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Renz über Schönheit - Neues, Wissenswertes und Denkwürdiges aus der Attraktivitätsforschung


Warum sind wir eigentlich nackt?

Ich hätte eigentlich auch nicht gedacht, dass mir die Frage einmal schlaflose Nächte bereiten würde. Aber dann kam da diese Anfrage, etwas zum Thema „Der nackte Affe” zu sagen, kleiner Vortrag, 6 Minuten … - „Kein Problem, mach ich” - Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, auf was ich mich da einlasse.

Eine der ganz harten Nüsse. Von den 5500 Säugetierarten sind gerade mal eine Handvoll nackt, und von denen hat jeder seine guten Gründe, wie der Walfisch zum Beispiel, der im Wasser ohne Fell nun mal besser fährt. 193 Primaten tragen alle brav ihr Fell - nur einer muss aus der Reihe tanzen und läuft nackt herum. (Zumindest einigermaßen nackt - ganz verschwunden ist das Fell bei Homo sapiens nicht. Wir verfügen immer noch über die 5 Millionen Haarfollikel, die auch die anderen Affen haben, nur sind die Härchen jetzt so fein und pigmentfrei, dass sie unsichtbar geworden sind (von männlichen Südeuropäern einmal abgesehen). Dafür wächst uns auf dem Kopf jetzt dieser seltsame und ziemlich unpraktische Haarbusch, und will gar nicht mehr aufhören zu wachsen - was aus Sicht unserer Affen-Verwandten mindestens genauso kurios ist wie unsere nackte Haut.

Aber jetzt erst einmal zu der Frage, WIE LANGE das wohl schon geht, dass wir so nackt sind.

Eine Antwort kommt von einem Evolutionsgenetiker namens Alan Rogers von der University of Utah. Er interessiert sich für den Stammbaum eines Gens namens MC1R (Melanocortin Rezeptor), das eine zentrale Rolle bei der Pigmentbildung in der menschlichen Haut spielt. Dem haben wir es letztlich zu verdanken, dass wir vor dem schädlichen Einfluss der Ultraviolett-Strahlung geschützt sind. Alan Rogers spürte sog. stille Mutationen auf, die sich im Lauf der Zeit am MC1R-Genort angesammelt haben und die ihm nun bei seiner Suche nach dem Ursprung des Hautschutz-Gens als „molekulare Uhr” dienten. Wie lange gibt es das Gen schon? - Mindestens 1,2 Millionen Jahre, sagt Alan Rogers. Und zu diesem Zeitpunkt, so seine Schlussfolgerung, muss der Menschen-Vorfahre schon dabei gewesen sein, sein Fell zu verlieren - andernfalls hätte er nämlich schlicht keinen Bedarf an dem neumodischen Gen gehabt. Vorher dürfte Menschenhaut genauso hell und fellbedeckt gewesen sein wie es die anderer Affen auch heute noch ist.

Die Ergebnisse aus Utah legen zwei ziemlich überraschende Schlussfolgerung nahe: Erstens. Der Mensch war schon längst nackt, als er zum Menschen (also zum heutigen Homo sapiens) wurde - das ist nämlich erst lächerliche 200 000 Jahre her. Vor 1,2 Millionen Jahren waren wir gerade vom Wald in die Savanne übergesiedelt, nannten uns Homo erectus und hatten ein Hirnvolumen von 1000 cm3 (und damit 600 cm3 weniger als ein heutiges Menschenexemplar).

Die zweite Schlussfolgerung aus Rogers Hypothese: Auch der Neandertaler muss nackt gewesen sein. Denn der hat sich erst vor 250 000 Jahren von unserer Linie abgetrennt (wenn er das überhaupt jemals gemacht hat). Neuere Untersuchungen am Neandertaler-Genom am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig bestätigen nicht nur den Verdacht, dass der Neandertaler ohne eigenes Fell durch die eiszeitlichen Wälder zog, sondern legen auch nahe, dass bei seiner Haar- und Hautfarbe eine ziemliche Vielfalt geherrscht haben könnte (1)

Vielleicht erinnern Sie sich, dass Alan Rogers bei der Datierung der menschlichen Haarlosigkeit von MINDESTENS 1,2 Millionen Jahren gesprochen hat. Seiner Meinung nach ist es durchaus denkbar, dass das MH1C Gen einen (weniger effizienten) Vorfahren hatte, der dem damaligen Menschen schon ein gewisses Maß an Haarlosigkeit ermöglicht haben könnte, bevor es dann von der heutigen, besseren Version verdrängt wurde.

Tatsächlich gibt es Hinweise, dass wir Menschen wirklich schon deutlich länger nackt herumlaufen. Aber diese Geschichte erzähle ich beim nächsten Mal. Hier sei nur schon verraten, dass sie mit einem Tierchen zu tun hat, das landläufigerweise nicht so sehr geschätzt wird: der Laus.

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Das Kleingedruckte für die Profis:

(1)   Lueza-Fox et al 2007. -Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie Leipzig: http://www.mpg.de/bilderBerichteDokumente/dokumentation/pressemitteilungen/2007/pressemitteilung20071024/

Literatur

Lalueza-Fox et al. (2007) A melanocortin 1 receptor allele suggests varying pigmentation among Neanderthals. Science 318: 1453-1455

Rogers AR, Iltis D, & Wooding S, 2004. Genetic variation at the MC1R locus and the time since loss of human body hair. Current Anthropology, 45(1): 105-108

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Info:
Warum sind wir eigentlich nackt? ist Beitrag Nr. 162
Author:
formelblog am 27. März 2009 um 10:42
Kategorie:
Allgemein
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