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Renz über Schönheit - Neues, Wissenswertes und Denkwürdiges aus der Attraktivitätsforschung


Wie doof muss man eigentlich sein?

In einem meiner letzten Posts zur „Problemzone Vagina” ging es um ein aufstrebendes medizinisches Fachgebiet, der ästhetischen Intimchirurgie: Kaum ist der optische Blickschutz über der Scham abrasiert oder weggewachst, kommen die Schamlippen ins Visier. - „Wie doof muss man eigentlich sein?” war mein spontaner Kommentar.

Jetzt, wo ich ein bisschen nachgedacht habe, bin ich etwas milder gestimmt. Ein Blick durch die Geschichte und um den Globus zeigt, dass der neue Aufreger Intimchirurgie SO aufregend auch nicht ist. Klar ist „Schönheitswahn” die richtige Diagnose, aber was ist damit gesagt? - Zu ALLEN Zeiten und ÜBERALL waren die Menschen BESESSEN von ihrem Aussehen. Wer weiß, in welchen Primitiv-Zonen es in unserem Hirn funkt, wenn es um Schönheit geht, kann sich von der Vorstellung getrost verabschieden, dass der Verstand hier allzu viel Gewicht hat. (Das Muster passt sicher mehr zu einem Heroinsüchtigen vor dem nächsten Schuss als zu einem Philosophen, der über seinem Aufsatz brütet).

Bis ins letzte Jahrhundert hinein zwängte sich die Hälfte der „zivilisierten” Menschheit in einen Apparat aus Walfischgräten oder Stahlschienen, der kaum noch Platz zum Atmen ließ. Im 18. Jahrhundert hätte sich kein respektables Mitglied der Oberschicht ohne eine monströse, mit einer dicken Mehlschicht bedeckten Perücke und einen gipsartigen Anstrich im Gesicht aus dem Haus getraut. Oder die Manie der „Lotusfüßchen” im vorrevolutionären China, wo erst ein Barbar namens Mao kommen musste, um seinem Volk einzuprügeln, dass Frauen auch ohne Gehbehinderung schön sein können.

Erst recht der Schönheitsextremismus der „primitiven” Kulturen, der für mich immer noch am besten durch dieses Bild getroffen wird (aus: Julian Robinson, The Quest for Human Beauty. An Illustrated History, New York 1998):

Für die Angehörigen dieses nordamerikanischen Indianerstammes was es ausgemacht, dass man einen spitzen Schädel haben MUSS, um wie ein „Mensch” auszusehen und nicht wie die ganzen Wilden draußen im Wald. Die Säuglinge wurden deshalb in eine Konstruktion von Holzplatten eingespannt um den Schädel entsprechend zu verschönern.

Gerade bei „Natur”völkern besitzt Natürlichkeit keinen hohen Stellenwert. Der unveränderte Körper gilt als unzivilisiert, erst die bewussten Veränderungen machen ihn wahrhaft menschlich (bezeichnenderweise nennen viele Volksstämme sich selber schlicht „Menschen”). Und um auszusehen wie ein Mensch, wird so gut wie alles gemacht: Tellerlippen, Tatoos, Giraffenhälse, Ziernarben, durchbohrte oder sonstwie deformierte Körperteile.

Und a propos Designer-Vagina: Ich weiß zwar nicht mehr genau, wo ich darüber gelesen habe (ich glaube, es war in dem Buch, aus dem auch das Bild der spitzköpfigen Indianer stammt), da wird ein Volk beschrieben, dessen Frauen von klein auf Gewichte an ihre Schamlippen hängen, damit diese möglichst weit hinunter hängen.

Fazit: „Schönheitswahn” ist alles andere als ein Monopol unserer Zeit. Was sich vielleicht geändert hat: Schönheitsverbesserung ist nicht mehr nur einer kleinen Elite vorbehalten, sondern hat buchstäblich alle Schichten erfasst. Der Schönheitswahn ist quasi demokratisiert worden. Man muss kein Vermögen verdienen, um sich eine „Designervagina” leisten zu können.

Gut. Ich nehme also das „Wie doof muss man eigentlich sein?” zurück, und spreche den entsprechenden Frauen dafür „nur” mein Mitleid aus. - Und zeige den Kollegen, die da rumschnippeln, hiermit den Vogel.

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Info:
Wie doof muss man eigentlich sein? ist Beitrag Nr. 170
Author:
U am 30. März 2009 um 09:39
Kategorie:
Allgemein
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