WAHRHEIT? - Wer sich mit Wissenschaft auskennt, weiß, dass Wahrheit ein knappes Gut ist - und das ist auch in unserem Fall so. (Wir sind immer noch bei der Frage nach dem „biologischen Sinn” von Schönheit - die entsprechenden Theorien wurden in den letzten beiden Einträgen vorgestellt). Alle drei Denkmodelle haben eine Menge an „evidence” hinter sich, also wissenschaftliche Ergebnisse, die sich in ihrem Sinn interpretieren lassen. Über meine persönliche Meinung gebe ich noch Auskunft. Aber vorher ist noch ein kleiner Exkurs von Nöten, warum sich ALLE auf dem Markt befindlichen Hypothesen mit Beweisen so schwer tun, ja - schwer tun MÜSSEN.
Erstens: „Ursächliche” Zusammenhänge sind selten ursächlich
Nach der Gute-Gene-Hypothese genauso wie nach der Schlechte-Gene-Hypothese müssten Schönheit bzw. Hässlichkeit TATSÄCHLICH mit besonderen Qualitäten bzw. Mängeln einhergehen. - Nichts einfacher also, als die entsprechende Hypothese zu beweisen, werden Sie sich jetzt vielleicht sagen - man muss nur rauskriegen, ob Attraktivität und „Qualität” miteinander zusammenhängen. Genauso einfach denken leider auch viele Profis, und legen Studie um Studie auf, die den Zusammenhang von z.B. Gesundheit, Intelligenz, Lebenserwartung etc. eines Menschen mit dessen Attraktivität feststellen soll. - Und finden ihn dann tatsächlich. Schöne Menschen schneiden in vielen Studien besser ab als weniger schöne, etwa bei sozialen Fähigkeiten, Lebenserwartung, psychischer Stabilität, oder auch Intelligenz. Der Zusammenhang ist in den meisten Studien moderat (und im Fall von Intelligenz meist auf Kinder beschränkt - dazu an anderer Stelle vielleicht einmal mehr). Aber immerhin, er ist da.
Und wird dann gerne als „Beweis” gehandelt, dass Attraktivität eine Chiffre für „genetische Qualität” sein muss. - Vollkommen ausgeblendet wird dabei ein banales soziologisches Phänomen, das solche Zusammenhänge auf viel simplere Art erklärt. Ich nenne es hier mal „Aufwärtsmobilität von Schönheit”, gemeint ist Folgendes: Schöne Frauen haben bei der Partnerwahl mehr Auswahl als weniger schöne. Und werden sich deshalb tendenziell eher für die charmanteren, attraktiveren, sozial kompetenteren, gesünderen, kreativeren, intelligenteren, durchsetzungsfähigeren etc. Männer interessieren - womit sich dann bei den Kindern dieser glücklichen Verbindung die väterlichen und mütterlichen „Qualitäten” miteinander vereinigt finden. (Tendenziell zumindest - natürlich sind nicht alle der genannten Eigenschaften erblich, aber ein guter Teil - incl. Schönheit - ist es. Schönheit und andere „sozial erwünschte Eigenschaften” gehen damit in einer Gesellschaft, in der sich Partner gegenseitig frei wählen können, geradezu naturgesetzlich eine Koalition ein. Entsprechende Zusammenhänge liegen deshalb in der Logik des Auswahlprozesses. Über die AuswahlKRITERIEN sagen sie rein gar nichts aus und sind deshalb als Beweismittel für egal welche „Schönheitserklärung” bis auf weiteres belanglos.
Zweitens: Die Macht der Mode
Der zweite Grund, warum allzu simple Schönheitserklärungen beim Menschen meist nicht funktionieren: Schönheit ist eben nicht nur ein rein biologisches, sondern genauso ein kulturelles Phänomen, und unterliegt damit dem ewigen Wandel. Es gibt an der sichtbaren Oberfläche des Homo sapiens buchstäblich keinen Quadratmillimeter, der nicht zum Spielball irgendwelcher Moden und Marotten werden könnte, und das gilt für die „ideale” Gestalt des Körpers noch mehr wie für das Gesicht. (Unser heutiges Ideal einer Frauenfigur beispielsweise - schmale Hüften und großer Busen - ist im Vergleich der Zeiten und Kulturen vollkommen exotisch. Fast immer und überall waren es gerade die vollen Hüften und vor allem ein KLEINER Busen, die als sexy empfunden wurden.)
Wer diesen ewigen Wandel nicht auf der Rechnung hat (wie leider ein guter Teil der Attraktivitätsforscher), liegt bei der Interpretation seiner “Korrelationen” öfter mal daneben. - Ein trauriges Beispiel ist die „waist-to-hip-ratio”, die ein amerikanischer Evolutionspsychologe namens Devendra Singh in den 90er Jahren aufgebracht hat. Danach stellt ein Verhältnis von Taillen- zu Hüftumfang von exakt 0,7 ein UNIVERSALES Attraktivitätskriterium dar (und das angeblich selbst bei Völkern, die vom Körperbau her keine schlanke Taille aufweisen). Die „waist-to-hip-ratio” war jahrelang ganz oben in den Charts der evolutionspsychologischen Attraktivitätsforschung, bis sich erste Zweifel regten. Inzwischen ist von der vermeintlichen „Universalkonstante” nicht mehr viel übrig. Die vielen Festmeter an wertlosen Publikationen hätte sich erspart, wer sich z.B. bloß die Geschichte der europäischen Aktfotografie vorgenommen hätte. Er hätte festgestellt, dass im Europa der vorletzten Jahrhundertwende, nach der Befreiung von der Diktatur des Korsetts, gerade füllige Taillen en vogue waren. Pustekuchen also mit der angeblichen „Universalkonstante”.
Welche Theorie hat nun recht?
Aber die Frage ist immer noch nicht beantwortet, wer denn eigentlich Recht hat mit seiner Schönheitserklärung? - Auch wenn es vielleicht manchen enttäuscht, der einfache Erklärungen mag (wie wir das alle tun …), die Datenlage ist leider zu komplex, um heute irgendwelche Sieger zu krönen. Für mich stellt sich das Schlachtgetümmel folgendermaßen dar:
- Die klassische Gute-Gene-Hypothese hat (aus den genannten Gründen) viel Kredit verspielt. Auch deshalb, weil sie lange Zeit ausschließlich auf mögliche GENETISCHE Vorteile von Attraktivität fixiert war - so als ob rein phänotypische Vorteile bei der Partnerwahl keine Rolle (im evolutionären Sinn) spielen würden.
- Diesen Vorwurf kann man zwar im Prinzip auch der Schlechte-Gene-Hypothese machen - diese hat aber immerhin einen klaren Vorteil, wenn es um die Erklärung geht, wie Attraktivität und „Qualität” zusammenhängen. Nach der Gute-Gene-Hypothese müssten die Schönen nämlich - qua bessere Gene - nicht nur den Unattraktiven gegenüber überlegen sein, sondern auch den DURCHSCHNITTLICH Attraktiven. - Und das ist eben nicht der Fall: Wo immer entsprechende „Korrelationen” untersucht wurden, zeigt sich ein Zusammenhang nur im unteren Bereich der Attraktivitätsskala - ein klares Argument für die Schlechte-Gene Hypothese.
- Dass die Schlechte-Gene Hypothese allerdings einmal als alleinige Schönheitserklärung gelten wird, ist nicht zu erwarten. Wenn Schönheit ein ausschließlich negatives Konzept wäre, ließe sich die ungeheure Anziehungskraft von superschönen Gesichtern kaum erklären. Es sieht ganz so aus, als ob es sich bei Schönheit um ein bipolares Konzept handeln würde: Schönes zieht uns an, so wie uns Hässliches abstößt. (über die Gewichtung der beiden Kräfte will ich hier allerdings nichts sagen. Es sieht aber ganz so aus, als ob das Negative in unserem Erleben mehr Gewicht hätte als das Positive)
- Und die Wahrnehmungsvorlieben? - Die Theorie liegt gut im Rennen, z.B. bei der Erklärung, warum wir PROTOTYPISCHE Gesichter als attraktiv wahrnehmen. Neuerdings erweitert die Wahrnehmungsforschung ihr angestammtes Terrain beträchtlich, indem sie die Verarbeitung von Reizen im Hirn in der Magnetresonanzröhre sichtbar macht. Und dabei hat sie Einblicke gewonnen, die ein ganz neues Licht auf unseren “Schönheitssinn” werfen (ich werde noch davon berichten). Wenn Sie mich fragen, wird das Rätsel der menschlichen Schönheit - wenn überhaupt - von Wahrnehmungsforschern gelüftet.
Wie auch immer - es empfiehlt sich im Hinterkopf zu behalten, dass sich die einzelnen Theorien nicht gegenseitig ausschließen, sondern im Gegenteil: dass sie möglicherweise stärker zusammengehören als es den einzelnen Protagonisten bewusst ist.
Über den biologischen Sinn von Schönheit « Schoenheitswahn
[...] Renz schreibt in seinem Blog über die Bewertung dieser Erklärungsmodelle angewandt auf den [...]
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