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Renz über Schönheit - Neues, Wissenswertes und Denkwürdiges aus der Attraktivitätsforschung


Gute Gene, schlechte Gene … (Fortsetzung 1)

Heute kommt der zweite Teil der Sinnfrage. – WARUM gibt es Schönheit? Wie erklärt es sich, dass Lebewesen unterschiedlich schön sind? – Weil Schönheit eine Funktion im evolutionären Kampf ums Weiterkommen hat, sagt die Gute-Gene-Hypothese, die vom mainstream der derzeitigen Evolutionspsychologen vertreten wird. Ihr zufolge ist ein schönes Äußeres eine Werbefläche für genetische Qualität. Im Kommen ist aber die Schwesterhypothese von den „schlechten Genen“: Ihr zufolge nehmen wir einen Artgenossen als schön wahr, wenn sein Äußeres nicht mit Zeichen schlechter Qualität behaftet ist. – So weit waren wir beim letzten Eintrag gediehen.

Die Schönheitserklärung, die für heute auf dem schönheitspädagogischen Programm steht, wird von den meisten Evolutionspsychologen eher feindselig beäugt. Denn auf den ersten Blick sieht sie wie die leibhaftige Antithese zu ihren „Qualitäts-Argumenten“ aus (und dazu noch verdächtig nach Darwins ursprünglicher Weltsicht von der „Schönheit um der Schönheit willen“): Schönheit habe nach dieser ketzerischen Lesart nichts mit irgendwelchen Qualitäten des SENDERS zu tun (oder der Abwesenheit derselben), sondern mit dem EMPFÄNGER selber, genauer der Arbeitsweise seines Nervensystems.

Dieses Minderheitsvotum der Attraktivitätsforschung segelt unter dem Namen der „Wahrnehmungsvorlieben” (sensory bias) und wird federführend von einem Stockholmer Verhaltensforscher namens Magnus Enquist vertreten. Er und seine Gruppe gehen z.B. der Frage nach, warum wir viele von anderen Arten (wie etwa Schmetterlingen oder Blumen) ausgehende Signale als schön empfinden, obwohl sie gar nicht an uns Menschen gerichtet sind und uns keinerlei „Fitness-Vorteil“ bringen. Die Antwort liegt für die Stockholmer in den universellen Gesetzmäßigkeiten der Signalerkennung: Da es bei all den Lockungen, Drohungen, Warnungen und Beschwichtigungen, die Lebewesen beständig miteinander austauschen, allzuoft um Leben oder Tod geht, müssen Entscheidungen mit maximaler Effizient und vor allem blitzschnell getroffen werden. Deshalb, so Enquists These, werden diejenigen Reize von unserem Wahrnehmungsapparat bevorzugt, die sich leichter verarbeiten lassen - sie “gefallen” uns schlichtweg besser.

Eine dieser „Wahrnehmungsvorlieben“ bezieht sich auf Kontraste – und kann beim Menschen möglicherweise die Attraktivität von klar gezeichneten Lippen oder Augenbrauen erklären. Auch den klassischen Schönheitsfaktor „Symmetrie“ erklärt Enquist mit den Eigenarten von Nervenzellen: Künstliche neuronale Netze, also am Computer simulierte Miniatur-Nervensysteme, neigen tatsächlich dazu, auf symmetrische Muster stärker anzusprechen als auf Zufallsmuster. Zu den Enquist’schen Wahrnehmungsvorlieben gehören auch sogenannte supranormale Reize: Nervenzellen sind hochempfänglich für Übertreibungen – eine Gesetzmäßigkeit, die sich nicht nur der Kuckuck mit seinem übergroßen und überroten Schnabel sondern auch Homo sapiens bei seinen kosmetischen Bemühungen zunutze macht.

Gute Gene, schlechte Gene, Wahrnehmungsvorlieben … alles schön und gut, werden Sie vielleicht sagen, aber Renz, komm doch endlich zu den BEWEISEN. - Welche Theorie hat nun recht? – Gut, das nächste Mal ist die Frage nach der WAHRHEIT dran.

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Info:
Gute Gene, schlechte Gene … (Fortsetzung 1) ist Beitrag Nr. 11
Author:
U am 27. Oktober 2008 um 14:50
Kategorie:
Allgemein
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