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Renz über Schönheit - Neues, Wissenswertes und Denkwürdiges aus der Attraktivitätsforschung


Von Affen, Läusen und nackter Haut

Affen (Photo: Eric C Matthews) und Menschen beim Lausen (Jan Siberechts, Cour de ferme, 1662. Musée des Beaux-Arts, Brussels, Belgium. Aus Weiss 2009 (siehe Literatur)

Könnte schon sein, dass Sie auch gleich das Gefühl bekommen, mich laust der Affe.

Wir sind immer noch bei der Frage, warum der Mensch als einziger Affe nackt ist. In meinem letzten Post bin ich die Antwort schuldig geblieben - Spannung muss sein. Aber immerhin wissen Sie jetzt, WIE LANGE der Mensch sein Fell schon los ist: 1,2 Millionen Jahre. Mindestens.

Um dieses „Mindestens” geht es heute, und damit um ein Tierchen, das unter Menschen keinen besonders guten Ruf hat: die Laus. Wie Sie vielleicht wissen, hat es der Mensch mit drei Arten davon zu tun (und ist auch darin eine biologische Extrawurst, die meisten Säugetiere beherbergen nämlich nur eine Laus):

  • die Kopflaus, die nur und ausschließlich im Haupthaar wohnt, und die jeder kennt, der Kinder hat
  • die Filzlaus, die nicht jeder kennt und die (so gut wie) ausschließlich die Schamhaare besiedelt
  • und die Kleiderlaus - in guten Zeiten meist auch eher unbekannt - die in körperwarmer Kleidung vorkommen kann.

Ein Evolutionsgenetiker aus dem sonnigen Florida namens David Reed hat sich nun die Familiengeschichte dieser Tiere vorgenommen (1) und dabei einen kleinen Schock bekommen. Wie alle Biologen war auch er davon ausgegangen, dass die drei Läusearten von derselben Urmenschen-Laus abstammen. Für die Kopf- und Kleiderlaus stimmt das zwar durchaus - aber die Filzlaus? - stammt von ganz wo anders her. Nämlich von der Gorilla-Laus! WIE um alles in der Welt sie vom Gorilla bei uns gelandet ist, weiß kein Mensch und wird auch keiner je wissen (muss aber, wie David Reed betont, nicht unbedingt mit einem „King-Kong-Szenario” zu tun haben). Aber WANN sie den großen Sprung vom Gorilla zum Menschen schaffte - das konnte der Läuseforscher anhand von Mutationen ziemlich genau datieren: vor 3,3 Millionen Jahren.

Die Idee, dass dieses Datum möglicherweise etwas mit dem Beginn der menschlichen Nacktheit zu tun haben könnte, stammt nun gar nicht von David Reed selber, sondern von einem (ebenfalls aus Florida stammenden) Kollegen namens Robin Weiss. Der Gedanke ist ihm, wie er selber sagt, unter der Dusche gekommen, nachdem der von Reeds Läuse-Forschungen gelesen hatte. Er geht so: Der überraschende Wirtswechsel (wie Biologen sagen) konnte nur unter der Voraussetzung stattfinden, dass der Mensch bereits über ein „Biotop” verfügte, das dem angestammten Lebensraum der Gorilla-Laus ähnelte. Und der zeichnete sich vor allem durch schön dickes, kräftiges Haar aus. Dieses Biotop muss das menschliche Schamhaar gewesen sein, das in der Tat deutlich dicker als das restliche Menschenhaar ist. (Was für uns Menschen vielleicht einen kleinen Unterschied macht, macht für Läuse den Unterschied zwischen einem guten Leben und „Runterpurzeln”). Der Mensch, so Robin Weiss, muss also schon zum Zeitpunkt des großen Sprungs seine Schamhaare bereits gehabt haben. Und das wiederum heißt mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit: Er muss schon nackt gewesen sein.

Die letzte Schlussfolgerung stützt Weiss auf die Beobachtung, dass das dichte Schamhaar des Menschen unter Affen genauso einzigartig ist wie die Nacktheit der übrigen Haut. Bei allen Affenarten mit Ausnahme von Homo sapiens ist die Schamgegend tendenziell eher weniger behaart als der Rest des Körpers. Aus welchem Grund ist beim Menschen nun aber der Haarbusch zwischen den Beinen entstanden? - Robin Weiss geht, wie viele andere Biologen auch, davon aus, dass das Schamhaar die sexuelle Reife seines Besitzers bzw. seiner Besitzerin signalisieren soll. Wenn dem so ist, muss das menschliche Schamhaar also erst aufgekommen sein, NACHDEM der Mensch seine Körperbehaarung verloren hatte. Eine alternative Erklärung für das menschliche Schamhaar hat mit den Duftdrüsen zu tun, die sich in diesem Bereich entwickelt haben: Demnach ist es (ähnlich wie das Haar der Achselhöhlen) zu dem Zweck entstanden, die dort produzierten Sekrete effektiver zu „zerstäuben”.

Möglicherweise haben beide Theorien Recht, ausschließen tun sie sich jedenfalls nicht. Was für die Theorie vom Schamhaar als OPTISCHEM Signal spricht, ist die Tatsache, dass sich die Geschlechter in der Form der Intimbehaarung unterscheiden - vor allem aber die Auffälligkeit dieses neuen Haarapparates.

Menschliche Haarlosigkeit also schon vor 3 Millionen Jahren? Damals war der „Mensch” gerade mal auf halbem Weg zum Homo sapiens: lebte noch überwiegend in den Bäumen, hatte ein Schmalhirn von höchstens 500 ml (und damit einem knappen Drittel von unsereinem) und war kaum mehr als einen Meter groß. Aber immerhin: Er ging schon auf zwei Beinen, wie wir von Lucy, der berühmtesten Vertreterin dieser Menschensorte wissen.

Wenn Robin Weiss mit seiner Läuse-Story recht hat, war Lucy also schon nackt, allerdings nicht zwischen den Beinen. Ich hätte mir auch nicht träumen lassen, was man von Läusen alles lernen kann.

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Für die Nerds unter uns:

(1)   Reed et al 2007. Einen schönen Überblick über die aktuellen evolutionsgenetischen Forschungen an der Laus gibt Robin Weiss (2009) (darin findet sich auch der Originalartikel von Reed et al 2007)

Literatur

Reed DL, Smith VS, Hammond SL, Rogers AR, Clayton DH: Genetic analysis of lice supports direct contact between modern and archaic humans. PLoS Biol 2004, 2:e340

Reed DL, Light JE, Allen JM, Kirchman JJ: Pair of lice lost or parasites regained: the evolutionary history of anthropoid primate lice. BMC Biol 2007, 5:7

Weiss, RA 2009: Apes, lice and prehistory. Journal of Biology 8:20

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Info:
Von Affen, Läusen und nackter Haut ist Beitrag Nr. 177
Author:
U am 30. März 2009 um 10:08
Kategorie:
Allgemein
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