Ich warte ja schon lange darauf, dass das Thema „Schönheit im Klassenzimmer” unter Lehrern und Pädagogen mal in die Diskussion kommt. Bisher leider vergeblich.
Die Bevorzugung schöner Kinder in Kindergarten und Schule ist eigentlich ganz gut beforscht (1), zumindest was die Menge der Untersuchungen angeht. Trotzdem ergibt sich ein erstaunlich unscharfes Bild: Die Größe des Schönheitseffekts schwankt von Studie zu Studie beträchtlich: Einer französischen Untersuchung zufolge sind die Unterschiede zwischen den Noten der einzelnen Schüler zu 20-40 Prozent durch das Äußere bedingt (2), andere Forscher fanden so gut wie keinen Zusammenhang (3). Einig sind sich die meisten Studien nur darin, dass bei Mädchen das Äußere in die Gesamtrechnung der Lehrer (und Lehrerinnen) tendenziell stärker eingeht als bei Jungs.
Die mangelnde Eindeutigkeit der Ergebnisse dürfte sich zum Teil dadurch erklären, dass die verschiedenen Untersuchungen mit ganz unterschiedlicher Methodik arbeiten: Mal wird das tatsächliche Verhalten von Lehrern beobachtet, einmal Fragebögen ausgewertet, ein anderes Mal werden Experimente im Labor durchgeführt. Und in vielen Untersuchungen geht es gar nicht um echte Lehrer, sondern um Psychologiestudenten, die Lehrer spielen. - Etwa in der klassischen Studie von David Landy und Harold Sigall aus dem Jahr 1974, bei der Studenten dieselben zwei Aufsätze benoten durften - einen guten und einen schlechten (beide waren angeblich von echten Schülerinnen geschrieben). Wie sich zeigte, hing die Note, die die „Lehrer” vergaben, stark vom Foto auf dem Deckblatt ab: Hübsche Mädchen wurden um eine ganze Schulnote besser bewertet als weniger schöne. Die Schlussfolgerung der Autoren: „Auch Schönheit gehört zum Talent” (4).
Eine aktuelle Studie aus dem Journal of Educational Psychology nahm sich nun echte Lehrer vor, und zwar Grundschullehrer mit zehnjähriger Berufserfahrung. Wie wichtig, so die Fragestellung der Autoren, sind die Kriterien Rasse, Übergewicht, Attraktivität des Gesichtes und „Affekt-Ausdruck” für das Verhalten der Lehrer? (Mit „Affekt-Ausdruck” ist gemeint, ob ein Kind eher glücklich und zugänglich wirkt oder traurig und verschlossen). Jedem Lehrer wurde am Computer eine Art virtuelle Klasse aus 6- und 7-jährigen Mädchen präsentiert, die eine bunte Mischung der untersuchten Kriterien darstellten. Die Lehrer mussten nun in schneller Folge Entscheidungen treffen, die auch im echten Lehreralltag anstehen: Welches Kind nehme ich dran, wenn sich mehrere gemeldet haben? Welches schicke ich an die Tafel, um eine Aufgabe vorrechnen zu lassen? Welchem gebe ich den Auftrag, einen Zettel ins Lehrerzimmer zu bringen? Welches bekommt die Hauptrolle in einem Sketch, den die Klasse einstudiert?
Die Forscher waren davon ausgegangen, dass die Lehrer bei ihrer Auswahl vor allem nach den Kriterien “Körpergewicht” und “Rasse” entscheiden würden. - Und waren dann selber höchst überrascht, dass dem mit Nichten so war, sondern die Kriterien “Gesichts-Attraktivität” und “Affekt-Ausdruck” eine viel größere Rolle bei den Entscheidungen spielten. Um es in den Worten der Autoren zu sagen: „Fast alle Lehrer … wählten routinemäßig glücklich aussehende Kinder mit attraktiven Gesichtern aus.”
Ehrlich gesagt, hat es auch mich gewundert, dass die Kriterien „Übergewicht” und „Minderheitenstatus” offenbar nur eine geringe Rolle gespielt haben, obwohl auch sie mit einem hartnäckigen Stereotyp besetzt sind. Weshalb ich die Studie hier aber kommentiere, ist die Sache mit dem „Affekt”: Offenbar werden nicht nur die schönen Kinder bevorzugt, sondern auch die mit der angenehmeren Ausstrahlung.
Nun hat die Frage, ob ein Kind eher ein strahlendes Lächeln auf den Lippen hat oder in seinen Gefühlsäußerungen zurückhaltend ist, mit der eigentlichen Leistung oder Leistungsbereitschaft genauso wenig zu tun wie das Aussehen. Zu einem guten Teil dürfte sich darin die PERSÖNLICHKEIT eines Kindes widerspiegeln, vor allem der Persönlichkeitsfaktor Extraversion (bzw. sein Gegenteil - Schüchternheit). Und damit reden wir letztlich genauso wie bei der Schönheit auch, über Zufälle bei der genetischen Lotterie. Persönlichkeitsmerkmale sind nun einmal zu einem guten Teil erblich (zu 50%, um genau zu sein - über die Erblichkeit von Schönheit bald einmal mehr auf diesen Seiten).
Unser Schulsystem scheint hier einen systematischen Konstruktionsfehler zu haben - bestimmte „angenehme” Konstellationen werden systematisch bevorzugt. - Was ist mit denen, die zufällig weder die eine noch die andere der gefragten Eigenschaften aufweisen können? Und das Diskriminierungsproblem dürfte noch verschärft werden, wenn mündliche Leistungen jetzt immer stärker gewichtet werden, bei denen schüchterne oder verschlossene Schüler klar benachteiligt sind. (Vom Aussehen ganz zu schweigen: Studien zeigen, dass weniger gut aussehende Kinder vor allem in den „weichen” Fächern, in denen die mündliche Leistung stärker bewertet wird, benachteiligt sind (5)).
Dass die Ursache des Konstruktionsfehlers letztlich im Kopf der Spezies Homo sapiens steckt (Lehrer sind auch nur Menschen), wird für die Betroffenen ein schwacher Trost sein. Und genauso wenig für Pädagogen, von denen die meisten ja überdurchschnittlich hohe Ideale von Gleichberechtigung und Chancengleichheit haben - und mit Sicherheit gerade das nicht wollen: ein Schulsystem, das Kinder mit bestimmten, unverdienten, Eigenschaften mehr fördert als andere, die über diese Eigenschaften nicht verfügen (oder, um es biologisch zu sagen: das einer bestimmten genetischen Ausstattung mehr Rückenwind gibt).
Umso erstaunlicher also, wie gesagt, dass das Thema eben NICHT auf der Tagesordnung ist, wenn es um pädagogische Probleme geht. Womit ich wieder am Anfang wäre. Ich warte also weiter. Und bleibe an dem Thema dran.
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Für die Profis: Fußnoten und Referenzen
(1) Review z.B. in Ritts et al 1992
(2) Maisonneuve & Bruchon-Schweitzer 1999, S. 52
(3) Eine Metaanalyse von Feingold (1992) etwa findet äußerst geringe Korrelationen zwischen schulischer Leistung und Attraktivität (r = 0,02 für Jungs und 0,07 für Mädchen)
(4) Landy und Sigall 1974
(5) Rost 1993
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Baugh, S, & Parry, L (1991). The relationship between physical attractiveness and grade point average among college women. Journal of Social Behavior & Personality, 6, 219-228
Feingold, A (1992). Good-looking people are not what we think. Psychological Bulletin, 111, 304-341
Landy, D & Sigall, H (1974). Beauty is talent: Task evaluation as a function of the performer’s physical attractiveness. Journal of Personality and Social Psychology, 29, 299-304
Maisonneuve, J & Bruchon-Schweitzer, M (1999). Le corps et la beauté, Paris: PUF
Rost, D (1993). Attraktive Grundschulkinder. In: Hassebrauck, M & Niketta, R (Hrsg., 1993). Physische Attraktivität. Göttingen: Hogrefe, 271- 306
Miss Cherry
So etwas habe ich schon im Grundschulatler erlebt. In der Klasse bei Frau B. gab es fünf Lieblingskinder. Jetzt raten sie mal, welche Gemeinsamkeiten die aufwiesen. (Neben dem gepflegten/höflichen Aussehen spielte aber auch der soziale Status eine prägende Rolle.)…faszinierend was uns da seit Jahrtausenden in den Knochen steckt…
#1 Kommentar vom 29. März 2010 um 23:45