So sehr ich mich über Obamas Sieg freue, der Attraktivitätsforscher in mir kann es nicht lassen: Natürlich ist es zuallererst Obamas ATTRAKTIVITÄT, die ihn zum Präsidenten gemacht hat. Wenn der Vergleich mit Kennedy seine Berechtigung hat, dann genau an diesem Punkt. Damals war es ein 43jähriger Grünschnabel, dazu noch Katholik, der die Wahl gewann - genauso ein “Wunder” wie der heutige Sieg eines Schwarzen.
Hinter dem Wunder steht damals wie heute das Fernsehen. Bei seiner Debatte mit Nixon am 26. September 1960 in Chicago (dem ersten TV-Duell der Geschichte überhaupt) gewann Kennedy schätzungsweise zwei Millionen Wähler - und zwar nachweislich schönheitsbedingt: Im Gegensatz zu den Fernsehzuschauern, deren überwältigende Mehrheit Kennedy als Sieger sah, hatte bei den Radiohörern nämlich Nixon die Nase vorne. Am Ende ging die Wahl dann mit einem hauchdünnen Vorsprung von 112 000 Stimmen an Kennedy.
Das meines Wissens erste Experiment zum Einfluss von Schönheit auf politische Wahlen fand 1974 in Kanada statt: Vor den Parlamentswahlen ließen zwei Psychologie-Professoren die Attraktivität der Kandidaten von ihren Studenten in drei Kategorien einteilen. Das tatsächliche Wahlergebnis zeigte dann, dass die Schönsten fast dreimal mehr Stimmen (32%) als die Unattraktivsten (11%) erhielten. (Efran & Patterson 1974, Literatur unten)
1979 demonstrierte die Sozialpsychologin Shelly Chaiken in einem klassischen Experiment, wie sehr Schönheit beim „Verkauf“ politischer Meinungen mitspielt. Bei einer Unterschriftensammlung auf dem Uni-Campus für die Einführung vegetarischer Menüs in der Mensa stellte sie fest, dass die attraktivere Hälfte der männlichen Aktivisten von 53 Prozent der Angespochenen eine Unterschrift bekamen, die weniger Bezaubernden dagegen nur von 38 Prozent. Die attraktiveren Frauen hatten bei 47 Prozent der Passanten Erfolg, die weniger hübschen nur bei 29 Prozent (Literatur unten).
Das Attraktivitätsstereotyp lässt grüßen. (Für die, die neu hier im Blog bzw. im Schönheits-Thema sind: Unter “Attraktivitätsstereotyp” versteht man die Tatsache, dass Menschen in ihrem Hirn “schön” und “gut” gleichsetzen). Einem attraktiven Menschen (ob Politiker oder nicht) wird quasi reflexartig mehr Vertrauen entgegengebracht.
Für die Profis - hier die wissenschaftliche Forschung zum Thema “Politik und Attraktivität” (nach Aktualität):
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Antonakis, J., Dalgas, O.: Predicting Elections: Child’s Play!. Science 323, S. 1183, 2009.
Studenten an einer Schweizer Universität wurden Bilder der Kandidaten der französischen Parlamentswahlen 2002 vorgelegt. Sie mussten nun entscheiden, welchen der (ihnen völlig unbekannten) Politiker sie für kompetenter, intelligenter und führungsstärker hielten. In ca. 70 Prozent der Fälle fiel die Wahl auf den tatsächlichen Sieger - demnach waren die Wähler also genauso wie die Probanden rein nach dem Äußeren gegangen. Das Originelle an der Studie ist, dass dieselben Bilder in einem zweiten Teil des Experimentes auch Kindern vorgelegt wurden, die entscheiden sollten, welchen der Abgebildeten sie zum Kapitän einer fiktiven Schiffsreise machen würden und dabei ziemlich genau dieselbe Wahl trafen wie Erwachsene.
- Bailenson, J.N., Iyengar, S., Yee, N., & Collins, N. A. (in press). Facial similarity between voters and candidates causes influence. Public Opinion Quarterly.
Bailenson untersucht v.a. den Einfluss von Ähnlichkeit (zwischen Kandidat und Wähler) auf Wahlentscheidungen -
Rosar, U, Klein, M, Beckers, T (2008). The frog pond beauty contest: Physical attractiveness and electoral success of the constituency candidates at the North Rhine-Westphalia state election of 2005. European Journal of Political Research, 47 (1), 64-79
Abstract und Volltext: http://www.blackwell-synergy.com… - Ballew, C.C., and Todorov, A. (2007). Predicting political elections from rapid and unreflective face judgments. Proceedings of the National Academy of Sciences (USA), 104, 17948-17953. (Experimente zu den Gouverneurs- und Senatswahlen in den USA 2006 - Die Einschätzung von Kompetenz, die Probanden aufgrund von Porträtfotos der (ihnen unbekannten) Kandidaten nach einer Expositionszeit von nur 100 ms trafen, sagten den Wahlerfolg der jeweiligen Kandidaten rel. zuverlässig voraus). Volltext*: http://www.pnas.org…
- Little AC, Burriss RP, Jones BC, Roberts SC. (2007). Facial appearance affects voting decisions. Evolution and Human Behaviour 28, 18-27 [Die Studie ist allerdings wegen methodischer Fehler in der Morphing-Technik (das Paar Bush/Kerry betreffend) z.T. sehr mit Vorsicht zu genießen)
Volltext auf der Homepage von Tony Little
- Bailenson, J. N., Garland, P., Iyengar, S., & Yee, N. (2006). Transformed facial similarity as a political cue: A preliminary investigation. Political Psychology, 27, 373-386.
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Rosar, U & Klein, M (2005). Physische Attraktivität und Wahlerfolg. Eine empirische Analyse am Beispiel der Wahlkreiskandidaten bei der Bundestagswahl 2002. Politische Vierteljahresschrift, 46 (2), 263-287.
Abstract: http://www.springerlink.com… -
Todorov, A, Mandisodza, AN, Goren, A & Hall, CC (2005). Inferences of competence from faces predict election outcomes. Science, 308, 1623-1626. Abstract: http://www.ncbi.nlm…; Volltext*: http://homepage.psy.utexas.edu…
In dieser Studie zeigt das Team um den Psychologen Alexander Todorov von der Princeton University, dass sich die Zuschreibung von Kompetenz bei den Kandidaten der Kongresswahlen in den USA ausschließlich auf deren Gesichtszüge stützte. -
Zebrowitz LA & Montepare JM (2005). Appearance DOES matter, Science, 308, 1565.
Abstract: http://www.sciencemag.org…
Zebrowitz et al. sehen die Hauptursache für den von Todorov et al. beschriebenen „Erster-Eindruck-Effekt“ in der wahrgenommenen “babyfacedness” der Kandidaten. In 70% aller Wahlen zum Senat war der kindsgesichtigere Kandidat der spätere Verlierer. Der Grund: Reifen Gesichter wird mehr Kompetenz zugeschrieben als solchen mit Babyface. - Barrett AW & Barrington LW (2005). Is a Picture Worth a Thousand Words?: Newspaper Photographs and Voter Evaluations of Political Candidates. The Harvard International Journal of Press/Politics, 10/4, 98-113
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Caprara, G. V., & Zimbardo, P. G. (2004). Personalizing politics—A congruency model of political preference. American Psychologist, 59(7), 581–594.
- Klein, M & Ohr, D (2000). “Gerhard oder Helmut? ‘Unpolitische’ Kandidateneigenschaften und ihr Einfluß auf die Wahlentscheidung bei der Bundestagswahl 1998″, Politische Vierteljahresschrift, 41 (2), 199-224. Abstract: http://www.springerlink.com…
- Keating, CF, Randall, D, & Kendrick, T (1999). Presidential physiognomies: Altered images, altered perceptions. Political Psychology, 20, 593-610. Abstract: http://www.blackwell-synergy.com…
- Budesheim, TL & DePaola, SJ (1994). Beauty or the beast? The effects of appearance, personality and issue information on evaluations of political candidates. Personality and Social Psychology Bulletin, 20, 339-348.
- Higham, P. A., & Carment, W. D. (1992). The rise and fall of politicians: The judged heights of Broadbent, Mulroney and Turner before and after the 1988 Canadian federal election. Canadian Journal of Behavioral Science, 24, 404–409 (Eine Studie zu den kanadischen Bundestagswahlen 1988 - Die Wähler schätzten die Körpergröße des Gewinners (Brian Mulroney) nach der Wahl als größer ein als vor der Wahl - umgekehrt die Größe der Verlierer kleiner.
- Clemmer, EJ & Payne, JG (1991). Affective Images of the Public Political Mind: Semantic Differential Reference Frames for an Experience of the 1988 Presidential Campaign. Political Communication and Persuasion, 8, 29-42.
- Sigelman, L, Dawson, E, Nitz, M & Whicker, ML (1990). Hair loss and electability: The bald truth. Journal of Nonverbal Behavior, 14, 269-283. Abstract: http://www.springerlink.com…
- Lewis, KE & Bierly, M (1990). Toward a Profile of the Female Voter: Sex Differences in Perceived Physical Attractiveness and Competence of Political Candidates, Sex Roles, 22, 1-12.
Die Studie an US-Abgeordeten findet einen starken Zusammenhang zwischen zugeschriebener Kompetenz und der Attraktivität des Gesichtes des Kandidaten. Spielt es dabei eine Rolle, ob man Mann oder Frau ist? - Schöne Frauen profitieren genauso wie ihre männlichen Kollegen vom Schönheitsbonus, den sie sowohl von männlichen als auch weiblichen Wählern erhalten. Zusätzlich liegen sie jedoch in der Gunst der weiblichen Wählerschaft deutlich vorne – einfach weil sie eine Frau sind: Frauen halten Politikerinnen für kompetenter als Politiker, bei männlichen Wählern macht das Geschlecht bei der Einschätzung der Kompetenz dagegen keinen Unterschied. - Diese Ergebnisse stehen allerdings im Widerspruch zu früheren Studien, in denen nur das männliche Politik-Personal vom Schönheitsbonus profitierte, Frauen also tendenziell mit dem bekannten Vorurteil zu kämpfen hatten: schön aber leider inkompetent. Spiegeln die Ergebnisse von Lewis & Bierly möglicherweise eine Trendwende wider? Wird Frauen in dem Maß, wie Politik eben nicht mehr reine Männerdomäne ist, auch mit weniger Vorurteilen begegnet? - Kraus, S. (1988). Televised Presidential Debates and Public Policy. Hillsdale, NJ: Erlbaum
- Sigelman, CK, Thomas, DB, Sigelman, L & Robich, FD (1986). Gender, physical attractiveness, and electability: An experimental investigation of voter biases. Journal of Applied Social Psychology, 16, 229-248.
Nach dieser Studie hilft Attraktivität zwar männlichen Politikern, bei weiblichen macht das Aussehen jedoch keinen Unterschied. - Sigelman, L & Sigelman, CK (1982). Sexism, Racism, and Ageism in Voting Behavior: An Experimental Analysis. Social Psychology Quarterly, 45, 263-269.
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Chaiken, S (1979): Communicator Physical Attractiveness and Persuasion. Journal of Personality and Social Psychology, 37, 1387-1397
- Martin, D. S. (1978). Person perception and real-life electoral behavior. Australian Journal of Psychology, 30, 255
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Efran, MG & Patterson, EWJ (1974). Voters Vote Beautiful: The Effect of Physical Appearance on a National Election, Behavioral Science, 6, 352-356.
Die Studie gehört zu den Klassikern der Politikwissenschaften: Anlässlich von Parlamentswahlen in Kanada teilten Studenten die Attraktivität der Kandidaten in drei Kategorien ein. Das tatsächliche Wahlergebnis zeigte, dass die Schönsten fast dreimal mehr Stimmen (32%) als die Unattraktivsten (11%) erhielten.