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Renz über Schönheit - Neues, Wissenswertes und Denkwürdiges aus der Attraktivitätsforschung


Attraktivität und Eheglück

Heute geht es um die Liebe. Im Journal of Family Psychology ist ein Artikel zu lesen, in dem es um die Zufriedenheit von Frischverheirateten mit ihrer Ehe geht. Hier das Ergebnis:

  • Attraktive Männer waren mit ihrer Ehe unzufriedener als weniger attraktive - und verhielten sich ihrem Partner gegenüber auch entsprechend wenig einfühlsam. (Die Kandidaten mussten ein 10-minütigen Gespräch über ein persönliches Problem miteinander führen, das danach ausgewertet wurde, wie gut die Partner aufeinander eingingen)
  • Das Aussehen des jeweiligen PARTNERS spielte keine Rolle - weder für die Zufriedenheit noch für das tatsächliche Verhalten in der Testsituation.
  • Auch wie ÄHNLICH sich die beiden Partner in ihrem Schönheitsniveau waren, spielte für die Beziehungsqualität keine Rolle.
  • Das Wichtigste für ein positives Miteinander war, dass die Frau attraktiver als der Mann war.

Mit anderen Worten: wenn schon einer der Partner der Attraktivere ist, dann sollte es bitteschön die Frau sein. “Männliche Attraktivität ist Gift für die Ehe”, wird bald in der Brigitte und “Gehirn & Geist” zu lesen sein.

Was ist wirklich dran? - Bis auf weiteres nicht viel, die Ergebnisse kann man allenfalls als “sehr vorläufig” bezeichnen, aus folgenden Gründen:

  • Die Stichprobe ist mit 82 Paaren recht klein
  • Die Attraktivitätsbewertung wurde von nur 6 Menschen vorgenommen (Die Profis unter uns wissen, dass zu einer zuverlässigen Schönheitsbeurteilung mindestens 12 Personen benötigt werden). Dazu kommt, dass nur die GESICHTER der Partner bewertet wurden, also beispielsweise Gewichtsprobleme etc. völlig außen vor gelassen wurden. Das alles könnte mit ein Grund sein, warum die ermittelten Schönheitswerte irgendwie merkwürdig aussehen - weder der Durchschnittswert passt (er ist eine Note zu klein), noch die Tatsache, dass Männer im Durchschnitt besser abschneiden als Frauen (im “wirklichen Leben” ist es gerade andersherum). Genauso unplausibel ist auch die auffällig niedrige Ähnlichkeit der Schönheitswerte der beiden Partner (die Korrelation betrug r = 0,24, zu erwarten wäre jedoch deutlich mehr - nach einer Metaanalyse beispielsweise 0,39 (Feingold 1988)).
  • Es ist das Geheimnis der Autoren, warum gerade FRISCH VERHEIRATETE ausgesucht wurden, um die Frage nach dem Einfluss von Attraktivität zu beantworten. Nach meinem Gefühl (und Erfahrung - jawohl) offenbart sich die wirkliche Qualität einer Beziehung nicht im Honeymoon.

Die Erklärung der Autoren für ihre Ergebnisse ist ebenfalls nicht gerade zufriedenstellend: Im Vergleich zu ihrer Partnerin attraktivere Männer sind demnach den Verlockungen durch andere, attraktivere Frauen ausgesetzt, und  lassen sich deshalb weniger auf ihre Ehepartnerin ein und sind damit unzufriedener. Relativ (verglichen mit ihren Männern) attraktivere Frauen dagegen sind von der geringeren Attraktivität ihrer Männer nicht angekränkelt, weil die äußere Attraktivität für sie nicht das Haupt-Auswahlkriterium bei ihrer Partnerwahl ist …

Natürlich ist das nicht völlig aus der Luft gegriffen, aber naheliegendere Erklärungen werden leider nicht durchgespielt: Etwa die, die sich aus der Partnerwert-Theorie ergeben: Demnach bringen beide Partner unterschiedliche Stärken bzw. Qualitäten in die Beziehung ein, die sich unter dem Strich idealerweise die Waage halten. Wenn ein Mann demnach körperlich attraktiver ist als seine Frau, bringt er möglicherweise auf anderen Gebieten einen geringeren “Wert” auf die Waage - etwa beim Status oder bei den Persönlichkeitseigenschaften - alles Faktoren, die die Zufriedenheit und Beziehungsqualität beeinflussen können. Oder - auch das wird nicht diskutiert - der SELBSTWERT der Partner sorgt für eine generell ungleiche Verteilung von Partnerwert (in vielen Beziehungen verfügt der weniger attraktive Partner über einen geringeren Selbstwert (Murstein et al. 2002).

Auch wurde die SUBJEKTIVE Einschätzung sowohl der eigenen Attraktivität als auch der des Partners vollkommen ausgeblendet - obwohl für Fragen nach dem jeweiligen “Marktwert” oder auch der Zufriedenheit mit Sicherheit mehr die “gefühlte” Schönheit eine Rolle spielen dürfte, also wie MAN SELBER sich bzw. den Partner sieht, und nicht, wie ANDERE ein Paar beurteilen. (Studien zeigen, dass in der Regel nicht nur jeder Einzelne sich selbst durch die rosarote Brille betrachtet, sondern in noch viel stärkerem Maß den jeweiligen Partner in seinem Aussehen idealisiert (Murstein 1972, Barelds-Dijkstra & Barelds 2007). Und je schöner der Partner eingestuft wird, desto befriedigender wird die Beziehung empfunden (Sangrador & Yela 2000, Murstein & Christy 1976).

Fazit: Die Studie muss dringend mit besserer Methodik und Fragestellungen wiederholt werden. Dann reden wir nochmal über das Thema.

Referenz:

McNulty, J. K., Neff, L. A., & Karney, B. R. (2008). Beyond initial attraction: Physical attractiveness in newlywed marriage. Journal of Family Psychology, 22, 135-143.

Sangrador, JL & Yela, C (2000). ‘What is Beautiful is Loved’: Physical attractiveness in love relationships in a representative sample. Social Behavior and Personality, 28 (3), 207-218

Murstein, BI & Christy, P (1976). Physical attractiveness and marriage adjustment in middle-aged couples. Journal of Personality & Social Psychology, 34, 537-542.

Murstein, BI (1972). Physical attractiveness and marital choice. Journal of Personality and Social Psychology, 22, 8-12.

Murstein, BI, Reif, JA & Syracuse-Siewert, G (2002). Comparison of the function of exchange in couples of similar and differing physical attractiveness. Psychological Reports, 91(1), 299-314.

Barelds-Dijkstra P, Barelds DP: Positive illusions about one’s partner’s physical attractiveness. Body Image. 2008 Mar;5(1):99-108.

Feingold, A (1988). Matching for attractiveness in romantic partners and same-sex friends: A metaanalysis and theoretical critique. Psychological Bulletin, 104, 226-235.

Margolin, L., & White, L. (1987). The continuing role of physical attractiveness in marriage. Journal of Marriage and the Family. 49, 21-27 (behandelt die Frage, wie das Älterwerden des Partners die Zufriedenheit mit der Beziehung beeinflusst).

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Info:
Attraktivität und Eheglück ist Beitrag Nr. 61
Author:
U am 9. November 2008 um 15:04
Kategorie:
Allgemein
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