“Frauen stehen auf intelligente Männer” oder „Intelligenz macht Männer attraktiv”, solche Überschriften sind in den letzten Tagen auf den Wissenschaftsseiten zu lesen. Im New Scientist hieß es: „Nerds rejoice! Braininess boosts likelihood of sex” (frei übersetzt: Auch ein Bücherwurm kann eine sexy Biene abkriegen).
Mark Prokosch, der das angeblich alles rausgebracht hat, ist Psychologe an der University of California in Davis, und schüttelt wahrscheinlich gerade genauso den Kopf wie ich, nachdem ich seine Studie im Original gelesen habe. Denn da kann ich beim besten Willen keinen Hinweis darauf finden, dass männliche Intelligenz Frauen willenlos macht - ganz im Gegenteil: Man könnte das Ergebnis der Studie eigentlich auch so zusammenfassen: Intelligenz kommt für Frauen unter „ferner liefen”, wenn es um den Idealpartner geht.
Zu der Frage, wie dann die Jubelmeldungen über den Sexappeal des männlichen Großhirns in die Presse gekommen ist, sag ich gleich noch etwas - aber erst einmal die Studie:
Prokosch und seine Mitstreiter ließen 15 männliche Studenten einen Intelligenztest ausfüllen und dann vor der Kamera die verschiedensten Aufgaben erledigen - einen Zeitungsartikel vorlesen, erklären, warum gerade sie ein guter Partner wären, und erläutern, welche Konsequenzen die Entdeckung von Leben auf dem Mars hätte. Zudem hatten die Probanden eine Frisbee-Scheibe zu werfen und zu fangen. Videoschnipsel aus diesen Präsentationen wurden dann 204 Frauen vorgespielt, die Kreativität, Intelligenz und Attraktivität der Hauptdarsteller sowie deren Eignung als Kurz- oder Langzeitpartner bewerten sollten.
Das Ergebnis, ganz kurz:
- Unter den Auswahlkriterien, die die Frauen ihrer Entscheidung für einen „Mann fürs Leben” offenbar zugrundelegten, landete Intelligenz auf dem LETZTEN Platz -sie floss exakt zu 8,1 % in ihr Gesamturteil ein. Das Aussehen des Kandidaten dagegen zu über 40 %! („Finanzielle Sicherheit” war zu 14 %, und „Verlässlichkeit” zu 18 % beteiligt)
- Wenn es um “nur Sex” geht, wird es sogar noch peinlicher - Intelligenz machte gerade 3 % des Gesamtpakets aus, Attraktivität dagegen 60 %. - Intelligenz lässt sich damit für eine Affäre also eher unter der Rubrik „stört nicht” fassen (was bei Männern in entsprechenden Studien andersrum übrigens genauso ist)
Soviel also zum Thema „Intelligenz macht attraktiv”. - Wie es zu dieser Ente kommen konnte? - Wer das Abstract der Studie liest, und mit der Studie selber vergleicht, weiß Bescheid: die Zusammenfassung gibt die Studienergebnisse vollkommen verzerrt wieder. („Unsere Befunde legen nahe, dass Intelligenz … den Partnerwert beeinflusst” - kein Wort davon, wie erbärmlich schwach der Effekt, vor allem auch nicht, wie stark die anderen Effekte waren.) Und erst recht der Titel: „Intelligenz und Partnerwahl: Intelligente Männer gefallen immer”. Nur Mark Prokosch selber weiß, wie er auf die Idee gekommen ist … Auch wenn es natürlich kritikwürdig ist, dass es unter manchen Wissenschaftsjournalisten offenbar nicht üblich ist, die Studien zu LESEN, über die sie berichten - Mark Prokosch muss sich an die eigene Nase fassen. Wer über Intelligenz schreibt, sollte auch intelligente „Zusammenfassungen” zustandebringen.
Für die Profis unter uns noch ein paar andere Ergebnisse der Studie:
- Tatsächliche und zugeschriebene Intelligenz korrelierten mit r = ca. 0,45 und damit erwartungsgemäß mehr als in den meisten Studien, die nur Fotos als Stimulusmaterial verwenden (nach einem Literatur-Überblick von Leslie Zebrowitz liegen die entsprechenden Korrelation in den meisten Studien bei knapp 0,3. Trotzdem sind auch in der Prokosch-Studie immer noch fast 80% der Varianz nicht erwischt. Dafür, dass Intelligenz in manchen Studien als fortpflanzungsrelevanter „Fitness-Indikator” gehandelt wird, ist das für meinen Geschmack viel zu viel. - Will heißen: wenn Intelligenz als Partnerwahlkriterium wirklich so wichtig wäre, müssten wir einen besseren Riecher dafür haben (wohlgemerkt, die TATSÄCHLICHE Intelligenz der Kandidaten ging nur mit wenigen Prozenten in die Entscheidung ein).
- (Subjektiv beurteilte) “Kreativität” spielt offenbar auch ein Rolle bei der Partnerwahl, aber da hier offenbar ein großer Attraktivitäts-Halo besteht, blieb auch davon nach Regression fast nichts mehr übrig.
- Interessant wie immer die Nebenbefunde: Die Vorlieben der Frauen waren völlig unabhängig von ihrem jeweiligen Zyklusstand (die Studie steht damit im Widerspruch zu einem ganzen Stapel an anderen, Review siehe Gangestad & Thornhill 2008).
Referenzen:
Gangestad and R. Thornhill. Human oestrus. Proceedings of the Royal Society of London B 275:991-1000