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Renz über Schönheit - Neues, Wissenswertes und Denkwürdiges aus der Attraktivitätsforschung


Zum Glück Botox?

Gestern saß ich nach einem Vortrag an einer Uni noch mit den Veranstaltern in der Kneipe zusammen und irgendwie kam das Gespräch auf Botox. „Botox, noch nie gehört …” - immerhin von einem Professor (der Philosophie). Also kurz: Botox heißt eigentlich Botulinumtoxin A und ist das Produkt des sporenbildenden Bakteriums Clostridium botulinum. Schon kleinste Mengen des Stoffes verhindern die Signalübertragung in Nervenzellen und lähmen die entsprechenden Muskeln. Und das macht sich die Schönheitsindustrie zu Nutze: Mit einer Botox-Spritze werden die Gesichtsmuskeln von Stirn und Augenregion quasi außer Betrieb gesetzt. Mit der Folge, dass sich dort auch keine Falten mehr bilden können, zumindest ein paar Wochen lang, bis die Wirkung wieder nachlässt. Botox ist in den letzten Jahren zu DER Schönheitsdroge aufgestiegen - weltweit wurden 2007 schätzungsweise 10 Millionen Behandlungen durchgeführt.

Aber jetzt zum eigentlichen Thema heute: Kann man durch Botox glücklicher werden? - Auf die Frage komme ich durch einen enthusiastischen Artikel amerikanischer Schönheitschirurgen in einer dermatologischen Fachzeitschrift („Botulinum toxin and the facial feedback hypothesis - Can looking better make you feel happier?”). Dabei geht es mal nicht um die übliche (und nicht einmal falsche) Argumentation - „Botox macht jünger und damit attraktiver, und wer attraktiv ist, bekommt mehr Aufmerksamkeit und soziale Streicheleinheiten” - nein, das Thema des Artikels ist handfeste Neurowissenschaft, nämlich die sog. „facial feedback hypothesis”. Die sagt im Wesentlichen folgendes: Gesichtsausdrücke sind keine Einbahnstraße. So wie sich unsere Gefühle, wie z.B. Freude oder Angst, auf unserem Gesicht widerspiegeln, so beeinflussen umgekehrt die entsprechenden Gesichtsausdrücke auch unsere Gefühle.

Die Idee geht eigentlich schon auf Charles Darwin zurück, der über Gesichtsausdrücke einmal sagte: „Schon das bloße Simulieren eines Gefühls lässt dieses in unserem Kopf entstehen”. Dass er damit Recht hatte, ist inzwischen in verschiedenen Experimenten bestätigt worden. Am besten gefällt mir das, bei dem Versuchspersonen einen Bleistift zwischen den Zähnen halten mussten (wodurch ein simuliertes Dauerlächeln entstand) und dabei Comics lesen durften - die mit dem Bleistift-Lächeln fanden ihre Lektüre lustiger als die ohne. (Strack et al 1988, s.u.)

Aber was hat das jetzt mit Botox zu tun? - Mancher wird es vielleicht schon erraten haben: Wenn die Aktivität der Gesichtsmuskeln unsere Gefühle beeinflusst, muss auch das Lahmlegen der entsprechenden Muskeln etwas mit unseren Gefühlen machen. Und genau darüber spekuliert nun der Artikel: Botox macht demnach glücklich, weil es die in der Stirn- und Augenregion angesiedelten Muskeln lähmt, mit denen wir Zorn, Angst und Trauer ausdrücken. Denn wenn die ausfallen, ist auch die Rückkopplung zum Hirn unterbrochen und damit den schlechten Gefühlen ein Dämpfer verpasst. Die pharmakologisch hergestellte „heitere Stirn” müsste letztlich auch zu mehr Heiterkeit im Hirn führen.

Tut sie das? - Möglicherweise ja.

Forscher um den Neuropsychologen Andreas Hennenlotter am Münchener Klinikum rechts der Isar verabreichten 19 Frauen Botox-Injektionen im Bereich der Stirne, und zwar genau in den Muskel, mit dem wir üblicherweise die Stirne runzeln, wenn wir Ärger empfinden. Nach zwei Wochen legten sie ihre Probandinnen in die Magnetresonanz-Röhre und zeigten ihnen Bilder von wütenden oder traurigen Gesichtern und forderten sie auf, den Gesichtsausdruck auf den Bildern nachzumachen. Das Ergebnis: im Vergleich zu Frauen, die kein Botox erhalten hatten, zeigte sich bei den behandelten Frauen deutlich weniger Aktivität im sogenannten Mandelkern, der auf die Verarbeitung von Gefühlen spezialisiert ist. Botox dämpfte also die Gefühlsreaktion - eine klare Unterstützung für die „Feedback-Hypothese”. Danach nehmen wir Gefühle wahr, indem wir sie mit der mimischen Muskulatur quasi „nachstellen”. Die gelähmte Mimik im Bereich der Stirn stellte in dem Münchener Experiment also tatsächlich eine Art Filter für miese Gefühle dar - da der „Zornesmuskel” außer Gefecht gesetzt war, konnten auch keine Zornes-Signale im Hirn ankommen. (Für traurige Gefühle ließ sich ein solcher Effekt zwar nachweisen, er war aber weniger eindeutig). Die Forscher aus München merken ganz richtig an, dass mit ihrem Experiment noch nicht unbedingt nachgewiesen sei, dass die Botox-behandelten Probandinnen auch wirklich weniger Ärger FÜHLEN - plausibel wäre das jedoch durchaus.

Der oben erwähnte Artikel der amerikanischen Botox-Enthusiasten geht aber noch einen Schritt weiter: Wer mit Botox-glatter Stirn durch die Welt geht, müsste nicht nur selber glücklicher sein - dasselbe müsste auch für die Mitmenschen gelten. Und zwar deshalb, weil sie nun negativen Gefühlsausdrücken  in geringerem Maß ausgesetzt sind. - Hinter der Argumentation steckt ein altbekanntes Phänomen, das sich bereits an Säuglingen beobachten lässt: Menschen machen automatisch die Gesichtsausdrücke ihres Gegenübers nach. Ein trauriges Gesicht zaubert auch auf unser Gesicht Trauer, ein Lächeln dagegen lässt auch uns lächeln.

Diese imitierten Gesichtsausdrücke sind nun aber - wie wir von unserer Rückkoppelungs-Hypothese wissen - alles andere als nur „aufgesetzt”, sondern lösen die entsprechenden Empfindungen auch TATSÄCHLICH  in uns aus. Die Gefühle unseres Gegenübers haben damit also einen Weg in UNSER Hirn gefunden - wir fühlen buchstäblich mit. (Wobei der Weg der Gefühle genau genommen ein Umweg ist: Erst spiegelt sich das Gefühl des “Senders” in dessen Gesicht , von da springt es dann über den Nachahmungsreflex auf das Gesicht des “Empfängers” über, und gelangt von da dann per “Gefühlsausdrucks-Rückkopplung” in dessen Hirn.)

An dieser “Gefühlsübertragung” setzt nun die Argumentation der Botox-Forscher an: Es lassen sich zwar keine Gefühle wegspritzen, aber immerhin deren Spuren im Gesicht. Wer also seine Sorgen- und Zornesfalten wegbügeln lässt, erspart nicht nur sich selber, sondern auch seiner Umwelt schlechte Gefühle. Und diese Wirkung auf die Umwelt gilt nicht nur für “echte”, gefühlsbedingte Falten, sondern auch für die vielen alters- und lebensbedingten Falten, die ein älteres Gesicht nur scheinbar traurig, wütend oder besorgt aussehen lassen, und auf die wir trotzdem mit „Mitgefühl” reagieren müssen, weil unser primitiver Wahrnehmungsapparat sie für bare Münze nimmt.

Die Argumentation ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern kann sich im Gegenteil auf eine, ebenfalls aus München stammende Studie berufen, nach der Botox-Gesichter tatsächlich positiver auf ihre Mitmenschen wirken - sie werden als weniger verängstigt und zornig und unter dem Strich als glücklicher empfunden. Die Gleichung „weniger Sorgenfalten = sorgenfreieres Aussehen” scheint also aufzugehen. Bleibt natürlich noch die Frage, ob das positivere Aussehen dann wirklich auch zu positiveren Gefühlen bei den Mitmenschen führt. - Explizit erforscht ist das bisher noch nicht - aber wenn die Theorie der „Gefühlsübertragung von Gesicht zu Gesicht” Recht hat, könnte da durchaus etwas dran sein: Wer weniger mit negativen Gefühlssignalen aus seiner Umgebung konfrontiert ist, wird auch weniger negative Gefühle empfinden.

Aber - vielleicht liegt es Ihnen ja schon auf den Lippen - Macht Botox nicht auch die guten Gefühle kaputt? Schließlich lähmt Botox auch den Ringmuskel um die Augen herum, der die lustigen Fältchen in den Augenwinkeln entstehen lässt, wenn wir von Herzen lachen? - Wohl wahr, sagen die Botox-Enthusiasten, aber Lächeln oder Lachen spielt sich eben nicht nur an den Augen ab sondern in größerem Maß noch am Mund. Der Muskel aber, der beim Lachen den Mundwinkel hebt, wird bei der üblichen Botox-Behandlung nicht gelähmt. Die guten Gefühle werden also nur etwas abgedämpft, während die negativen Emotionen im Bereich der Stirn mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden - unter dem Strich ein Netto-Gewinn an Glück, für alle Beteiligten.

Soweit der Artikel. “Zu schön, um wahr zu sein”, geht manchem vielleicht durch den Kopf. Wenn da wirklich was dran ist, kann die Botox-Industrie Gemeinnützigkeit beantragen. - Wir werden der Sache deshalb weiter nachgehen (nicht heute, aber in einem der nächsten Postings).

Referenzen:

Alam, M., Barrett, K.C., Hodapp, R.M., & Arndt, K.A. (2008). Botulinum toxin and the facial feedback hypothesis: Can looking better make you feel happier? Journal of the American Academy of Dermatology, 58, 1061-72.

Strack R, Martin LL, Stepper S. Inhibiting and facilitating conditions of facial expressions: a non-obstrusive test of the facial feedback hypothesis. J Pers Social Psych 1988;54:768-77

Dimberg, U., Thunberg, M., & Elmehed, K. (2000). Unconscious facial reactions to emotional facialexpressions. Psychological Science, 11(1), 86-89

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Info:
Zum Glück Botox? ist Beitrag Nr. 86
Author:
formelblog am 4. Dezember 2008 um 13:28
Kategorie:
Allgemein
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