zufälle bei der genetischen Lotterie. Persönlichkeitsmerkmale sind nun einmal zu einem guten Teil erblich (zu 50%, um genau zu sein - über die Erblichkeit von Schönheit bald einmal mehr auf diesen Seiten).

Unser Schulsystem scheint hier einen systematischen Konstruktionsfehler zu haben - bestimmte „angenehme” Konstellationen werden systematisch bevorzugt. - Was ist mit denen, die zufällig weder die eine noch die andere der gefragten Eigenschaften aufweisen können? Und das Diskriminierungsproblem dürfte noch verschärft werden, wenn mündliche Leistungen jetzt immer stärker gewichtet werden, bei denen schüchterne oder verschlossene Schüler klar benachteiligt sind. (Vom Aussehen ganz zu schweigen: Studien zeigen, dass weniger gut aussehende Kinder vor allem in den „weichen” Fächern, in denen die mündliche Leistung stärker bewertet wird, benachteiligt sind (5)).

Dass die Ursache des Konstruktionsfehlers letztlich im Kopf der Spezies Homo sapiens steckt (Lehrer sind auch nur Menschen), wird für die Betroffenen ein schwacher Trost sein. Und genauso wenig für Pädagogen, von denen die meisten ja überdurchschnittlich hohe Ideale von Gleichberechtigung und Chancengleichheit haben - und mit Sicherheit gerade das nicht wollen: ein Schulsystem, das Kinder mit bestimmten, unverdienten, Eigenschaften mehr fördert als andere, die über diese Eigenschaften nicht verfügen (oder, um es biologisch zu sagen: das einer bestimmten genetischen Ausstattung mehr Rückenwind gibt).

Umso erstaunlicher also, wie gesagt, dass das Thema eben NICHT auf der Tagesordnung ist, wenn es um pädagogische Probleme geht. Womit ich wieder am Anfang wäre. Ich warte also weiter. Und bleibe an dem Thema dran.

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Für die Profis: Fußnoten und Referenzen

(1) Review z.B. in Ritts et al 1992

(2) Maisonneuve & Bruchon-Schweitzer 1999, S. 52

(3) Eine Metaanalyse von Feingold (1992) etwa findet äußerst geringe Korrelationen zwischen schulischer Leistung und Attraktivität (r = 0,02 für Jungs und 0,07 für Mädchen)

(4) Landy und Sigall 1974

(5) Rost 1993

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Baugh, S, & Parry, L (1991). The relationship between physical attractiveness and grade point average among college women. Journal of Social Behavior & Personality, 6, 219-228

Feingold, A (1992). Good-looking people are not what we think. Psychological Bulletin, 111, 304-341

Landy, D & Sigall, H (1974). Beauty is talent: Task evaluation as a function of the performer’s physical attractiveness. Journal of Personality and Social Psychology, 29, 299-304

Maisonneuve, J & Bruchon-Schweitzer, M (1999). Le corps et la beauté, Paris: PUF

Ritts, V., Patterson, M. L., & Tubbs, M. E.  (1992).  Expectations, impressions, and judgments of physically attractive students.  Review of Educational Research, 4, 413‑426

Ross, MB & Salvia, J (1975). Attractiveness as a biasing factor in teacher judgments. American Journal of Mental Deficiency, 80, 96-98

Rost, D (1993). Attraktive Grundschulkinder. In: Hassebrauck, M & Niketta, R (Hrsg., 1993). Physische Attraktivität. Göttingen: Hogrefe, 271- 306

18. März 2009

Problemzone Vagina

Die Zugfahrt zur Leipziger Buchmesse hat mir ein bisschen Zeit beschert, den halben Festmeter an „Deutschen Ärzteblättern” durchzuforsten, der sich über Wochen und Monate angesammelt hat. Unerwarteter Weise war auch was für den Schönheitsforscher dabei: ein Artikel über „Kosmetische Intimchirurgie”. Der Text ist auch für Laien ganz gut lesbar, deshalb hier nur die wichtigsten Fakten und meine Gedanken dazu.

In Deutschland wurden 2005 ca. eintausend Schamlippenstraffungen durchgeführt, die Dunkelziffer dürfte jedoch höher sein. Nach einer britischen Erhebung hat sich die Zahl der schönheitschirurgischen Eingriffe am weiblichen Genitale innerhalb von fünf Jahren fast verdoppelt. - „Gefragt ist ein Genital”, schreiben die Autoren im Ärzteblatt, „das wie das eines jungen Mädchens aussieht und der Oberseite eines Brötchens gleicht, wobei die äußeren Schamlippen die inneren verdecken und die Schamlippen in engen Tangas und Bikinihöschen nicht auftragen sollen.”

Der Trend zur Designer-Vagina kommt im Gefolge einer anderen Mode, die sich seit ein paar Jahren fest etabliert hat: junge Frauen (und zunehmend auch Männer) rasieren sich zwischen den Beinen. Was früher verborgen war, ist nun dem kritischen Blick dargeboten - und nicht nur dem eigenen oder dem des Partners. Denn wie immer sind die Lifestyle-Medien an der Spitze der Bewegung. Und wie bei anderen Körperteilen üblich, wird auch hier eine virtuelle Realität erzeugt: Die Scham wird routinemäßig „verjugendlicht”, indem die inneren Schamlippen digital wegretouchiert werden. Die Folge lässt offenbar nicht auf sich warten: In einer aktuellen Umfrage in dreizehn Ländern hatten fast zwei Drittel der jungen Frauen an der Optik ihrer Vagina etwas auszusetzen.

Mit der Entblößung der Vagina hat eine Entwicklung ihren fast naturgesetzlichen Höhepunkt erreicht, die ihren Anfang bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts genommen hat: die schrittweise Entkleidung des menschlichen Körpers. Im Grunde lässt sich die gesamte Modegeschichte des 20. Jahrhunderts unter diesen „Megatrend zur Nacktheit” subsumieren. Noch um die Jahrhundertwende wurde in den tonangebenden Kreisen die weibliche Haut bis zu den Fingerspitzen verhüllt; nackte Arme waren nur bei den losen Damen auf der Theaterbühne zu inspizieren. Frei einsehbare - damals noch behaarte - Achselhöhlen galten als Gipfel der Frivolität. 1910 stellte der erste unter dem Rocksaum sichtbare Knöchel einen Skandal dar. Fünfzehn Jahre später sorgte das erste entblößte Knie für die gleiche Aufregung. 1964 ruft die erste Busenenthüllung am Strand von St. Tropez die Sittenpolizei auf den Plan. Mit der Hippie-Bewegung der 70er wird bald darauf auch der Rest des Körpers enthüllt, die Scham blieb jedoch noch ein gutes Weilchen unter ihrem natürlichen Haarbusch verborgen. Mit der in den 90er Jahren aufkommenden Intimrasur ist nun der letzte ehedem private Bereich öffentlich geworden.

Die „Befreiung” des Körpers war allerdings nicht ganz frei von Nebenwirkungen: In gleichem Maß, wie das Zeigen der nackten Körperteile kein MORALISCHES Problem mehr war, wurde es zum OPTISCHEN. Und das betraf zu allererst die Haare - Jeder Freilegung eines neuen Hautareals folgte obligat die Bekämpfung der dort angesiedelten Behaarung mit Klinge, Wachs, Laser oder - der letzte Schrei - wachstumshemmenden Chemikalien. (Warum die Körperbehaarung so obstinat im Visier der menschlichen Schönheitsanstrengungen ist, wird uns hier noch ein andermal beschäftigen)

Aber die Haare waren natürlich nur ein Teil des Problems. Mit jedem entblößten Körperteil waren sofort auch neue Idealvorstellungen in der Welt - und damit auch neue „Problemzonen”. 1973 gelang der „Vogue” mit der Erfindung der „Zellulitis” der Coup, quasi über Nacht achtzig Prozent der Frauen (so viele sind von diesen naturgegebenen Unebenheiten des Fettgewebes betroffen) zu Patientinnen der Kosmetikindustrie zu machen. Unter dem Diktat der ewigen Jugendlichkeit ist Schönheitschirurgie die Fortsetzung der Mode mit anderen Mitteln. Und die Designer-Vagina letztlich nur eine logische Konsequenz.

Aber die Problemzonen lassen sich offenbar noch ausweiten. In der „Vogue” wird (das stammt jetzt wieder aus meinem Ärzteblatt-Artikel) der sogenannte „G-shot”, propagiert, bei dem der ominöse (und in seiner Existenz wissenschaftlich höchst umstrittene) „G-Punkt” durch die Injektion von Kollagen aufgespritzt wird, was angeblich das Lustempfinden ultimativ steigert, zumindest vier Monate lang, bis die nächste Spritze fällig ist.

Guter Sex also nur noch mit Hilfe von Ärzten (und damit - nebenbei - gegen Geld). „Wie doof muss man eigentlich sein?” ist eigentlich das Einzige, was mir gerade dazu einfällt.

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Für die Profis:

Borkenhagen, A, Brähler, E, Kentenich, H (2009): Intimchirurgie: Ein gefährlicher Trend. Deutsches Ärzteblatt; 106(11): A-500

Literaturverzeichnis zu diesem Artikel: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/lit.asp?id=63783

13. Februar 2009

Sterben die Blonden wirklich aus?

Gestern nachmittag war es wieder so weit. Ich weiß den Anlass nicht mehr, aber irgendwie kam das Gespräch auf Blondinen. Und natürlich MUSSTE dann auch kommen, was immer kommt: „Es ist ja bloß noch eine Frage der Zeit, bis die Blonden vollends ausgestorben sind” - und das ausgerechnet von einem Pfarrer, der ja sonst berufsmäßig die Wahrheit verkündet.

Also hier und jetzt noch einmal für alle und alle Zeiten: Nein, Blonde sterben nicht aus.

Dass sie das tun sollten, taucht als Gerücht in regelmäßigen Abständen im pseudowissenschaftlichen Blätterwald auf. Der letzte Ausbruch wird sehr schön in der englischen Wikipedia nachgezeichnet: Danach schrieb die BBC 2002 in einem Artikel, “deutsche Experten” hätten herausgebracht, dass der letzte blonde Mensch im Jahr 2202 in Finnland geboren werde. Der Aprilscherz breitete sich schnell auf den verschiedensten „Wissenschafts” seiten aus. Als angebliche Quelle wurde immer wieder die Weltgesundheitsorganisation angegeben, so dass die sich zu einer klarstellenden Pressemitteilung bemüßigt fühlte.

Viel geholfen hat es nicht. Aber sei’s drum.

Warum die Blonden NICHT aussterben, hat einen ganz einfachen Grund: Es gibt keinen Selektionsdruck gegen das „Blond-Gen” (die Profis unter uns wissen, dass ich von einem Allel spreche …). Im Gegenteil: das Gen für blonde Haare ist eine evolutionäre Erfolgsgeschichte ersten Ranges. Nach allem, was man derzeit weiß, ist es erst mit dem Ende der letzten Eiszeit, also vor gut 10000 Jahren, durch eine einzelne Mutation in die Welt gekommen, die sich irgendwo im heutigen Ostseeraum ereignet haben muss. 10000 Jahre! - Evolutionär betrachtet ist das ein Wimpernschlag - gerade einmal 400 Generationen, und in dieser Mini-Spanne hat sich das Gen auf Millionen von Menschen ausgebreitet. - (Warum es so rasend schnell gegangen ist, wird uns sicher auch noch einmal beschäftigen)

Das Gerücht vom Verschwinden der Blonden dürfte damit zusammenhängen, dass das Blond-Gen „rezessiv” ist, also nur dann zum Ausdruck kommt, wenn es mit einem anderen, vom anderen Elternteil übertragenen Blond-Gen zusammenarbeitet. (Wenn ich von „blond” oder „dunkel” spreche, vereinfache ich ein bisschen - eigentlich gibt es nämlich 11 verschiedene Gene für Haarfarbe, davon 7, die nur bei Europäern vorkommen - darunter auch das „Blond-Gen”). Wenn ein Gen für „blond” mit einem für „dunkel” zusammentrifft, ist seine Wirkung unterdrückt, der entsprechende Mensch hat dunkles Haar. Nur - und das ist der Punkt bei dieser Geschichte - das Blond-Gen ist deshalb noch lange nicht verschwunden, sondern wartet jetzt sozusagen in versteckter Form geduldig auf seine nächste Chance. Die Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich in die nächste Generation weiterkommt, ist genauso hoch wie die für das dominante Dunkelhaar-Gen, nämlich 50%. Trifft es dann wieder auf ein Dunkelhaar-Gen - Pech gehabt. Trifft es jedoch auf ein Blond-Gen - bingo. Wohlgemerkt: dieses Blond-Gen kann genauso von einem dunkelhaarigen wie einem blonden Elternteil stammen - ein blondes Kind kann also durchaus zwei dunkelhaarige Eltern haben. Wenn es der Zufall will, kann blondes Haar auch noch nach Generationen von dunkelhaarigen Eltern, Großeltern, Urenkeln etc. urplötzlich auftauchen - denn - das ist das Fazit dieser Geschichte: Gene gehen nie verloren, es sei denn, ihre Träger wären in der natürlichen Auslese benachteiligt - was auf Blonde ganz offensichtlich nicht zutrifft.

Literatur:

Frost, P. 2006. European hair and eye color - A case of frequency-dependent sexual selection? Evolution and Human Behavior 27:85-103

4. Dezember 2008

Zum Glück Botox?

Gestern saß ich nach einem Vortrag an einer Uni noch mit den Veranstaltern in der Kneipe zusammen und irgendwie kam das Gespräch auf Botox. „Botox, noch nie gehört …” - immerhin von einem Professor (der Philosophie). Also kurz: Botox heißt eigentlich Botulinumtoxin A und ist das Produkt des sporenbildenden Bakteriums Clostridium botulinum. Schon kleinste Mengen des Stoffes verhindern die Signalübertragung in Nervenzellen und lähmen die entsprechenden Muskeln. Und das macht sich die Schönheitsindustrie zu Nutze: Mit einer Botox-Spritze werden die Gesichtsmuskeln von Stirn und Augenregion quasi außer Betrieb gesetzt. Mit der Folge, dass sich dort auch keine Falten mehr bilden können, zumindest ein paar Wochen lang, bis die Wirkung wieder nachlässt. Botox ist in den letzten Jahren zu DER Schönheitsdroge aufgestiegen - weltweit wurden 2007 schätzungsweise 10 Millionen Behandlungen durchgeführt.

Aber jetzt zum eigentlichen Thema heute: Kann man durch Botox glücklicher werden? - Auf die Frage komme ich durch einen enthusiastischen Artikel amerikanischer Schönheitschirurgen in einer dermatologischen Fachzeitschrift („Botulinum toxin and the facial feedback hypothesis - Can looking better make you feel happier?”). Dabei geht es mal nicht um die übliche (und nicht einmal falsche) Argumentation - „Botox macht jünger und damit attraktiver, und wer attraktiv ist, bekommt mehr Aufmerksamkeit und soziale Streicheleinheiten” - nein, das Thema des Artikels ist handfeste Neurowissenschaft, nämlich die sog. „facial feedback hypothesis”. Die sagt im Wesentlichen folgendes: Gesichtsausdrücke sind keine Einbahnstraße. So wie sich unsere Gefühle, wie z.B. Freude oder Angst, auf unserem Gesicht widerspiegeln, so beeinflussen umgekehrt die entsprechenden Gesichtsausdrücke auch unsere Gefühle.

Die Idee geht eigentlich schon auf Charles Darwin zurück, der über Gesichtsausdrücke einmal sagte: „Schon das bloße Simulieren eines Gefühls lässt dieses in unserem Kopf entstehen”. Dass er damit Recht hatte, ist inzwischen in verschiedenen Experimenten bestätigt worden. Am besten gefällt mir das, bei dem Versuchspersonen einen Bleistift zwischen den Zähnen halten mussten (wodurch ein simuliertes Dauerlächeln entstand) und dabei Comics lesen durften - die mit dem Bleistift-Lächeln fanden ihre Lektüre lustiger als die ohne. (Strack et al 1988, s.u.)

Aber was hat das jetzt mit Botox zu tun? - Mancher wird es vielleicht schon erraten haben: Wenn die Aktivität der Gesichtsmuskeln unsere Gefühle beeinflusst, muss auch das Lahmlegen der entsprechenden Muskeln etwas mit unseren Gefühlen machen. Und genau darüber spekuliert nun der Artikel: Botox macht demnach glücklich, weil es die in der Stirn- und Augenregion angesiedelten Muskeln lähmt, mit denen wir Zorn, Angst und Trauer ausdrücken. Denn wenn die ausfallen, ist auch die Rückkopplung zum Hirn unterbrochen und damit den schlechten Gefühlen ein Dämpfer verpasst. Die pharmakologisch hergestellte „heitere Stirn” müsste letztlich auch zu mehr Heiterkeit im Hirn führen.

Tut sie das? - Möglicherweise ja.

Forscher um den Neuropsychologen Andreas Hennenlotter am Münchener Klinikum rechts der Isar verabreichten 19 Frauen Botox-Injektionen im Bereich der Stirne, und zwar genau in den Muskel, mit dem wir üblicherweise die Stirne runzeln, wenn wir Ärger empfinden. Nach zwei Wochen legten sie ihre Probandinnen in die Magnetresonanz-Röhre und zeigten ihnen Bilder von wütenden oder traurigen Gesichtern und forderten sie auf, den Gesichtsausdruck auf den Bildern nachzumachen. Das Ergebnis: im Vergleich zu Frauen, die kein Botox erhalten hatten, zeigte sich bei den behandelten Frauen deutlich weniger Aktivität im sogenannten Mandelkern, der auf die Verarbeitung von Gefühlen spezialisiert ist. Botox dämpfte also die Gefühlsreaktion - eine klare Unterstützung für die „Feedback-Hypothese”. Danach nehmen wir Gefühle wahr, indem wir sie mit der mimischen Muskulatur quasi „nachstellen”. Die gelähmte Mimik im Bereich der Stirn stellte in dem Münchener Experiment also tatsächlich eine Art Filter für miese Gefühle dar - da der „Zornesmuskel” außer Gefecht gesetzt war, konnten auch keine Zornes-Signale im Hirn ankommen. (Für traurige Gefühle ließ sich ein solcher Effekt zwar nachweisen, er war aber weniger eindeutig). Die Forscher aus München merken ganz richtig an, dass mit ihrem Experiment noch nicht unbedingt nachgewiesen sei, dass die Botox-behandelten Probandinnen auch wirklich weniger Ärger FÜHLEN - plausibel wäre das jedoch durchaus.

Der oben erwähnte Artikel der amerikanischen Botox-Enthusiasten geht aber noch einen Schritt weiter: Wer mit Botox-glatter Stirn durch die Welt geht, müsste nicht nur selber glücklicher sein - dasselbe müsste auch für die Mitmenschen gelten. Und zwar deshalb, weil sie nun negativen Gefühlsausdrücken  in geringerem Maß ausgesetzt sind. - Hinter der Argumentation steckt ein altbekanntes Phänomen, das sich bereits an Säuglingen beobachten lässt: Menschen machen automatisch die Gesichtsausdrücke ihres Gegenübers nach. Ein trauriges Gesicht zaubert auch auf unser Gesicht Trauer, ein Lächeln dagegen lässt auch uns lächeln.

Diese imitierten Gesichtsausdrücke sind nun aber - wie wir von unserer Rückkoppelungs-Hypothese wissen - alles andere als nur „aufgesetzt”, sondern lösen die entsprechenden Empfindungen auch TATSÄCHLICH  in uns aus. Die Gefühle unseres Gegenübers haben damit also einen Weg in UNSER Hirn gefunden - wir fühlen buchstäblich mit. (Wobei der Weg der Gefühle genau genommen ein Umweg ist: Erst spiegelt sich das Gefühl des “Senders” in dessen Gesicht , von da springt es dann über den Nachahmungsreflex auf das Gesicht des “Empfängers” über, und gelangt von da dann per “Gefühlsausdrucks-Rückkopplung” in dessen Hirn.)

An dieser “Gefühlsübertragung” setzt nun die Argumentation der Botox-Forscher an: Es lassen sich zwar keine Gefühle wegspritzen, aber immerhin deren Spuren im Gesicht. Wer also seine Sorgen- und Zornesfalten wegbügeln lässt, erspart nicht nur sich selber, sondern auch seiner Umwelt schlechte Gefühle. Und diese Wirkung auf die Umwelt gilt nicht nur für “echte”, gefühlsbedingte Falten, sondern auch für die vielen alters- und lebensbedingten Falten, die ein älteres Gesicht nur scheinbar traurig, wütend oder besorgt aussehen lassen, und auf die wir trotzdem mit „Mitgefühl” reagieren müssen, weil unser primitiver Wahrnehmungsapparat sie für bare Münze nimmt.

Die Argumentation ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern kann sich im Gegenteil auf eine, ebenfalls aus München stammende Studie berufen, nach der Botox-Gesichter tatsächlich positiver auf ihre Mitmenschen wirken - sie werden als weniger verängstigt und zornig und unter dem Strich als glücklicher empfunden. Die Gleichung „weniger Sorgenfalten = sorgenfreieres Aussehen” scheint also aufzugehen. Bleibt natürlich noch die Frage, ob das positivere Aussehen dann wirklich auch zu positiveren Gefühlen bei den Mitmenschen führt. - Explizit erforscht ist das bisher noch nicht - aber wenn die Theorie der „Gefühlsübertragung von Gesicht zu Gesicht” Recht hat, könnte da durchaus etwas dran sein: Wer weniger mit negativen Gefühlssignalen aus seiner Umgebung konfrontiert ist, wird auch weniger negative Gefühle empfinden.

Aber - vielleicht liegt es Ihnen ja schon auf den Lippen - Macht Botox nicht auch die guten Gefühle kaputt? Schließlich lähmt Botox auch den Ringmuskel um die Augen herum, der die lustigen Fältchen in den Augenwinkeln entstehen lässt, wenn wir von Herzen lachen? - Wohl wahr, sagen die Botox-Enthusiasten, aber Lächeln oder Lachen spielt sich eben nicht nur an den Augen ab sondern in größerem Maß noch am Mund. Der Muskel aber, der beim Lachen den Mundwinkel hebt, wird bei der üblichen Botox-Behandlung nicht gelähmt. Die guten Gefühle werden also nur etwas abgedämpft, während die negativen Emotionen im Bereich der Stirn mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden - unter dem Strich ein Netto-Gewinn an Glück, für alle Beteiligten.

Soweit der Artikel. “Zu schön, um wahr zu sein”, geht manchem vielleicht durch den Kopf. Wenn da wirklich was dran ist, kann die Botox-Industrie Gemeinnützigkeit beantragen. - Wir werden der Sache deshalb weiter nachgehen (nicht heute, aber in einem der nächsten Postings).

Referenzen:

Alam, M., Barrett, K.C., Hodapp, R.M., & Arndt, K.A. (2008). Botulinum toxin and the facial feedback hypothesis: Can looking better make you feel happier? Journal of the American Academy of Dermatology, 58, 1061-72.

Strack R, Martin LL, Stepper S. Inhibiting and facilitating conditions of facial expressions: a non-obstrusive test of the facial feedback hypothesis. J Pers Social Psych 1988;54:768-77

Dimberg, U., Thunberg, M., & Elmehed, K. (2000). Unconscious facial reactions to emotional facialexpressions. Psychological Science, 11(1), 86-89

11. November 2008

Hä? - Intelligenz macht attraktiv?

“Frauen stehen auf intelligente Männer” oder „Intelligenz macht Männer attraktiv”, solche Überschriften sind in den letzten Tagen auf den Wissenschaftsseiten zu lesen. Im New Scientist hieß es: „Nerds rejoice! Braininess boosts likelihood of sex” (frei übersetzt: Auch ein Bücherwurm kann eine sexy Biene abkriegen).

Mark Prokosch, der das angeblich alles rausgebracht hat, ist Psychologe an der University of California in Davis, und schüttelt wahrscheinlich gerade genauso den Kopf wie ich, nachdem ich seine Studie im Original gelesen habe. Denn da kann ich beim besten Willen keinen Hinweis darauf finden, dass männliche Intelligenz Frauen willenlos macht - ganz im Gegenteil: Man könnte das Ergebnis der Studie eigentlich auch so zusammenfassen: Intelligenz kommt für Frauen unter „ferner liefen”, wenn es um den Idealpartner geht.

Zu der Frage, wie dann die Jubelmeldungen über den Sexappeal des männlichen Großhirns in die Presse gekommen ist, sag ich gleich noch etwas - aber erst einmal die Studie:

Prokosch und seine Mitstreiter ließen 15 männliche Studenten einen Intelligenztest ausfüllen und dann vor der Kamera die verschiedensten Aufgaben erledigen - einen Zeitungsartikel vorlesen, erklären, warum gerade sie ein guter Partner wären, und erläutern, welche Konsequenzen die Entdeckung von Leben auf dem Mars hätte. Zudem hatten die Probanden eine Frisbee-Scheibe zu werfen und zu fangen. Videoschnipsel aus diesen Präsentationen wurden dann 204 Frauen vorgespielt, die Kreativität, Intelligenz und Attraktivität der Hauptdarsteller sowie deren Eignung als Kurz- oder Langzeitpartner bewerten sollten.

Das Ergebnis, ganz kurz:

  • Unter den Auswahlkriterien, die die Frauen ihrer Entscheidung für einen „Mann fürs Leben” offenbar zugrundelegten, landete Intelligenz auf dem LETZTEN Platz -sie floss exakt zu 8,1 % in ihr Gesamturteil ein. Das Aussehen des Kandidaten dagegen zu über 40 %! („Finanzielle Sicherheit” war zu 14 %, und „Verlässlichkeit” zu 18 % beteiligt)
  • Wenn es um “nur Sex” geht, wird es sogar noch peinlicher - Intelligenz machte gerade 3 % des Gesamtpakets aus, Attraktivität dagegen 60 %. - Intelligenz lässt sich damit für eine Affäre also eher unter der Rubrik „stört nicht” fassen (was bei Männern in entsprechenden Studien andersrum übrigens genauso ist)

Soviel also zum Thema „Intelligenz macht attraktiv”. - Wie es zu dieser Ente kommen konnte? - Wer das Abstract der Studie liest, und mit der Studie selber vergleicht, weiß Bescheid: die Zusammenfassung gibt die Studienergebnisse vollkommen verzerrt wieder. („Unsere Befunde legen nahe, dass Intelligenz … den Partnerwert beeinflusst” - kein Wort davon, wie erbärmlich schwach der Effekt, vor allem auch nicht, wie stark die anderen Effekte waren.) Und erst recht der Titel: „Intelligenz und Partnerwahl: Intelligente Männer gefallen immer”. Nur Mark Prokosch selber weiß, wie er auf die Idee gekommen ist … Auch wenn es natürlich kritikwürdig ist, dass es unter manchen Wissenschaftsjournalisten offenbar nicht üblich ist, die Studien zu LESEN, über die sie berichten - Mark Prokosch muss sich an die eigene Nase fassen. Wer über Intelligenz schreibt, sollte auch intelligente „Zusammenfassungen” zustandebringen.

Für die Profis unter uns noch ein paar andere Ergebnisse der Studie:

  • Tatsächliche und zugeschriebene Intelligenz korrelierten mit r = ca. 0,45 und damit erwartungsgemäß mehr als in den meisten Studien, die nur Fotos als Stimulusmaterial verwenden (nach einem Literatur-Überblick von Leslie Zebrowitz liegen die entsprechenden Korrelation in den meisten Studien bei knapp 0,3. Trotzdem sind auch in der Prokosch-Studie immer noch fast 80% der Varianz nicht erwischt. Dafür, dass Intelligenz in manchen Studien als fortpflanzungsrelevanter „Fitness-Indikator” gehandelt wird, ist das für meinen Geschmack viel zu viel. - Will heißen: wenn Intelligenz als Partnerwahlkriterium wirklich so wichtig wäre, müssten wir einen besseren Riecher dafür haben (wohlgemerkt, die TATSÄCHLICHE Intelligenz der Kandidaten ging nur mit wenigen Prozenten in die Entscheidung ein).
  • (Subjektiv beurteilte) “Kreativität” spielt offenbar auch ein Rolle bei der Partnerwahl, aber da hier offenbar ein großer Attraktivitäts-Halo besteht, blieb auch davon nach Regression fast nichts mehr übrig.
  • Interessant wie immer die Nebenbefunde: Die Vorlieben der Frauen waren völlig unabhängig von ihrem jeweiligen Zyklusstand (die Studie steht damit im Widerspruch zu einem ganzen Stapel an anderen, Review siehe Gangestad & Thornhill 2008).

Referenzen:

Prokosch, M.D., Coss, R.G., Scheib, J.E. & Blozis, S.A. (in press). Intelligence and mate choice: Intelligent men are always appealing Intelligence and mate choice: intelligent men are always appealing. Evolution and Human Behavior

Zebrowitz, L. A., Hall, J. A., Murphy, N. A., & Rhodes, G. (2002). Looking smart and looking good: Facial cues to intelligence and their origins. Personality and Social Psychology Bulletin 28, 238-249

Gangestad and R. Thornhill. Human oestrus. Proceedings of the Royal Society of London B 275:991-1000

9. November 2008

Attraktivität und Eheglück

Heute geht es um die Liebe. Im Journal of Family Psychology ist ein Artikel zu lesen, in dem es um die Zufriedenheit von Frischverheirateten mit ihrer Ehe geht. Hier das Ergebnis:

  • Attraktive Männer waren mit ihrer Ehe unzufriedener als weniger attraktive - und verhielten sich ihrem Partner gegenüber auch entsprechend wenig einfühlsam. (Die Kandidaten mussten ein 10-minütigen Gespräch über ein persönliches Problem miteinander führen, das danach ausgewertet wurde, wie gut die Partner aufeinander eingingen)
  • Das Aussehen des jeweiligen PARTNERS spielte keine Rolle - weder für die Zufriedenheit noch für das tatsächliche Verhalten in der Testsituation.
  • Auch wie ÄHNLICH sich die beiden Partner in ihrem Schönheitsniveau waren, spielte für die Beziehungsqualität keine Rolle.
  • Das Wichtigste für ein positives Miteinander war, dass die Frau attraktiver als der Mann war.

Mit anderen Worten: wenn schon einer der Partner der Attraktivere ist, dann sollte es bitteschön die Frau sein. “Männliche Attraktivität ist Gift für die Ehe”, wird bald in der Brigitte und “Gehirn & Geist” zu lesen sein.

Was ist wirklich dran? - Bis auf weiteres nicht viel, die Ergebnisse kann man allenfalls als “sehr vorläufig” bezeichnen, aus folgenden Gründen:

  • Die Stichprobe ist mit 82 Paaren recht klein
  • Die Attraktivitätsbewertung wurde von nur 6 Menschen vorgenommen (Die Profis unter uns wissen, dass zu einer zuverlässigen Schönheitsbeurteilung mindestens 12 Personen benötigt werden). Dazu kommt, dass nur die GESICHTER der Partner bewertet wurden, also beispielsweise Gewichtsprobleme etc. völlig außen vor gelassen wurden. Das alles könnte mit ein Grund sein, warum die ermittelten Schönheitswerte irgendwie merkwürdig aussehen - weder der Durchschnittswert passt (er ist eine Note zu klein), noch die Tatsache, dass Männer im Durchschnitt besser abschneiden als Frauen (im “wirklichen Leben” ist es gerade andersherum). Genauso unplausibel ist auch die auffällig niedrige Ähnlichkeit der Schönheitswerte der beiden Partner (die Korrelation betrug r = 0,24, zu erwarten wäre jedoch deutlich mehr - nach einer Metaanalyse beispielsweise 0,39 (Feingold 1988)).
  • Es ist das Geheimnis der Autoren, warum gerade FRISCH VERHEIRATETE ausgesucht wurden, um die Frage nach dem Einfluss von Attraktivität zu beantworten. Nach meinem Gefühl (und Erfahrung - jawohl) offenbart sich die wirkliche Qualität einer Beziehung nicht im Honeymoon.

Die Erklärung der Autoren für ihre Ergebnisse ist ebenfalls nicht gerade zufriedenstellend: Im Vergleich zu ihrer Partnerin attraktivere Männer sind demnach den Verlockungen durch andere, attraktivere Frauen ausgesetzt, und  lassen sich deshalb weniger auf ihre Ehepartnerin ein und sind damit unzufriedener. Relativ (verglichen mit ihren Männern) attraktivere Frauen dagegen sind von der geringeren Attraktivität ihrer Männer nicht angekränkelt, weil die äußere Attraktivität für sie nicht das Haupt-Auswahlkriterium bei ihrer Partnerwahl ist …

Natürlich ist das nicht völlig aus der Luft gegriffen, aber naheliegendere Erklärungen werden leider nicht durchgespielt: Etwa die, die sich aus der Partnerwert-Theorie ergeben: Demnach bringen beide Partner unterschiedliche Stärken bzw. Qualitäten in die Beziehung ein, die sich unter dem Strich idealerweise die Waage halten. Wenn ein Mann demnach körperlich attraktiver ist als seine Frau, bringt er möglicherweise auf anderen Gebieten einen geringeren “Wert” auf die Waage - etwa beim Status oder bei den Persönlichkeitseigenschaften - alles Faktoren, die die Zufriedenheit und Beziehungsqualität beeinflussen können. Oder - auch das wird nicht diskutiert - der SELBSTWERT der Partner sorgt für eine generell ungleiche Verteilung von Partnerwert (in vielen Beziehungen verfügt der weniger attraktive Partner über einen geringeren Selbstwert (Murstein et al. 2002).

Auch wurde die SUBJEKTIVE Einschätzung sowohl der eigenen Attraktivität als auch der des Partners vollkommen ausgeblendet - obwohl für Fragen nach dem jeweiligen “Marktwert” oder auch der Zufriedenheit mit Sicherheit mehr die “gefühlte” Schönheit eine Rolle spielen dürfte, also wie MAN SELBER sich bzw. den Partner sieht, und nicht, wie ANDERE ein Paar beurteilen. (Studien zeigen, dass in der Regel nicht nur jeder Einzelne sich selbst durch die rosarote Brille betrachtet, sondern in noch viel stärkerem Maß den jeweiligen Partner in seinem Aussehen idealisiert (Murstein 1972, Barelds-Dijkstra & Barelds 2007). Und je schöner der Partner eingestuft wird, desto befriedigender wird die Beziehung empfunden (Sangrador & Yela 2000, Murstein & Christy 1976).

Fazit: Die Studie muss dringend mit besserer Methodik und Fragestellungen wiederholt werden. Dann reden wir nochmal über das Thema.

Referenz:

McNulty, J. K., Neff, L. A., & Karney, B. R. (2008). Beyond initial attraction: Physical attractiveness in newlywed marriage. Journal of Family Psychology, 22, 135-143.

Sangrador, JL & Yela, C (2000). ‘What is Beautiful is Loved’: Physical attractiveness in love relationships in a representative sample. Social Behavior and Personality, 28 (3), 207-218

Murstein, BI & Christy, P (1976). Physical attractiveness and marriage adjustment in middle-aged couples. Journal of Personality & Social Psychology, 34, 537-542.

Murstein, BI (1972). Physical attractiveness and marital choice. Journal of Personality and Social Psychology, 22, 8-12.

Murstein, BI, Reif, JA & Syracuse-Siewert, G (2002). Comparison of the function of exchange in couples of similar and differing physical attractiveness. Psychological Reports, 91(1), 299-314.

Barelds-Dijkstra P, Barelds DP: Positive illusions about one’s partner’s physical attractiveness. Body Image. 2008 Mar;5(1):99-108.

Feingold, A (1988). Matching for attractiveness in romantic partners and same-sex friends: A metaanalysis and theoretical critique. Psychological Bulletin, 104, 226-235.

Margolin, L., & White, L. (1987). The continuing role of physical attractiveness in marriage. Journal of Marriage and the Family. 49, 21-27 (behandelt die Frage, wie das Älterwerden des Partners die Zufriedenheit mit der Beziehung beeinflusst).

6. November 2008

Schönes Gesicht oder schöner Körper - was ist wichtiger?

Was zählt eigentlich mehr, wenn es um Attraktivität geht - das Gesicht oder der Körper? - Eine der Fragen, die man als Schönheitsexperte regelmäßig zu hören bekommt.

Das Gesicht, sagt die australische Attraktivitätsforscherin Marianne Peters. Sie legte Probanden Fotos verschiedener Männer und Frauen vor, und zwar in jeweils drei Varianten: einmal nur das Gesicht, einmal den Körper (mit verdecktem Gesicht) und einmal den ganzen Menschen.

Das Ergebnis in Kurzform: Was unter dem Strich als Schönheits-Gesamtnote herauskam, hatte zu zwei Dritteln mit dem Gesicht zu tun. Nur ein Drittel ging auf das Konto des Körpers. (Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern waren minimal: Bei Männern lag der Beitrag des Gesichts mit 68% etwas höher als bei Frauen (60%)).

Das Ergebnis wird niemanden überraschen, der weiß, wie eminent wichtig das Gesicht als Sender sozialer Signale ist. Kein Bereich des Körpers ist nur annähernd so informationsgeladen wie die paar Quadratzentimeter des Gesichtes, und ein guter Teil unseres Gehirns ist ausschließlich darauf spezialisiert, diese Informationen zu dechiffrieren - Geschlecht, Alter, Identität, Gefühle, Absichten, Blickrichtung … und eben auch: Attraktivität. (Selbstverständlich ist es auch das GESICHT, das den ersten Blick des Gegenübers abbekommt, und nicht etwa der Busen oder der Hintern, wie gerne behauptet wird).

Für die Profis unter uns noch zwei Fußnoten: Die Studie konnte nur ca. 40% der Varianz in der Gesamtattraktivität aufklären, das letzte Wort in der genauen Gewichtung der einzelnen Faktoren ist also noch nicht gesprochen. Das zugrundeliegende methodische Problem liegt für mein Gefühl u.a. darin, dass die Gesichter mit ovalären Masken, die den Einfluss der Haartracht ausschalten sollten, verdeckt (und damit verunstaltet) wurden.

Zweite Fußnote: Die Beiträge von Gesicht und Körper zur Gesamtattraktivität waren statistisch unabhängig voneinander. Auch in der Principle Components Analysis wurden die Körper- und Gesichts-Faktoren in unterschiedlichen Hauptkomponenten geladen. Das Ergebnis von Marianne Peters steht damit im Widerspruch zu einer unter Gute-Gene Protagonisten (Was das ist? Mehr dazu in meinem Posting “Gute Gene, schlechte Gene …) populären Annahme, wonach der Körper und das Gesicht ein “einheitliches Ornament” (single ornament) darstellten, welches genetische Qualität signalisiere (die Theorie vom single ornament kam mit einer 1999 publizierten, methodisch allerdings etwas fragwürdigen Studie von Randy Thornhill und Karl Grammer in die Welt).

Referenzen:

Peters, M., Rhodes, G., & Simmons, L. W. (2007). Contributions of the face and body to overall attractiveness. Animal Behaviour,73, 937-942

Thornhill, R & Grammer, K (1999). The body and face of woman: one ornament that signals quality? Evolution and Human Behavior, 20, 105–120.

Obama the Beautiful

So sehr ich mich über Obamas Sieg freue, der Attraktivitätsforscher in mir kann es nicht lassen: Natürlich ist es zuallererst Obamas ATTRAKTIVITÄT, die ihn zum Präsidenten gemacht hat. Wenn der Vergleich mit Kennedy seine Berechtigung hat, dann genau an diesem Punkt. Damals war es ein 43jähriger Grünschnabel, dazu noch Katholik, der die Wahl gewann - genauso ein “Wunder” wie der heutige Sieg eines Schwarzen.

Hinter dem Wunder steht damals wie heute das Fernsehen. Bei seiner Debatte mit Nixon am 26. September 1960 in Chicago (dem ersten TV-Duell der Geschichte überhaupt) gewann Kennedy schätzungsweise zwei Millionen Wähler - und zwar nachweislich schönheitsbedingt: Im Gegensatz zu den Fernsehzuschauern, deren überwältigende Mehrheit Kennedy als Sieger sah, hatte bei den Radiohörern nämlich Nixon die Nase vorne. Am Ende ging die Wahl dann mit einem hauchdünnen Vorsprung von 112 000 Stimmen an Kennedy.

Das meines Wissens erste Experiment zum Einfluss von Schönheit auf politische Wahlen fand 1974 in Kanada statt: Vor den Parlamentswahlen ließen zwei Psychologie-Professoren die Attraktivität der Kandidaten von ihren Studenten in drei Kategorien einteilen. Das tatsächliche Wahlergebnis zeigte dann, dass die Schönsten fast dreimal mehr Stimmen (32%) als die Unattraktivsten (11%) erhielten. (Efran & Patterson 1974, Literatur unten)

1979 demonstrierte die Sozialpsychologin Shelly Chaiken in einem klassischen Experiment, wie sehr Schönheit beim „Verkauf“ politischer Meinungen mitspielt. Bei einer Unterschriftensammlung auf dem Uni-Campus für die Einführung vegetarischer Menüs in der Mensa stellte sie fest, dass die attraktivere Hälfte der männlichen Aktivisten von 53 Prozent der Angespochenen eine Unterschrift bekamen, die weniger Bezaubernden dagegen nur von 38 Prozent. Die attraktiveren Frauen hatten bei 47 Prozent der Passanten Erfolg, die weniger hübschen nur bei 29 Prozent (Literatur unten).

Das Attraktivitätsstereotyp lässt grüßen. (Für die, die neu hier im Blog bzw. im Schönheits-Thema sind: Unter “Attraktivitätsstereotyp” versteht man die Tatsache, dass Menschen in ihrem Hirn “schön” und “gut” gleichsetzen). Einem attraktiven Menschen (ob Politiker oder nicht) wird quasi reflexartig mehr Vertrauen entgegengebracht.

Für die Profis - hier die wissenschaftliche Forschung zum Thema “Politik und Attraktivität” (nach Aktualität):

  • Antonakis, J., Dalgas, O.: Predicting Elections: Child’s Play!. Science 323, S. 1183, 2009.
    Studenten an einer Schweizer Universität wurden Bilder der Kandidaten der französischen Parlamentswahlen 2002 vorgelegt. Sie mussten nun entscheiden, welchen der (ihnen völlig unbekannten) Politiker sie für kompetenter, intelligenter und führungsstärker hielten. In ca. 70 Prozent der Fälle fiel die Wahl auf den tatsächlichen Sieger - demnach waren die Wähler also genauso wie die Probanden rein nach dem Äußeren gegangen. Das Originelle an der Studie ist, dass dieselben Bilder in einem zweiten Teil des Experimentes auch Kindern vorgelegt wurden, die entscheiden sollten, welchen der Abgebildeten sie zum Kapitän einer fiktiven Schiffsreise machen würden und dabei ziemlich genau dieselbe Wahl trafen wie Erwachsene.
  • Bailenson, J.N., Iyengar, S., Yee, N., & Collins, N. A. (in press). Facial similarity between voters and candidates causes influence. Public Opinion Quarterly.
    Bailenson untersucht v.a. den Einfluss von Ähnlichkeit (zwischen Kandidat und Wähler) auf Wahlentscheidungen
  • Rosar, U, Klein, M, Beckers, T (2008). The frog pond beauty contest: Physical attractiveness and electoral success of the constituency candidates at the North Rhine-Westphalia state election of 2005. European Journal of Political Research, 47 (1), 64-79
    Abstract und Volltext: http://www.blackwell-synergy.com…

  • Ballew, C.C., and Todorov, A. (2007). Predicting political elections from rapid and unreflective face judgments. Proceedings of the National Academy of Sciences (USA), 104, 17948-17953. (Experimente zu den Gouverneurs- und Senatswahlen in den USA 2006 - Die Einschätzung von Kompetenz, die Probanden aufgrund von Porträtfotos der (ihnen unbekannten) Kandidaten nach einer Expositionszeit von nur 100 ms trafen, sagten den Wahlerfolg der jeweiligen Kandidaten rel. zuverlässig voraus). Volltext*: http://www.pnas.org…
  • Little AC, Burriss RP, Jones BC, Roberts SC. (2007). Facial appearance affects voting decisions. Evolution and Human Behaviour 28, 18-27 [Die Studie ist allerdings wegen methodischer Fehler in der Morphing-Technik (das Paar Bush/Kerry betreffend) z.T. sehr mit Vorsicht zu genießen)
    Volltext auf der Homepage von Tony Little
  • Bailenson, J. N., Garland, P., Iyengar, S., & Yee, N. (2006). Transformed facial similarity as a political cue: A preliminary investigation. Political Psychology, 27, 373-386.
  • Rosar, U & Klein, M (2005). Physische Attraktivität und Wahlerfolg. Eine empirische Analyse am Beispiel der Wahlkreiskandidaten bei der Bundestagswahl 2002. Politische Vierteljahresschrift, 46 (2), 263-287.
    Abstract: http://www.springerlink.com

  • Todorov, A, Mandisodza, AN, Goren, A & Hall, CC (2005). Inferences of competence from faces predict election outcomes. Science, 308, 1623-1626. Abstract: http://www.ncbi.nlm…; Volltext*: http://homepage.psy.utexas.edu…
    In dieser Studie zeigt das Team um den Psychologen Alexander Todorov von der Princeton University, dass sich die Zuschreibung von Kompetenz bei den Kandidaten der Kongresswahlen in den USA ausschließlich auf deren Gesichtszüge stützte.

  • Zebrowitz LA & Montepare JM (2005). Appearance DOES matter, Science, 308, 1565.
    Abstract: http://www.sciencemag.org…
    Zebrowitz et al. sehen die Hauptursache für den von Todorov et al. beschriebenen „Erster-Eindruck-Effekt“ in der wahrgenommenen “babyfacedness” der Kandidaten. In 70% aller Wahlen zum Senat war der kindsgesichtigere Kandidat der spätere Verlierer. Der Grund: Reifen Gesichter wird mehr Kompetenz zugeschrieben als solchen mit Babyface.

  • Barrett AW & Barrington LW (2005). Is a Picture Worth a Thousand Words?: Newspaper Photographs and Voter Evaluations of Political Candidates. The Harvard International Journal of Press/Politics, 10/4, 98-113
  • Caprara, G. V., & Zimbardo, P. G. (2004). Personalizing politics—A congruency model of political preference. American Psychologist, 59(7), 581–594.

  • Klein, M & Ohr, D (2000). “Gerhard oder Helmut? ‘Unpolitische’ Kandidateneigenschaften und ihr Einfluß auf die Wahlentscheidung bei der Bundestagswahl 1998″, Politische Vierteljahresschrift, 41 (2), 199-224. Abstract: http://www.springerlink.com…
  • Keating, CF, Randall, D, & Kendrick, T (1999). Presidential physiognomies: Altered images, altered perceptions. Political Psychology, 20, 593-610. Abstract: http://www.blackwell-synergy.com…
  • Budesheim, TL & DePaola, SJ (1994). Beauty or the beast? The effects of appearance, personality and issue information on evaluations of political candidates. Personality and Social Psychology Bulletin, 20, 339-348.
  • Higham, P. A., & Carment, W. D. (1992). The rise and fall of politicians: The judged heights of Broadbent, Mulroney and Turner before and after the 1988 Canadian federal election. Canadian Journal of Behavioral Science, 24, 404–409 (Eine Studie zu den kanadischen Bundestagswahlen 1988 - Die Wähler schätzten die Körpergröße des Gewinners (Brian Mulroney) nach der Wahl als größer ein als vor der Wahl - umgekehrt die Größe der Verlierer kleiner.
  • Clemmer, EJ & Payne, JG (1991). Affective Images of the Public Political Mind: Semantic Differential Reference Frames for an Experience of the 1988 Presidential Campaign. Political Communication and Persuasion, 8, 29-42.
  • Sigelman, L, Dawson, E, Nitz, M & Whicker, ML (1990). Hair loss and electability: The bald truth. Journal of Nonverbal Behavior, 14, 269-283. Abstract: http://www.springerlink.com…
  • Lewis, KE & Bierly, M (1990). Toward a Profile of the Female Voter: Sex Differences in Perceived Physical Attractiveness and Competence of Political Candidates, Sex Roles, 22, 1-12.
    Die Studie an US-Abgeordeten findet einen starken Zusammenhang zwischen zugeschriebener Kompetenz und der Attraktivität des Gesichtes des Kandidaten. Spielt es dabei eine Rolle, ob man Mann oder Frau ist? - Schöne Frauen profitieren genauso wie ihre männlichen Kollegen vom Schönheitsbonus, den sie sowohl von männlichen als auch weiblichen Wählern erhalten. Zusätzlich liegen sie jedoch in der Gunst der weiblichen Wählerschaft deutlich vorne – einfach weil sie eine Frau sind: Frauen halten Politikerinnen für kompetenter als Politiker, bei männlichen Wählern macht das Geschlecht bei der Einschätzung der Kompetenz dagegen keinen Unterschied. - Diese Ergebnisse stehen allerdings im Widerspruch zu früheren Studien, in denen nur das männliche Politik-Personal vom Schönheitsbonus profitierte, Frauen also tendenziell mit dem bekannten Vorurteil zu kämpfen hatten: schön aber leider inkompetent. Spiegeln die Ergebnisse von Lewis & Bierly möglicherweise eine Trendwende wider? Wird Frauen in dem Maß, wie Politik eben nicht mehr reine Männerdomäne ist, auch mit weniger Vorurteilen begegnet?
  • Kraus, S. (1988). Televised Presidential Debates and Public Policy. Hillsdale, NJ: Erlbaum
  • Sigelman, CK, Thomas, DB, Sigelman, L & Robich, FD (1986). Gender, physical attractiveness, and electability: An experimental investigation of voter biases. Journal of Applied Social Psychology, 16, 229-248.
    Nach dieser Studie hilft Attraktivität zwar männlichen Politikern, bei weiblichen macht das Aussehen jedoch keinen Unterschied.
  • Sigelman, L & Sigelman, CK (1982). Sexism, Racism, and Ageism in Voting Behavior: An Experimental Analysis. Social Psychology Quarterly, 45, 263-269.
  • Chaiken, S (1979): Communicator Physical Attractiveness and Persuasion. Journal of Personality and Social Psychology, 37, 1387-1397

  • Martin, D. S. (1978). Person perception and real-life electoral behavior. Australian Journal of Psychology, 30, 255
  • Efran, MG & Patterson, EWJ (1974). Voters Vote Beautiful: The Effect of Physical Appearance on a National Election, Behavioral Science, 6, 352-356.
    Die Studie gehört zu den Klassikern der Politikwissenschaften: Anlässlich von Parlamentswahlen in Kanada teilten Studenten die Attraktivität der Kandidaten in drei Kategorien ein. Das tatsächliche Wahlergebnis zeigte, dass die Schönsten fast dreimal mehr Stimmen (32%) als die Unattraktivsten (11%) erhielten.

5. November 2008

Betr.: Digitale Schönheitsreparatur

In einem meiner letzten Postings habe ich den Hut vor einem Computerprogramm gezogen, das die Schönheit weiblicher Gesichter mindestens genau so akkurat beurteilen kann wie ein Mensch. Die Macher arbeiten überwiegend an der Universität von Tel Aviv, und ein Teil von ihnen hat sich unter der Federführung von Tommer Leyvand offenbar daran gemacht, die Ergebnisse quasi in umgekehrter Richtung zu nutzen, nämlich zur digitalen Aufhübschung von Porträtbildern.

Wenn Sie jetzt eine Erklärung wollen, wie das genau funktioniert, muss ich leider passen – Software-Spezialisten finden die technischen Details hier. Hier nur kurz, was aus meiner Sicht das Besondere an dem Programm ist:

  • Die sonst übliche Fummelei mit der Computermaus entfällt weitgehend. Nur bei der Markierung der Gesichtsmerkmale muss ein bisschen Hand angelegt werden.
  • Das Gesicht kann so verändert werden, dass es zwar als schöner wahrgenommen wird, aber dem Originalgesicht trotzdem maximal ähnlich sieht. In der neuesten Version hat der Nutzer die Möglichkeit, die Gratwanderung zwischen Attraktivität und Identität selbst zu dosieren, d.h. den Grad der Verschönerung (bzw. umgekehrt der Ähnlichkeit zum Original) selbst zu bestimmen.
  • Die Veränderungen lassen sich jetzt auch auf bestimmte Aspekte (etwa die Breite der Nase) konzentrieren, andere Merkmale können nach Belieben von Veränderungen ausgeschlossen werden („Originallippen erhalten“).

Hier eine Kostprobe:

Originalgesicht

Originalgesicht

Nach Bearbeitung

Nach Bearbeitung

Das in Schönheitsdingen geschulte Auge erkennt sofort, dass Leyvands Programm offenbar eine ganze Reihe von Schönheitsmechanismen anzapft: So hat es etwa das Originalgesicht (links) leicht verschmälert, ihm etwas vollere Lippen verpasst und zu mehr Symmetrie verholfen (gut sichtbar an den Augenbrauen). Vor allem aber hat es die vertikalen Proportionen verschoben: Die Stirn der verschönerten Version ist höher, die Kinnpartie niedriger – womit das Gesicht „verkindlicht“ wurde, und damit als weiblicher und attraktiver wahrgenommen wird. Die Haut dagegen ist vollkommen naturbelassen.

Leyvands Programm ist noch längst nicht das Gelbe vom Ei. Derzeit können nur Gesichter in Frontalsicht verarbeitet werden, die zudem noch einen „neutralen Gesichtsausdruck“ haben müssen – Lächeln ist also verboten … - Aber irgendwann könnte das Programm von sich hören machen. Vielleicht weniger im Bereich der professionellen Werbung, sondern vor allem bei der alltäglichen Selbstvermarktung via Bewerbungsmappe, Single-Börse oder Facebook. Soviel ist jedenfalls klar: es wird mit dazu beitragen, dass unsere Welt noch mehr zur Märchenwelt wird.

Für die Profis:

Gute Gene, schlechte Gene (Fortsetzung 2) - Die Wahrheit?

WAHRHEIT? - Wer sich mit Wissenschaft auskennt, weiß, dass Wahrheit ein knappes Gut ist - und das ist auch in unserem Fall so. (Wir sind immer noch bei der Frage nach dem „biologischen Sinn” von Schönheit - die entsprechenden Theorien wurden in den letzten beiden Einträgen vorgestellt). Alle drei Denkmodelle haben eine Menge an „evidence” hinter sich, also wissenschaftliche Ergebnisse, die sich in ihrem Sinn interpretieren lassen. Über meine persönliche Meinung gebe ich noch Auskunft. Aber vorher ist noch ein kleiner Exkurs von Nöten, warum sich ALLE auf dem Markt befindlichen Hypothesen mit Beweisen so schwer tun, ja - schwer tun MÜSSEN.

Erstens: „Ursächliche” Zusammenhänge sind selten ursächlich

Nach der Gute-Gene-Hypothese genauso wie nach der Schlechte-Gene-Hypothese müssten Schönheit bzw. Hässlichkeit TATSÄCHLICH mit besonderen Qualitäten bzw. Mängeln einhergehen. - Nichts einfacher also, als die entsprechende Hypothese zu beweisen, werden Sie sich jetzt vielleicht sagen - man muss nur rauskriegen, ob Attraktivität und „Qualität” miteinander zusammenhängen. Genauso einfach denken leider auch viele Profis, und legen Studie um Studie auf, die den Zusammenhang von z.B. Gesundheit, Intelligenz, Lebenserwartung etc. eines Menschen mit dessen Attraktivität feststellen soll. - Und finden ihn dann tatsächlich. Schöne Menschen schneiden in vielen Studien besser ab als weniger schöne, etwa bei sozialen Fähigkeiten, Lebenserwartung, psychischer Stabilität, oder auch Intelligenz. Der Zusammenhang ist in den meisten Studien moderat (und im Fall von Intelligenz meist auf Kinder beschränkt - dazu an anderer Stelle vielleicht einmal mehr). Aber immerhin, er ist da.

Und wird dann gerne als „Beweis” gehandelt, dass Attraktivität eine Chiffre für „genetische Qualität” sein muss. - Vollkommen ausgeblendet wird dabei ein banales soziologisches Phänomen, das solche Zusammenhänge auf viel simplere Art erklärt. Ich nenne es hier mal „Aufwärtsmobilität von Schönheit”, gemeint ist Folgendes: Schöne Frauen haben bei der Partnerwahl mehr Auswahl als weniger schöne. Und werden sich deshalb tendenziell eher für die charmanteren, attraktiveren, sozial kompetenteren, gesünderen, kreativeren, intelligenteren, durchsetzungsfähigeren etc. Männer interessieren - womit sich dann bei den Kindern dieser glücklichen Verbindung die väterlichen und mütterlichen „Qualitäten” miteinander vereinigt finden. (Tendenziell zumindest - natürlich sind nicht alle der genannten Eigenschaften erblich, aber ein guter Teil - incl. Schönheit - ist es. Schönheit und andere „sozial erwünschte Eigenschaften” gehen damit in einer Gesellschaft, in der sich Partner gegenseitig frei wählen können, geradezu naturgesetzlich eine Koalition ein. Entsprechende Zusammenhänge liegen deshalb in der Logik des Auswahlprozesses. Über die AuswahlKRITERIEN sagen sie rein gar nichts aus und sind deshalb als Beweismittel für egal welche „Schönheitserklärung” bis auf weiteres belanglos.

Zweitens: Die Macht der Mode

Der zweite Grund, warum allzu simple Schönheitserklärungen beim Menschen meist nicht funktionieren: Schönheit ist eben nicht nur ein rein biologisches, sondern genauso ein kulturelles Phänomen, und unterliegt damit dem ewigen Wandel. Es gibt an der sichtbaren Oberfläche des Homo sapiens buchstäblich keinen Quadratmillimeter, der nicht zum Spielball irgendwelcher Moden und Marotten werden könnte, und das gilt für die „ideale” Gestalt des Körpers noch mehr wie für das Gesicht. (Unser heutiges Ideal einer Frauenfigur beispielsweise - schmale Hüften und großer Busen - ist im Vergleich der Zeiten und Kulturen vollkommen exotisch. Fast immer und überall waren es gerade die vollen Hüften und vor allem ein KLEINER Busen, die als sexy empfunden wurden.)

Wer diesen ewigen Wandel nicht auf der Rechnung hat (wie leider ein guter Teil der Attraktivitätsforscher), liegt bei der Interpretation seiner “Korrelationen” öfter mal daneben. - Ein trauriges Beispiel ist die „waist-to-hip-ratio”, die ein amerikanischer Evolutionspsychologe namens Devendra Singh in den 90er Jahren aufgebracht hat. Danach stellt ein Verhältnis von Taillen- zu Hüftumfang von exakt 0,7 ein UNIVERSALES Attraktivitätskriterium dar (und das angeblich selbst bei Völkern, die vom Körperbau her keine schlanke Taille aufweisen). Die „waist-to-hip-ratio” war jahrelang ganz oben in den Charts der evolutionspsychologischen Attraktivitätsforschung, bis sich erste Zweifel regten. Inzwischen ist von der vermeintlichen „Universalkonstante” nicht mehr viel übrig. Die vielen Festmeter an wertlosen Publikationen hätte sich erspart, wer sich z.B. bloß die Geschichte der europäischen Aktfotografie vorgenommen hätte. Er hätte festgestellt, dass im Europa der vorletzten Jahrhundertwende, nach der Befreiung von der Diktatur des Korsetts, gerade füllige Taillen en vogue waren. Pustekuchen also mit der angeblichen „Universalkonstante”.

Welche Theorie hat nun recht?

Aber die Frage ist immer noch nicht beantwortet, wer denn eigentlich Recht hat mit seiner Schönheitserklärung? - Auch wenn es vielleicht manchen enttäuscht, der einfache Erklärungen mag (wie wir das alle tun …), die Datenlage ist leider zu komplex, um heute irgendwelche Sieger zu krönen. Für mich stellt sich das Schlachtgetümmel folgendermaßen dar:

-          Die klassische Gute-Gene-Hypothese hat (aus den genannten Gründen) viel Kredit verspielt. Auch deshalb, weil sie lange Zeit ausschließlich auf mögliche GENETISCHE Vorteile von Attraktivität fixiert war - so als ob rein phänotypische Vorteile bei der Partnerwahl keine Rolle (im evolutionären Sinn) spielen würden.

-          Diesen Vorwurf kann man zwar im Prinzip auch der Schlechte-Gene-Hypothese machen - diese hat aber immerhin einen klaren Vorteil, wenn es um die Erklärung geht, wie Attraktivität und „Qualität” zusammenhängen. Nach der Gute-Gene-Hypothese müssten die Schönen nämlich - qua bessere Gene - nicht nur den Unattraktiven gegenüber überlegen sein, sondern auch den DURCHSCHNITTLICH Attraktiven. - Und das ist eben nicht der Fall: Wo immer entsprechende „Korrelationen” untersucht wurden, zeigt sich ein Zusammenhang nur im unteren Bereich der Attraktivitätsskala - ein klares Argument für die Schlechte-Gene Hypothese.

-          Dass die Schlechte-Gene Hypothese allerdings einmal als alleinige Schönheitserklärung gelten wird, ist nicht zu erwarten. Wenn Schönheit ein ausschließlich negatives Konzept wäre, ließe sich die ungeheure Anziehungskraft von superschönen Gesichtern kaum erklären. Es sieht ganz so aus, als ob es sich bei Schönheit um ein bipolares Konzept handeln würde: Schönes zieht uns an, so wie uns Hässliches abstößt. (über die Gewichtung der beiden Kräfte will ich hier allerdings nichts sagen. Es sieht aber ganz so aus, als ob das Negative in unserem Erleben mehr Gewicht hätte als das Positive)

-          Und die Wahrnehmungsvorlieben? - Die Theorie liegt gut im Rennen, z.B. bei der Erklärung, warum wir PROTOTYPISCHE Gesichter als attraktiv wahrnehmen. Neuerdings erweitert die Wahrnehmungsforschung ihr angestammtes Terrain beträchtlich, indem sie die Verarbeitung von Reizen im Hirn in der Magnetresonanzröhre sichtbar macht. Und dabei hat sie Einblicke gewonnen, die ein ganz neues Licht auf unseren “Schönheitssinn” werfen (ich werde noch davon berichten). Wenn Sie mich fragen, wird das Rätsel der menschlichen Schönheit - wenn überhaupt - von Wahrnehmungsforschern gelüftet.

Wie auch immer - es empfiehlt sich im Hinterkopf zu behalten, dass sich die einzelnen Theorien nicht gegenseitig ausschließen, sondern im Gegenteil: dass sie möglicherweise stärker zusammengehören als es den einzelnen Protagonisten bewusst ist.