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Renz über Schönheit - Neues, Wissenswertes und Denkwürdiges aus der Attraktivitätsforschung


6. Juli 2010

Zum Glück Botox (Fortsetzung)

Ein Artikel in der aktuellen „Psychologie heute” über die segensreiche Wirkung von Botox („Glatte Haut, glatte Seele”) erinnert mich daran, dass ich meinen Lesern noch die Fortsetzung der Botox-Geschichte schuldig geblieben bin, und das schon seit geraumer Zeit! Asche auf mein Haupt - und schnell zur Sache.

Vorneweg aber noch eines: Dass Botox die ihm zugeschriebene ästhetische Wirkung hat, steht außer Zweifel: Botox macht TATSÄCHLICH jünger (zumindest in den drei Monaten, die seine Wirkung anhält). Die von Botox-Gegnern oft vorgebrachte Behauptung, Botox-Gesichter würden unnatürlich, maskenhaft oder sonstwie „unlebendig” aussehen, gilt allenfalls im Fall von Überdosierung, also eines Behandlungsfehlers (der durchaus vorkommen kann, und sich beispielsweise in hängenden Augenlidern äußern kann). In aller Regel wird aber, zumindest vom ungeschulten Auge, eine Botoxbehandlung nicht als solche erkannt.

Aber die ÄSTHETISCHE Wirkung von Botox ist hier nicht das Thema, es geht um die psychische Wirkung. - Wirkt sich Botox wirklich auf unser Gefühlsleben aus? - Ja, tut es, sagen verschiedene Wissenschaftler, Sie haben die entsprechenden Studien ja schon kennengelernt. Demnach dämpft eine Botox-Spritze möglicherweise das Erleben von Gefühlen ab (und zwar von negativen Gefühlen stärker als von positiven). Die Theorie der „Gefühlsübertragung via Gesichtsausdrücke” legt darüber hinaus sogar die Möglichkeit nahe, dass Botox-behandelte Menschen auch das Gefühlsleben ihrer Mitmenschen positiv beeinflussen, weil von ihren Gesichtern nun keine Ärger-, Wut-, oder Trauersignale mehr ausgehen können …

Würde es uns also allen besser gehen, wenn möglichst viele von uns faltenfrei durchs Leben gehen würden? Auf den ersten Blick sieht es ganz danach aus.

Auf den zweiten Blick kommen aber Fragen auf. Was heißt das denn, wenn wir bestimmte Emotionen, seien sie nun negativ oder positiv, nicht wahrnehmen können? Dass wir die Gefühle der Mitmenschen so reflexartig imitieren, hat doch eine Funktion - nämlich die, den anderen zu verstehen. Bedeutet das Lahmlegen von mimischer Muskulatur nicht, dass eine Art „emotionaler Sprachbarriere” zwischen Menschen aufgebaut wird?

Genau das haben Neurowissenschaftler der Universität San Diego demonstriert: Menschen, deren mimische Muskulatur blockiert ist, können die entsprechenden Emotionen tatsächlich schwerer erkennen.

Ein soeben publiziertes Experiment von David Havas und seinen Kollegen von der University of Wisconsin-Madison weist in dieselbe Richtung: Wer nach einer Botox-Injektion die Stirn nicht mehr runzeln kann, versteht Sätze, die mit den Emotionen Ärger und Trauer geladen sind, schlechter. Die Fähigkeit, glückliche Botschaften zu verstehen, ist dagegen nicht beeinträchtigt.

Es scheint also tatsächlich so, dass Botox, indem es die Kommunikation zwischen Gesicht und Gehirn unterdrückt, auch dem Verständnis der entsprechenden Gefühle im Wege steht. In einem gewissen Sinn macht es uns „gefühlsblind” - und zwar blind nicht nur für die eigenen Gefühle sondern auch für die unserer Mitmenschen.

Alles schön und gut, sagt die Botox-Fraktion, aber wer kann denn etwas dagegen haben, wenn er keinen Zorn mehr empfindet? Oder Angst? Wer reißt sich schon um negative Gefühle? - Niemand natürlich. Trotzdem, der Einwand bleibt: Wenn Gefühle wirklich die Leitschienen sind, an denen wir unser Handeln unseren Mitmenschen gegenüber ausrichten, dann haben auch negative Emotionen eine Funktion. Warum sollten sie weniger „wichtig” sein als positive Gefühle? Vielleicht ist es ja gerade andersherum? Ist der Anflug von Ärger, den ich im Gesicht meines Gegenübers erkenne, nicht ein unverzichtbares Frühwarnsignal? Wird unser Zusammenleben etwa besser, wenn wir ohne Vorwarnung eins in die Fresse bekommen? Und Angst? Ist sie nicht genauso ein Warnsignal, das uns leitet und motiviert, Schutz zu suchen? Und Trauer? Ist das Leben wirklich besser, wenn uns nichts mehr traurig machen kann? Wollen wir in einer Welt leben, in der wir die Trauer unserer Mitmenschen nicht mehr verstehen können -  so wie auch unser Gegenüber unsere Trauer nicht verstehen kann? Was heißt es für unser soziales Leben, wenn wir das Mitgefühl quasi pharmakologisch ausschalten?

Kann es uns wirklich zufriedener machen, wenn wir negativen Emotionen aus dem Weg gehen? Macht es uns glücklicher, wenn wir jeden Tag Schokolade essen, morgens, mittags, abends?

Eine Antwort gibt Ed Diener, der Großmeister der Glücksforschung, in einem Interview, auf das ich dieser Tage durch Zufall gestoßen bin*: „Alles Negative loswerden zu wollen, halte ich für eine ziemlich verrückte Idee. Es wäre doch seltsam, auf der Beerdigung der eigenen Mutter keine Trauer zu spüren. Emotionen wie Angst, Trauer, Sorge oder Wut machen uns darauf aufmerksam, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie bringen uns auf neue Ideen und lassen uns die richtigen Schritte unternehmen. Wenn wir Emotionen am Arbeitsplatz erforschen, stellen wir zum Beispiel fest, dass die kreativsten Leute ziemlich viele gute, aber gleichzeitig auch ein paar schlechte Gefühle haben. Wer immer nur positiv ist, versteht sich zwar gut mit allen anderen, ist vermutlich ein guter Verkäufer. Aber er wird nie irgendetwas anzweifeln oder einen wirklich neuen Gedanken haben.”

Ed Dieners Worten habe ich eigentlich nichts hinzuzufügen. Nur noch ein kleines persönliches Fazit zu der ganzen Botox-Geschichte: Jeder soll sich sein Botox holen, wenn er meint, er braucht das - und wer damit Geld verdient, darf das gerne auch tun. Nur sollte er bis auf weiteres keine Heilsmission für die Menschheit daraus machen.

Literatur

Alam, M., Barrett, K.C., Hodapp, R.M., & Arndt, K.A. (2008). Botulinum toxin and the facial feedback hypothesis: Can looking better make you feel happier? Journal of the American Academy of Dermatology, 58, 1061-72.

* Diener, Ed, in: “Psychologie heute” 5/2010, S. 30ff

Havas DA, Glenberg AM, Gutowski KA, Lucarelli MJ, Davidson RJ. Cosmetic Use of Botulinum Toxin-A Affects Processing of Emotional Language. Psychol Sci. 2010

Heckmann M, Teichmann B, Schröder U, Sprengelmeyer R, Ceballos-Baumann AO. Pharmacologic denervation of frown muscles enhances baseline expression of happiness and decreases baseline expression of anger, sadness, and fear. J Am Acad Dermatol. 2003;49(2):213-6.

Hennenlotter A, Dresel C, Castrop F, u. a. The Link between Facial Feedback and Neural Activity within Central Circuitries of Emotion–New Insights from Botulinum Toxin-Induced Denervation of Frown Muscles

Oberman, L., Winkielman, P., & Ramachandran, V. S. (2007). Face to face: Blocking facial mimicry can selectively impair recognition of emotional expressions. Social Neuroscience, 2, 167-178