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Renz über Schönheit - Neues, Wissenswertes und Denkwürdiges aus der Attraktivitätsforschung


13. November 2009

Schönheit als Glücksspur?

Jetzt wird es aber mal wieder Zeit! Die letzten Monate sind unter dem Zeichen Afrikas gestanden. Und der Liebe (schreiberisch). Zu diesem Thema aber ein andermal mehr, hier soll es ja um die Schönheit gehen.

Vor kurzem ist mir - mehr oder weniger zufällig - wieder eine altbekannte Studie unter die Finger gekommen. Sie stammt von Lisa DeBruine, die sich im schottischen Aberdeen mit den Gesetzmäßigkeiten der Gesichtswahrnehmung beschäftigt. Die Studie besteht eigentlich aus fünf verschiedenen Experimenten, von denen uns hier jedoch nur eines beschäftigen soll. Es geht so: Lisa DeBruine lagerte am Computer 60 zufällig ausgesuchte Frauengesichter übereinander - auf diese Weise erhielt sie eine Art Prototyp, der den mathematischen Durchschnitt dieser Gesichter abbildet. Einen zweiten Prototyp baute sie dann aus den 15 attraktivsten Gesichtern aus dieser Gesichtssammlung zusammen. Hier das Ergebnis:

Links der „Normal”-Prototyp, rechts die übereinander gelagerten Schönheiten. Sie sehen, dass die Unterschiede recht diskret sind - wenn auch durchaus vorhanden. Um sie augenfälliger zu machen, stellte Lisa DeBruine nun Gesichter her, in denen die Unterschiede zwischen den beiden Prototypen stark übertrieben wurden - und zwar sowohl in die attraktive wie die unattraktive Richtung.

Wie Sie sehen, wird das schöne Gesicht durch die Übertreibung nur bis zu einem gewissen „Umschlagspunkt” (der in DeBruines Studie bei 250% Karikatureffekt lag) schöner, danach „kippt” die Schönheit erwartungsgemäß, weil sich das Gesicht allzu weit vom gewohnten Aussehen eines Menschengesichtes entfernt hat.

Lisa DeBruine ging es mit dem eleganten Experiment darum, die sogenannte Durchschnittshypothese von Judith Langlois zu widerlegen, die sich seit ihrer ersten Formulierung 1990 erstaunlich (und meiner Meinung nach unverdient) hartnäckig hält (Demnach wäre Schönheit synonym mit (mathematischer) „Durchschnittlichkeit”). (2)

Aber mir geht es hier um etwas ganz anderes. Schon als ich die DeBruine’schen Bilder zum ersten Mal vor Augen hatte, stellte ich etwas irritiert fest: Die schöne Frau sieht glücklicher aus als die Durchschnittsfrau. Auf den Original-Prototypen ist der Glückseffekt fast nicht auszumachen, aber auf den Übertreibungs-Bildern kommt er deutlich zum Vorschein: Wenn Sie sich mal nur auf die Augenpartie konzentrieren, erkennen Sie, dass in der Richtung des Attraktivitätsvektors die Augen größer und offener werden, die Augenbögen geschwungener, fast könnte man meinen, die berühmte „heitere Stirn” der Klassiker zu erkennen. Mit übertriebener Unattraktivität kommt dagegen ein Anflug von Grimmigkeit ins Spiel. Noch deutlicher sehen Sie die Unterschiede beim Mund: Im Normalzustand sehen die Münder gleich aus, in der Übertreibung auf der attraktiven Seite eher freundlich, auf der anderen Seite dagegen - nun ja, mürrisch.

Hä? - Die Schönen sehen glücklicher aus? Was soll DAS denn?

Gut. Könnte ja sein, dass die Schönen tatsächlich glücklicher sind. - Ist aber nicht so, sagt uns die Glücksforschung (zumindest nicht bei Frauen - dazu aber vielleicht ein anderes Mal mehr in diesem Theater).

Also handelt es sich bei der DeBruine‘schen Glücksspur um einen blöden Zufall? Ein Artefakt? Leider lässt uns die Autorin mit dieser Frage im Regen stehen (was mich ehrlich gesagt ein bisschen geärgert hat). Aber gut, Lisa DeBruine hat mit ihrem Experiment ja auch ganz andere Absichten verfolgt, sei’s drum.

Nun, gibt es vielleicht DOCH eine Erklärung für den Glücks-Effekt?

Vielleicht. Wer sie finden will, muss allerdings in einer ganz anderen Wissenschaftsdisziplin suchen - bei den Neurowissenschaften, noch genauer, bei Alexander Todorov, einem Wahrnehmungspsychologen von der Universität Princeton. In seinem Social Neuroscience Lab geht er der Frage nach, wie der „erste Eindruck” entsteht, den uns ein Gesicht vermittelt. Insbesondere: Woran liegt es - das ist Todorovs Hauptanliegen - dass wir das eine Gesicht als vertrauenswürdig einstufen, das andere aber nicht?

Nach Todorovs Ergebnissen spielt hier die Wahrnehmung von Emotionen eine ganz wesentliche Rolle. Wenn wir die guten oder bösen Absichten unseres Gegenübers erkennen wollen, müssen wir die Gefühle lesen können, die es auf seinem Gesicht trägt - und zwar idealerweise blitzschnell, bevor wir den Prügel auf dem Kopf haben.

Todorovs Team arbeitet mit (sowohl echten als auch computergenerierten) Gesichtern, die als 3D-Gitternetz mathematisch kodiert sind (s. Abbildung). Es kann damit den Zusammenhang zwischen der Gestalt eines Gesichtes und dem Persönlichkeitseindruck, den es bei Probanden auslöst in exakte Zahlen fassen. Und damit die Frage beantworten, welche Hinweisgeber im Gesicht es eigentlich sind, die uns das Gefühl geben: “diesem Menschen kannst du vertrauen”. Hat es mit der Augengröße zu tun? Der Lage der Brauen? Der Position der Mundwinkel?

Nach tausenden von Bewertungs-Durchläufen weiß Todorov: Die als vertrauenswürdig wahrgenommenen Gesichter haben offenbar eine diskrete und bewusst nicht wahrnehmbare Ähnlichkeit mit Gesichtern, die den Ausdruck von Freude tragen.(3) Und das, obwohl die untersuchten Gesichter in ihrer Mimik vollkommen neutral waren, also keinerlei Gefühlsregung zeigten! Umgekehrt - wenig vertrauenswürdig wirken (gefühlsneutrale) Gesichter dann, wenn sie mit Spuren der Emotion „Ärger” kontaminiert sind. Lesen wir in einem Gesicht die Gefühlsregung „Freude”, so interpretieren wir das als Annäherungs-Signal: „Hier kommt ein Freund!” - Lesen wir dagegen „ärgerlich”, rutscht der entsprechende Mensch in die Kategorie „potentieller Feind”.

Beim Lesen von Gesichtern unterläuft uns also offenbar eine systematische Verwechslung: Obwohl sie “eigentlich” gar keine Gefühlsbotschaft transportieren, lesen wir doch ein Gefühl in sie hinein - einfach deshalb, weil ihr Aussehen uns an diese Emotionen erinnert. Anders ausgedrückt: Wenn die genetische Lotterie einem Gesicht rein zufällig Merkmale beschert hat, die einem bestimmten Gefühlsausdruck ähneln - beispielsweise höhere oder tiefere Mundwinkel -, so können wir gar nicht anders, als in diesem Gesicht das entsprechende Gefühl wahrzunehmen.

Ein klarer Fall von Verwechslung, denn dieses Gefühl ist ja gar nicht vorhanden. Wahrnehmungspsychologen wie Todorov sprechen bei solchen „Verwechslungen” von overgeneralization, also Über-Verallgemeinerung: Wir verallgemeinern die Botschaft eines Reizes (in unserem Fall die Botschaft „ich freue mich”) automatisch auf einen anderen Reiz, sobald dieser dem ursprünglichen Reiz ähnelt. (Ein anderes Beispiel für einen solchen Verallgemeinerungsreflex ist, wenn wir in einem vorbeihuschenden Passanten einen Bekannten zu erkennen meinen - identity overgeneralization (4) in der Wissenschaftssprache).

Was hat das nun aber mit Schönheit zu tun? - Eine ganze Menge, wie Alexander Todorov herausgefunden hat. Im vieldimensionalen „Gesichts-Raum” seiner Probanden haben nämlich der Attraktivitäts- und der Vertrauenswürdigkeitsvektor eine erstaunlich übereinstimmende Ausrichtung. Will heißen: „Vertrauenswürdigkeit” und „Attraktivität” überschneiden sich in unserer Wahrnehmung in höchstem Maß. (5) Und Vertrauenswürdigkeit wiederum ist, wie wir nun wissen, an die “Gefühlsspuren” gekoppelt, die wir in manchen Gesichter zu erkennen meinen. - Man könnte es vereinfacht auch so ausdrücken: Wer glücklich aussieht lässt bei uns die Vertrauenssaite klingen, und wer als vertrauenswürdig wahrgenommen wird, wird auch als anziehend empfunden.

Auf die zugrundeliegenden mentalen Prozesse werde ich an anderer Stelle noch eingehen. Hier ist nur folgendes wichtig: Sie vollziehen sich vollkommen unbewusst und reflexartig, und zwar blitzschnell (nämlich innerhalb der ersten 100 Millisekunden einer Begegnung (6)).

Zum Schluss noch eine kleine Bemerkung: Die von Todorov untersuchte “Gefühlsspur” ist wohlgemerkt nur eines von vielen Puzzlestücken, aus denen das große Rätsel der menschlichen Schönheit besteht - nach meiner Einschätzung allerdings ein besonders wichtiges. Welche anderen Faktoren bei der Entstehung des Signals „Attraktivität” mitwirken, wird uns noch beschäftigen.

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Für die Profis unter uns:

(1) DeBruine LM, Jones BC, Unger L, Little AC, & Feinberg DR (2007). Dissociating averageness and attractiveness: Attractive faces are not always average. Journal of Experimental Psychology: Human Perception & Performance, 33, 1420-1430

(2) Langlois, JH & Roggman, LA (1990). Attractive faces are only average. Psychological Science, 1, 115-121.

(3) Oosterhof, NN & TodorovA (2008). The functional basis of face evaluation, Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA, 105, 11087-11092

Todorov, A, Said, CP, Engell, AD & Oosterhof, NN (2008). Understanding evaluation of faces on social dimensions, Trends in Cognitive Sciences, 12, 455-460

(4) Zebrowitz, LA, & Montepare, JM (2008). Social psychological face perception: Why appearance matters. Social and Personality Compass, 2, 1497-1517

(5) Ein weiterer Hinweis auf mögliche verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Schönheits- und Vertrauenssignalen ergibt sich aus der in beiden Fällen nichtlinearen - U-förmigen Aktivierung der Amygdala (Said, C. P., Baron, S., & Todorov, A. (2009). Nonlinear amygdala response to face trustworthiness: Contributions of high and low spatial frequency information, Journal of Cognitive Neuroscience, 21, 519-528.- Siehe auch: Winston, JS et al. (2007): Brain systems for assessing facial attractiveness. Neuropsychologia 45: 195-206)

(6) Willis, J & Todorov, A (2006): First Impressions: Making Up Your Mind After a 100-Ms Exposure to a Face Psychological Science, 17/7, 592-598