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Renz über Schönheit - Neues, Wissenswertes und Denkwürdiges aus der Attraktivitätsforschung


Problemzone Vagina

Die Zugfahrt zur Leipziger Buchmesse hat mir ein bisschen Zeit beschert, den halben Festmeter an „Deutschen Ärzteblättern” durchzuforsten, der sich über Wochen und Monate angesammelt hat. Unerwarteter Weise war auch was für den Schönheitsforscher dabei: ein Artikel über „Kosmetische Intimchirurgie”. Der Text ist auch für Laien ganz gut lesbar, deshalb hier nur die wichtigsten Fakten und meine Gedanken dazu.

In Deutschland wurden 2005 ca. eintausend Schamlippenstraffungen durchgeführt, die Dunkelziffer dürfte jedoch höher sein. Nach einer britischen Erhebung hat sich die Zahl der schönheitschirurgischen Eingriffe am weiblichen Genitale innerhalb von fünf Jahren fast verdoppelt. - „Gefragt ist ein Genital”, schreiben die Autoren im Ärzteblatt, „das wie das eines jungen Mädchens aussieht und der Oberseite eines Brötchens gleicht, wobei die äußeren Schamlippen die inneren verdecken und die Schamlippen in engen Tangas und Bikinihöschen nicht auftragen sollen.”

Der Trend zur Designer-Vagina kommt im Gefolge einer anderen Mode, die sich seit ein paar Jahren fest etabliert hat: junge Frauen (und zunehmend auch Männer) rasieren sich zwischen den Beinen. Was früher verborgen war, ist nun dem kritischen Blick dargeboten - und nicht nur dem eigenen oder dem des Partners. Denn wie immer sind die Lifestyle-Medien an der Spitze der Bewegung. Und wie bei anderen Körperteilen üblich, wird auch hier eine virtuelle Realität erzeugt: Die Scham wird routinemäßig „verjugendlicht”, indem die inneren Schamlippen digital wegretouchiert werden. Die Folge lässt offenbar nicht auf sich warten: In einer aktuellen Umfrage in dreizehn Ländern hatten fast zwei Drittel der jungen Frauen an der Optik ihrer Vagina etwas auszusetzen.

Mit der Entblößung der Vagina hat eine Entwicklung ihren fast naturgesetzlichen Höhepunkt erreicht, die ihren Anfang bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts genommen hat: die schrittweise Entkleidung des menschlichen Körpers. Im Grunde lässt sich die gesamte Modegeschichte des 20. Jahrhunderts unter diesen „Megatrend zur Nacktheit” subsumieren. Noch um die Jahrhundertwende wurde in den tonangebenden Kreisen die weibliche Haut bis zu den Fingerspitzen verhüllt; nackte Arme waren nur bei den losen Damen auf der Theaterbühne zu inspizieren. Frei einsehbare - damals noch behaarte - Achselhöhlen galten als Gipfel der Frivolität. 1910 stellte der erste unter dem Rocksaum sichtbare Knöchel einen Skandal dar. Fünfzehn Jahre später sorgte das erste entblößte Knie für die gleiche Aufregung. 1964 ruft die erste Busenenthüllung am Strand von St. Tropez die Sittenpolizei auf den Plan. Mit der Hippie-Bewegung der 70er wird bald darauf auch der Rest des Körpers enthüllt, die Scham blieb jedoch noch ein gutes Weilchen unter ihrem natürlichen Haarbusch verborgen. Mit der in den 90er Jahren aufkommenden Intimrasur ist nun der letzte ehedem private Bereich öffentlich geworden.

Die „Befreiung” des Körpers war allerdings nicht ganz frei von Nebenwirkungen: In gleichem Maß, wie das Zeigen der nackten Körperteile kein MORALISCHES Problem mehr war, wurde es zum OPTISCHEN. Und das betraf zu allererst die Haare - Jeder Freilegung eines neuen Hautareals folgte obligat die Bekämpfung der dort angesiedelten Behaarung mit Klinge, Wachs, Laser oder - der letzte Schrei - wachstumshemmenden Chemikalien. (Warum die Körperbehaarung so obstinat im Visier der menschlichen Schönheitsanstrengungen ist, wird uns hier noch ein andermal beschäftigen)

Aber die Haare waren natürlich nur ein Teil des Problems. Mit jedem entblößten Körperteil waren sofort auch neue Idealvorstellungen in der Welt - und damit auch neue „Problemzonen”. 1973 gelang der „Vogue” mit der Erfindung der „Zellulitis” der Coup, quasi über Nacht achtzig Prozent der Frauen (so viele sind von diesen naturgegebenen Unebenheiten des Fettgewebes betroffen) zu Patientinnen der Kosmetikindustrie zu machen. Unter dem Diktat der ewigen Jugendlichkeit ist Schönheitschirurgie die Fortsetzung der Mode mit anderen Mitteln. Und die Designer-Vagina letztlich nur eine logische Konsequenz.

Aber die Problemzonen lassen sich offenbar noch ausweiten. In der „Vogue” wird (das stammt jetzt wieder aus meinem Ärzteblatt-Artikel) der sogenannte „G-shot”, propagiert, bei dem der ominöse (und in seiner Existenz wissenschaftlich höchst umstrittene) „G-Punkt” durch die Injektion von Kollagen aufgespritzt wird, was angeblich das Lustempfinden ultimativ steigert, zumindest vier Monate lang, bis die nächste Spritze fällig ist.

Guter Sex also nur noch mit Hilfe von Ärzten (und damit - nebenbei - gegen Geld). „Wie doof muss man eigentlich sein?” ist eigentlich das Einzige, was mir gerade dazu einfällt.

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Für die Profis:

Borkenhagen, A, Brähler, E, Kentenich, H (2009): Intimchirurgie: Ein gefährlicher Trend. Deutsches Ärzteblatt; 106(11): A-500

Literaturverzeichnis zu diesem Artikel: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/lit.asp?id=63783

« Sterben die Blonden wirklich aus? – Schönheit im Klassenzimmer »

Info:
Problemzone Vagina ist Beitrag Nr. 141
Author:
U am 18. März 2009 um 07:22
Kategorie:
Allgemein
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