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Renz über Schönheit - Neues, Wissenswertes und Denkwürdiges aus der Attraktivitätsforschung


Gute Gene, schlechte Gene - Hat Schönheit einen SINN?

Das Thema passt zum Sonntag heute. Es geht um die Sinnfrage. - Wenn die Natur unterschiedliche Menschen (oder auch andere Lebewesen) mit unterschiedlichem Maß an Schönheit ausstattet, was will sie uns damit sagen? Will sie uns überhaupt etwas sagen? Was ist der tiefere Sinn hinter Schönheit?

Die Frage hat Heerscharen von Philosophen vollkommen ergebnislos beschäftigt. Auch für die moderne Attraktivitätsforschung ist sie eine harte Nuss, aber immerhin sind schon ein paar schöne Hypothesen zusammengekommen, die ich jetzt in einer Art „Grundkurs Biologische Schönheitserklärungen“ vorstelle.

Dass die Geschichte immer mit dem Pfau anfängt, hat mit Charles Darwin zu tun, den das Tier buchstäblich um den Schlaf gebracht hat. Warum um alles in der Welt, fragte er sich, gibt es solche auffälligen “Ornamente” wie den Pfauenschwanz? Wenn seine eigene Theorie stimmt, dass nur die Angepasstesten überleben, dürfte es ein knallbuntes Wesen wie das Pfauenmännchen gar nicht geben – und mit ihm die halbe Schöpfung nicht. Darwins Antwort auf das Rätsel hieß am Ende: SEXUELLE SELEKTION. - Um im Sinn der Evolution erfolgreich zu sein – also möglichst viele Nachkommen zu hinterlassen -, muss ein Tier nicht nur mit seiner Umwelt zurecht kommen (also gegen die natürliche Selektion bestehen), sondern auch einen Partner für sich einnehmen (ihn “erregen und bezaubern“, wie Darwin sich ausdrückte). Die bunten Federn des Pfauenhahns stehen somit im Dienst der Selbstvermarktung beim anderen Geschlecht.

Damit drängte sich Darwin aber sofort die nächste Frage auf: Warum stehen die Pfauenweibchen auf so schrille männliche Accesoires? – Weil ihr „sense of beauty“, so Darwins Antwort, nun einmal auf die schönen Farben und Muster gepolt ist. Und deshalb finden auch nur die allerprächtigsten Exemplare Gnade vor den kritischen Hennen-Augen. Von Generation zu Generation pflanzen sich damit nur die am reichsten geschmückten Männchen fort, mit der Folge, dass ihr Schmuck immer extremere Ausprägungen annimmt.

Gute Gene?

Schönheit um der Schönheit willen? Das Gros der heutigen Evolutionsbiologen ist hier entschieden anderer Meinung als ihr Vordenker – der ja noch nichts von Genen wusste. Für sie muss hinter auffallenden (und nebenbei „teuren“, weil lästigen) Ornamenten eine Botschaft stecken, und die heißt: QUALITÄT. – Schönheit erfüllt demnach einen ZWECK: nämlich die Anzeige einer für die potentielle Nachkommenschaft günstigen genetischen Ausstattung. Diese Schönheitserklärung geht auf den Evolutionsbiologen Donald Symons zurück und firmiert unter dem Namen „Gute Gene-Hypothese“.

Um welche genetischen Vorteile es dabei genau geht, ist noch Gegenstand des wissenschaftlichen Disputs. Nach einer immer wieder populären Theorie sollen sexuelle Ornamente eine starke Immunabwehr signalisieren. Heute ist zudem das Konzept der „Entwicklungsstabilität“ in Mode – die nach der entsprechenden Hypothese an der SYMMETRIE von Ornamenten oder des Körperbaus abzulesen wäre. Nach der derzeit ebenfalls hoch gehandelten „Hormonhypothese“ spiegelt ein attraktives Äußeres das Wirken von maximalen Spiegeln an Geschlechtshormonen – und damit das Versprechen von besonderen fortpflanzungsrelevanten Qualitäten.

Um welche „guten Gene“ genau es auch immer gehen mag - die direkte Schlussfolgerung aus der Hypothese lautet: die attraktiveren Artgenossen müssten auch mit messbar besseren Eigenschaften gesegnet sein – schöne Pfauen müssten dann TATSÄCHLICH widerstandsfähiger und kräftiger sein. Und dasselbe müsste auch für Menschen gelten: Die Schönen unter uns müssten dann TATSÄCHLICH fruchtbarer, gesünder, intelligenter und leistungsfähiger sein als die weniger Schönen. Ob sie das tatsächlich tun, wird uns noch beschäftigen – jetzt aber erst einmal zur nächsten der derzeit aktuellen Schönheitserklärungen: der Hypothese der „bad genes“.

Schlechte Gene

Die Urheberin der Hypothese ist die Psychologin Leslie Zebrowitz von der Brandeis University in Massachusets. Ihre Überlegung geht so: Vielleicht geht es bei unserem „Schönheitserkennungsprogramm“ gar nicht um die Detektion von besonderen Qualitäten, sondern um das Erkennen von RISIKEN? – Die Schlechte-Gene-Hypothese geht genau so wie die Gute-Gene-Hypothese davon aus, dass unsere Reaktionsmuster auf Gesichter von der Evolution geformte Überlebensstrategien darstellen. Allerdings seien diese darauf gerichtet, schlechte Gene zu erkennen und einen großen Bogen um deren Träger zu machen. Als Hinweis auf schlechte Gene nähmen wir dabei alles, was in extremer Weise vom prototypischen Durchschnitt unserer Artgenossen abweicht – starke Asymmetrien etwa oder sonstige Entstellungen und Auffälligkeiten, insbesondere der Hautoberfläche. Der Clou nach der Zebrowitzschen Theorie ist nun, dass unsere Reaktionsbereitschaft auf solche genetischen Warnzeichen so groß ist, dass wir auf die entsprechenden Schlüsselreize selbst dann reagieren, wenn sie nur in abgeschwächter Form vorkommen, wenn wir also auf Gesichter treffen, die den „unfitten“ nur entfernt ähneln. Unser entwicklungsgeschichtlich recht primitives Gesichtserkennungsprogramm kann nun einmal nicht zwischen einem Leprageschwür und einem Pubertätspickel differenzieren. Zebrowitz spricht in diesem Fall von Überreaktion – die aber aus evolutionärer Sicht Sinn macht. Der Preis des falschen Alarms (in Form verpasster Paarungschancen) dürfte oft geringer sein als die „Kosten“ einer Fehlentscheidung.

Schönheit wäre demnach ein negatives Konzept - wie es etwa in unserem Begriff der „Makellosigkeit“ anklingt. Das der Schlechte-Gene-Hypothese zugrunde liegende Motto lautet „Vermeide das Schlimmste!“ – ganz im Gegensatz zur Devise der Gute-Gene-Hypothese, die da heißt: „Suche das Beste!“

Gute Gene, schlechte Gene … eigentlich reicht die Dosis für einen schönen Sonntag wie heute. Die anderen Schönheitserklärungen und das Pro und Contra kommen alsbald.

 – Gute Gene, schlechte Gene … (Fortsetzung 1) »

Info:
Gute Gene, schlechte Gene - Hat Schönheit einen SINN? ist Beitrag Nr. 10
Author:
U am 26. Oktober 2008 um 14:46
Kategorie:
Allgemein
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1 Kommentar »

  1. Über den biologischen Sinn von Schönheit « Schoenheitswahn

    [...] Renz, Artikelserie „Gute Gene, schlechte Gene“ Teil 1, Teil 2, Teil [...]

    #1 Pingback vom 19. Juni 2009 um 17:25

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