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Renz über Schönheit - Neues, Wissenswertes und Denkwürdiges aus der Attraktivitätsforschung


30. März 2009

Von Affen, Läusen und nackter Haut

Affen (Photo: Eric C Matthews) und Menschen beim Lausen (Jan Siberechts, Cour de ferme, 1662. Musée des Beaux-Arts, Brussels, Belgium. Aus Weiss 2009 (siehe Literatur)

Könnte schon sein, dass Sie auch gleich das Gefühl bekommen, mich laust der Affe.

Wir sind immer noch bei der Frage, warum der Mensch als einziger Affe nackt ist. In meinem letzten Post bin ich die Antwort schuldig geblieben - Spannung muss sein. Aber immerhin wissen Sie jetzt, WIE LANGE der Mensch sein Fell schon los ist: 1,2 Millionen Jahre. Mindestens.

Um dieses „Mindestens” geht es heute, und damit um ein Tierchen, das unter Menschen keinen besonders guten Ruf hat: die Laus. Wie Sie vielleicht wissen, hat es der Mensch mit drei Arten davon zu tun (und ist auch darin eine biologische Extrawurst, die meisten Säugetiere beherbergen nämlich nur eine Laus):

  • die Kopflaus, die nur und ausschließlich im Haupthaar wohnt, und die jeder kennt, der Kinder hat
  • die Filzlaus, die nicht jeder kennt und die (so gut wie) ausschließlich die Schamhaare besiedelt
  • und die Kleiderlaus - in guten Zeiten meist auch eher unbekannt - die in körperwarmer Kleidung vorkommen kann.

Ein Evolutionsgenetiker aus dem sonnigen Florida namens David Reed hat sich nun die Familiengeschichte dieser Tiere vorgenommen (1) und dabei einen kleinen Schock bekommen. Wie alle Biologen war auch er davon ausgegangen, dass die drei Läusearten von derselben Urmenschen-Laus abstammen. Für die Kopf- und Kleiderlaus stimmt das zwar durchaus - aber die Filzlaus? - stammt von ganz wo anders her. Nämlich von der Gorilla-Laus! WIE um alles in der Welt sie vom Gorilla bei uns gelandet ist, weiß kein Mensch und wird auch keiner je wissen (muss aber, wie David Reed betont, nicht unbedingt mit einem „King-Kong-Szenario” zu tun haben). Aber WANN sie den großen Sprung vom Gorilla zum Menschen schaffte - das konnte der Läuseforscher anhand von Mutationen ziemlich genau datieren: vor 3,3 Millionen Jahren.

Die Idee, dass dieses Datum möglicherweise etwas mit dem Beginn der menschlichen Nacktheit zu tun haben könnte, stammt nun gar nicht von David Reed selber, sondern von einem (ebenfalls aus Florida stammenden) Kollegen namens Robin Weiss. Der Gedanke ist ihm, wie er selber sagt, unter der Dusche gekommen, nachdem der von Reeds Läuse-Forschungen gelesen hatte. Er geht so: Der überraschende Wirtswechsel (wie Biologen sagen) konnte nur unter der Voraussetzung stattfinden, dass der Mensch bereits über ein „Biotop” verfügte, das dem angestammten Lebensraum der Gorilla-Laus ähnelte. Und der zeichnete sich vor allem durch schön dickes, kräftiges Haar aus. Dieses Biotop muss das menschliche Schamhaar gewesen sein, das in der Tat deutlich dicker als das restliche Menschenhaar ist. (Was für uns Menschen vielleicht einen kleinen Unterschied macht, macht für Läuse den Unterschied zwischen einem guten Leben und „Runterpurzeln”). Der Mensch, so Robin Weiss, muss also schon zum Zeitpunkt des großen Sprungs seine Schamhaare bereits gehabt haben. Und das wiederum heißt mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit: Er muss schon nackt gewesen sein.

Die letzte Schlussfolgerung stützt Weiss auf die Beobachtung, dass das dichte Schamhaar des Menschen unter Affen genauso einzigartig ist wie die Nacktheit der übrigen Haut. Bei allen Affenarten mit Ausnahme von Homo sapiens ist die Schamgegend tendenziell eher weniger behaart als der Rest des Körpers. Aus welchem Grund ist beim Menschen nun aber der Haarbusch zwischen den Beinen entstanden? - Robin Weiss geht, wie viele andere Biologen auch, davon aus, dass das Schamhaar die sexuelle Reife seines Besitzers bzw. seiner Besitzerin signalisieren soll. Wenn dem so ist, muss das menschliche Schamhaar also erst aufgekommen sein, NACHDEM der Mensch seine Körperbehaarung verloren hatte. Eine alternative Erklärung für das menschliche Schamhaar hat mit den Duftdrüsen zu tun, die sich in diesem Bereich entwickelt haben: Demnach ist es (ähnlich wie das Haar der Achselhöhlen) zu dem Zweck entstanden, die dort produzierten Sekrete effektiver zu „zerstäuben”.

Möglicherweise haben beide Theorien Recht, ausschließen tun sie sich jedenfalls nicht. Was für die Theorie vom Schamhaar als OPTISCHEM Signal spricht, ist die Tatsache, dass sich die Geschlechter in der Form der Intimbehaarung unterscheiden - vor allem aber die Auffälligkeit dieses neuen Haarapparates.

Menschliche Haarlosigkeit also schon vor 3 Millionen Jahren? Damals war der „Mensch” gerade mal auf halbem Weg zum Homo sapiens: lebte noch überwiegend in den Bäumen, hatte ein Schmalhirn von höchstens 500 ml (und damit einem knappen Drittel von unsereinem) und war kaum mehr als einen Meter groß. Aber immerhin: Er ging schon auf zwei Beinen, wie wir von Lucy, der berühmtesten Vertreterin dieser Menschensorte wissen.

Wenn Robin Weiss mit seiner Läuse-Story recht hat, war Lucy also schon nackt, allerdings nicht zwischen den Beinen. Ich hätte mir auch nicht träumen lassen, was man von Läusen alles lernen kann.

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Für die Nerds unter uns:

(1)   Reed et al 2007. Einen schönen Überblick über die aktuellen evolutionsgenetischen Forschungen an der Laus gibt Robin Weiss (2009) (darin findet sich auch der Originalartikel von Reed et al 2007)

Literatur

Reed DL, Smith VS, Hammond SL, Rogers AR, Clayton DH: Genetic analysis of lice supports direct contact between modern and archaic humans. PLoS Biol 2004, 2:e340

Reed DL, Light JE, Allen JM, Kirchman JJ: Pair of lice lost or parasites regained: the evolutionary history of anthropoid primate lice. BMC Biol 2007, 5:7

Weiss, RA 2009: Apes, lice and prehistory. Journal of Biology 8:20

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Wie doof muss man eigentlich sein?

In einem meiner letzten Posts zur „Problemzone Vagina” ging es um ein aufstrebendes medizinisches Fachgebiet, der ästhetischen Intimchirurgie: Kaum ist der optische Blickschutz über der Scham abrasiert oder weggewachst, kommen die Schamlippen ins Visier. - „Wie doof muss man eigentlich sein?” war mein spontaner Kommentar.

Jetzt, wo ich ein bisschen nachgedacht habe, bin ich etwas milder gestimmt. Ein Blick durch die Geschichte und um den Globus zeigt, dass der neue Aufreger Intimchirurgie SO aufregend auch nicht ist. Klar ist „Schönheitswahn” die richtige Diagnose, aber was ist damit gesagt? - Zu ALLEN Zeiten und ÜBERALL waren die Menschen BESESSEN von ihrem Aussehen. Wer weiß, in welchen Primitiv-Zonen es in unserem Hirn funkt, wenn es um Schönheit geht, kann sich von der Vorstellung getrost verabschieden, dass der Verstand hier allzu viel Gewicht hat. (Das Muster passt sicher mehr zu einem Heroinsüchtigen vor dem nächsten Schuss als zu einem Philosophen, der über seinem Aufsatz brütet).

Bis ins letzte Jahrhundert hinein zwängte sich die Hälfte der „zivilisierten” Menschheit in einen Apparat aus Walfischgräten oder Stahlschienen, der kaum noch Platz zum Atmen ließ. Im 18. Jahrhundert hätte sich kein respektables Mitglied der Oberschicht ohne eine monströse, mit einer dicken Mehlschicht bedeckten Perücke und einen gipsartigen Anstrich im Gesicht aus dem Haus getraut. Oder die Manie der „Lotusfüßchen” im vorrevolutionären China, wo erst ein Barbar namens Mao kommen musste, um seinem Volk einzuprügeln, dass Frauen auch ohne Gehbehinderung schön sein können.

Erst recht der Schönheitsextremismus der „primitiven” Kulturen, der für mich immer noch am besten durch dieses Bild getroffen wird (aus: Julian Robinson, The Quest for Human Beauty. An Illustrated History, New York 1998):

Für die Angehörigen dieses nordamerikanischen Indianerstammes was es ausgemacht, dass man einen spitzen Schädel haben MUSS, um wie ein „Mensch” auszusehen und nicht wie die ganzen Wilden draußen im Wald. Die Säuglinge wurden deshalb in eine Konstruktion von Holzplatten eingespannt um den Schädel entsprechend zu verschönern.

Gerade bei „Natur”völkern besitzt Natürlichkeit keinen hohen Stellenwert. Der unveränderte Körper gilt als unzivilisiert, erst die bewussten Veränderungen machen ihn wahrhaft menschlich (bezeichnenderweise nennen viele Volksstämme sich selber schlicht „Menschen”). Und um auszusehen wie ein Mensch, wird so gut wie alles gemacht: Tellerlippen, Tatoos, Giraffenhälse, Ziernarben, durchbohrte oder sonstwie deformierte Körperteile.

Und a propos Designer-Vagina: Ich weiß zwar nicht mehr genau, wo ich darüber gelesen habe (ich glaube, es war in dem Buch, aus dem auch das Bild der spitzköpfigen Indianer stammt), da wird ein Volk beschrieben, dessen Frauen von klein auf Gewichte an ihre Schamlippen hängen, damit diese möglichst weit hinunter hängen.

Fazit: „Schönheitswahn” ist alles andere als ein Monopol unserer Zeit. Was sich vielleicht geändert hat: Schönheitsverbesserung ist nicht mehr nur einer kleinen Elite vorbehalten, sondern hat buchstäblich alle Schichten erfasst. Der Schönheitswahn ist quasi demokratisiert worden. Man muss kein Vermögen verdienen, um sich eine „Designervagina” leisten zu können.

Gut. Ich nehme also das „Wie doof muss man eigentlich sein?” zurück, und spreche den entsprechenden Frauen dafür „nur” mein Mitleid aus. - Und zeige den Kollegen, die da rumschnippeln, hiermit den Vogel.

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27. März 2009

Warum schöne Frauen größer sind

Gut, das klingt jetzt wirklich nach Pop-Evolutionspsychologie der schlimmsten Sorte. Und noch schlimmer ist, dass hinter meinen heutigen Zeilen tatsächlich ein Mann steht, der bei der Verpoppung und Simplifizierung der evolutionären Wissenschaft ganz vorne mitspielt: Satoshi Kanazawa von der London School of Economics. In seinem Blog „The Scientific Fundamentalist” beschäftigt er sich mit der Frage, warum große Menschen im statistischen Durchschnitt intelligenter sind als kleinere. Ich will mich darüber hier nicht weiter verbreitern, sondern nur eine Argumentation aufnehmen, die in dem Artikel auftaucht: Da sich schöne Frauen tendenziell eher mit großen Männern zusammentun, sagt Satoshi Kanazawa, müssten die aus dieser Verbindung hervorgehenden Kinder sowohl schön als auch groß sein - zumindest tendenziell.

Was ist dran?

Die Idee dahinter ist schon mal richtig: Auch die Liebe ist nur ein Markt. Und Schönheit (zumindest weibliche) gehört auf diesem Markt eindeutig zu den „begehrten Gütern”. Eine Frau, die über dieses Gut verfügt, wird mehr Auswahl haben als eine, die nicht darüber verfügt. Und wird deshalb eher einen Partner wählen, der ebenfalls mit begehrten Gütern gesegnet ist. - Was an einem Mann begehrenswert ist, mag von Frau zu Frau unterschiedlich sein, aber dass auf den allermeisten Wunschlisten ein eher groß gewachsener Körper steht, dürfte keine Offenbarung sein. (Wenn Sie mir jetzt mit Richard Gere kommen … danke ich Ihnen für die Gelegenheit zur Klarstellung: Bei statistischen Zusammenhängen handelt es sich um den Vergleich von GRUPPEN und damit um Durchschnittswerte. - Dass Ausreißer wie Richard Gere in unserem Fall extrem selten sind, ist in hunderten von wissenschaftlichen Untersuchungen gezeigt worden. Bei Partnerbörsen im Internet beispielsweise klicken fast ALLE Frauen in ihrem Wunschprofil die Kästchen „über 1,80″ und darüber an.

Es ist also absolut plausibel, ja, geradezu zwangsläufig, dass schöne Frauen und große Männer überdurchschnittlich häufig zueinander finden. - Heißt das auch, dass Schönheit und Größe in der Kindergeneration vereinigt sind? - Ja, unter der Voraussetzung, dass beide Faktoren erblich sind (wie das Satoshi Kanazawa schlanker Hand behauptet). - Sind sie das wirklich? - Was die Körpergröße angeht, lautet die Antwort: JA, ohne Einschränkung. - Und für Schönheit? - Lautet sie: Ja, ABER … Das JA bezieht sich auf die WEIBLICHE Schönheit: In aller Regel erben Töchter die Schönheit (oder auch die Hässlichkeit) ihrer Eltern, und zwar von Papa und Mama gleichermaßen (1). Das ABER betrifft die Jungs: Die einzige existierende Untersuchung, die sich der Frage annimmt, ob sich elterliche Schönheit auch auf Söhne überträgt, kommt zu einem genauso überraschenden wie klaren NEIN (2). Ich werde dazu noch ausführlich Stellung nehmen.

Also, hat Satoshi Kanazawa recht? - Wir können die Frage jetzt beantworten: Ja, was die schönen, großen Frauen angeht, und nein - zumindest nach der aktuellen Datenlage - , wenn es um die schönen großen Männer geht.

In der Wissenschaft kann man nicht vorsichtig genug sein. Deshalb ändere ich hiermit auch die Überschrift dieses Posts, und zwar folgendermaßen: „Warum schöne Frauen größer sein MÜSSTEN” - denn BEWIESEN ist der Zusammenhang bisher noch nicht, mir ist jedenfalls keine entsprechende Studie bekannt. Satoshi Kanazawa hat jedoch eine angekündigt - ich werde Sie auf dem Laufenden halten.

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Das Kleingedruckte für die Profis:

(1) MCGovern et al 1996 untersuchten weibliche Zwillinge und kommen bei deren Attraktivität auf einen Erblichkeitskoeffizient von r = 0,64. Rowe et al 1987 untersuchten eineiige Zwillingspärchen beider Geschlechter und kommen zu dem Ergebnis, dass sich die beiden Zwillinge in ihrer Attraktivität - wen wundert es? - kaum voneinander unterscheiden (r = 0,94). Da in der Studie aber nur eineiige, zusammen aufgewachsene Zwillinge untersucht wurden, kann eine Aussage über Erblichkeit nicht abgeleitet werden.

(2) Cornwell R. Elisabeth, Perrett David I. Sexy sons and sexy daughters: the influence of parents’ facial characteristics on offspring. Animal behaviour pp:1843-1853

Literatur

Cornwell R. Elisabeth, Perrett David I. Sexy sons and sexy daughters: the influence of parents’ facial characteristics on offspring. Animal behaviour pp:1843-1853

McGovern, RJ, Neale, MC & Kendler, KS (1996). The independence of physical attractiveness and symptoms of depression in a female twin population. Journal of Psychology, 130, 209-219

Rowe, DC, Clapp, M & Wallis, J (1989). Physical attractiveness and the personality resemblance of identical twins. Behavior Genetics, 17, 191-201

Warum sind wir eigentlich nackt?

Ich hätte eigentlich auch nicht gedacht, dass mir die Frage einmal schlaflose Nächte bereiten würde. Aber dann kam da diese Anfrage, etwas zum Thema „Der nackte Affe” zu sagen, kleiner Vortrag, 6 Minuten … - „Kein Problem, mach ich” - Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, auf was ich mich da einlasse.

Eine der ganz harten Nüsse. Von den 5500 Säugetierarten sind gerade mal eine Handvoll nackt, und von denen hat jeder seine guten Gründe, wie der Walfisch zum Beispiel, der im Wasser ohne Fell nun mal besser fährt. 193 Primaten tragen alle brav ihr Fell - nur einer muss aus der Reihe tanzen und läuft nackt herum. (Zumindest einigermaßen nackt - ganz verschwunden ist das Fell bei Homo sapiens nicht. Wir verfügen immer noch über die 5 Millionen Haarfollikel, die auch die anderen Affen haben, nur sind die Härchen jetzt so fein und pigmentfrei, dass sie unsichtbar geworden sind (von männlichen Südeuropäern einmal abgesehen). Dafür wächst uns auf dem Kopf jetzt dieser seltsame und ziemlich unpraktische Haarbusch, und will gar nicht mehr aufhören zu wachsen - was aus Sicht unserer Affen-Verwandten mindestens genauso kurios ist wie unsere nackte Haut.

Aber jetzt erst einmal zu der Frage, WIE LANGE das wohl schon geht, dass wir so nackt sind.

Eine Antwort kommt von einem Evolutionsgenetiker namens Alan Rogers von der University of Utah. Er interessiert sich für den Stammbaum eines Gens namens MC1R (Melanocortin Rezeptor), das eine zentrale Rolle bei der Pigmentbildung in der menschlichen Haut spielt. Dem haben wir es letztlich zu verdanken, dass wir vor dem schädlichen Einfluss der Ultraviolett-Strahlung geschützt sind. Alan Rogers spürte sog. stille Mutationen auf, die sich im Lauf der Zeit am MC1R-Genort angesammelt haben und die ihm nun bei seiner Suche nach dem Ursprung des Hautschutz-Gens als „molekulare Uhr” dienten. Wie lange gibt es das Gen schon? - Mindestens 1,2 Millionen Jahre, sagt Alan Rogers. Und zu diesem Zeitpunkt, so seine Schlussfolgerung, muss der Menschen-Vorfahre schon dabei gewesen sein, sein Fell zu verlieren - andernfalls hätte er nämlich schlicht keinen Bedarf an dem neumodischen Gen gehabt. Vorher dürfte Menschenhaut genauso hell und fellbedeckt gewesen sein wie es die anderer Affen auch heute noch ist.

Die Ergebnisse aus Utah legen zwei ziemlich überraschende Schlussfolgerung nahe: Erstens. Der Mensch war schon längst nackt, als er zum Menschen (also zum heutigen Homo sapiens) wurde - das ist nämlich erst lächerliche 200 000 Jahre her. Vor 1,2 Millionen Jahren waren wir gerade vom Wald in die Savanne übergesiedelt, nannten uns Homo erectus und hatten ein Hirnvolumen von 1000 cm3 (und damit 600 cm3 weniger als ein heutiges Menschenexemplar).

Die zweite Schlussfolgerung aus Rogers Hypothese: Auch der Neandertaler muss nackt gewesen sein. Denn der hat sich erst vor 250 000 Jahren von unserer Linie abgetrennt (wenn er das überhaupt jemals gemacht hat). Neuere Untersuchungen am Neandertaler-Genom am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig bestätigen nicht nur den Verdacht, dass der Neandertaler ohne eigenes Fell durch die eiszeitlichen Wälder zog, sondern legen auch nahe, dass bei seiner Haar- und Hautfarbe eine ziemliche Vielfalt geherrscht haben könnte (1)

Vielleicht erinnern Sie sich, dass Alan Rogers bei der Datierung der menschlichen Haarlosigkeit von MINDESTENS 1,2 Millionen Jahren gesprochen hat. Seiner Meinung nach ist es durchaus denkbar, dass das MH1C Gen einen (weniger effizienten) Vorfahren hatte, der dem damaligen Menschen schon ein gewisses Maß an Haarlosigkeit ermöglicht haben könnte, bevor es dann von der heutigen, besseren Version verdrängt wurde.

Tatsächlich gibt es Hinweise, dass wir Menschen wirklich schon deutlich länger nackt herumlaufen. Aber diese Geschichte erzähle ich beim nächsten Mal. Hier sei nur schon verraten, dass sie mit einem Tierchen zu tun hat, das landläufigerweise nicht so sehr geschätzt wird: der Laus.

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Das Kleingedruckte für die Profis:

(1)   Lueza-Fox et al 2007. -Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie Leipzig: http://www.mpg.de/bilderBerichteDokumente/dokumentation/pressemitteilungen/2007/pressemitteilung20071024/

Literatur

Lalueza-Fox et al. (2007) A melanocortin 1 receptor allele suggests varying pigmentation among Neanderthals. Science 318: 1453-1455

Rogers AR, Iltis D, & Wooding S, 2004. Genetic variation at the MC1R locus and the time since loss of human body hair. Current Anthropology, 45(1): 105-108

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23. März 2009

Schönheit im Klassenzimmer

Ich warte ja schon lange darauf, dass das Thema „Schönheit im Klassenzimmer” unter Lehrern und Pädagogen mal in die Diskussion kommt. Bisher leider vergeblich.

Die Bevorzugung schöner Kinder in Kindergarten und Schule ist eigentlich ganz gut beforscht (1), zumindest was die Menge der Untersuchungen angeht. Trotzdem ergibt sich ein erstaunlich unscharfes Bild: Die Größe des Schönheitseffekts schwankt von Studie zu Studie beträchtlich: Einer französischen Untersuchung zufolge sind die Unterschiede zwischen den Noten der einzelnen Schüler zu 20-40 Prozent durch das Äußere bedingt (2), andere Forscher fanden so gut wie keinen Zusammenhang (3). Einig sind sich die meisten Studien nur darin, dass bei Mädchen das Äußere in die Gesamtrechnung der Lehrer (und Lehrerinnen) tendenziell stärker eingeht als bei Jungs.

Die mangelnde Eindeutigkeit der Ergebnisse dürfte sich zum Teil dadurch erklären, dass die verschiedenen Untersuchungen mit ganz unterschiedlicher Methodik arbeiten: Mal wird das tatsächliche Verhalten von Lehrern beobachtet, einmal Fragebögen ausgewertet, ein anderes Mal werden Experimente im Labor durchgeführt. Und in vielen Untersuchungen geht es gar nicht um echte Lehrer, sondern um Psychologiestudenten, die Lehrer spielen. - Etwa in der klassischen Studie von David Landy und Harold Sigall aus dem Jahr 1974, bei der Studenten dieselben zwei Aufsätze benoten durften - einen guten und einen schlechten (beide waren angeblich von echten Schülerinnen geschrieben). Wie sich zeigte, hing die Note, die die „Lehrer” vergaben, stark vom Foto auf dem Deckblatt ab: Hübsche Mädchen wurden um eine ganze Schulnote besser bewertet als weniger schöne. Die Schlussfolgerung der Autoren: „Auch Schönheit gehört zum Talent” (4).

Eine aktuelle Studie aus dem Journal of Educational Psychology nahm sich nun echte Lehrer vor, und zwar Grundschullehrer mit zehnjähriger Berufserfahrung. Wie wichtig, so die Fragestellung der Autoren, sind die Kriterien Rasse, Übergewicht, Attraktivität des Gesichtes und „Affekt-Ausdruck” für das Verhalten der Lehrer? (Mit „Affekt-Ausdruck” ist gemeint, ob ein Kind eher glücklich und zugänglich wirkt oder traurig und verschlossen). Jedem Lehrer wurde am Computer eine Art virtuelle Klasse aus 6- und 7-jährigen Mädchen präsentiert, die eine bunte Mischung der untersuchten Kriterien darstellten. Die Lehrer mussten nun in schneller Folge Entscheidungen treffen, die auch im echten Lehreralltag anstehen: Welches Kind nehme ich dran, wenn sich mehrere gemeldet haben? Welches schicke ich an die Tafel, um eine Aufgabe vorrechnen zu lassen? Welchem gebe ich den Auftrag, einen Zettel ins Lehrerzimmer zu bringen? Welches bekommt die Hauptrolle in einem Sketch, den die Klasse einstudiert?

Die Forscher waren davon ausgegangen, dass die Lehrer bei ihrer Auswahl vor allem nach den Kriterien “Körpergewicht” und “Rasse” entscheiden würden. - Und waren dann selber höchst überrascht, dass dem mit Nichten so war, sondern die Kriterien “Gesichts-Attraktivität” und “Affekt-Ausdruck” eine viel größere Rolle bei den Entscheidungen spielten. Um es in den Worten der Autoren zu sagen: „Fast alle Lehrer … wählten routinemäßig glücklich aussehende Kinder mit attraktiven Gesichtern aus.”

Ehrlich gesagt, hat es auch mich gewundert, dass die Kriterien „Übergewicht” und „Minderheitenstatus”  offenbar nur eine geringe Rolle gespielt haben, obwohl auch sie mit einem hartnäckigen Stereotyp besetzt sind. Weshalb ich die Studie hier aber kommentiere, ist die Sache mit dem „Affekt”: Offenbar werden nicht nur die schönen Kinder bevorzugt, sondern auch die mit der angenehmeren Ausstrahlung.

Nun hat die Frage, ob ein Kind eher ein strahlendes Lächeln auf den Lippen hat oder in seinen Gefühlsäußerungen zurückhaltend ist, mit der eigentlichen Leistung oder Leistungsbereitschaft genauso wenig zu tun wie das Aussehen. Zu einem guten Teil dürfte sich darin die PERSÖNLICHKEIT eines Kindes widerspiegeln, vor allem der Persönlichkeitsfaktor Extraversion (bzw. sein Gegenteil - Schüchternheit). Und damit reden wir letztlich genauso wie bei der Schönheit auch, über Zufälle bei der genetischen Lotterie. Persönlichkeitsmerkmale sind nun einmal zu einem guten Teil erblich (zu 50%, um genau zu sein - über die Erblichkeit von Schönheit bald einmal mehr auf diesen Seiten).

Unser Schulsystem scheint hier einen systematischen Konstruktionsfehler zu haben - bestimmte „angenehme” Konstellationen werden systematisch bevorzugt. - Was ist mit denen, die zufällig weder die eine noch die andere der gefragten Eigenschaften aufweisen können? Und das Diskriminierungsproblem dürfte noch verschärft werden, wenn mündliche Leistungen jetzt immer stärker gewichtet werden, bei denen schüchterne oder verschlossene Schüler klar benachteiligt sind. (Vom Aussehen ganz zu schweigen: Studien zeigen, dass weniger gut aussehende Kinder vor allem in den „weichen” Fächern, in denen die mündliche Leistung stärker bewertet wird, benachteiligt sind (5)).

Dass die Ursache des Konstruktionsfehlers letztlich im Kopf der Spezies Homo sapiens steckt (Lehrer sind auch nur Menschen), wird für die Betroffenen ein schwacher Trost sein. Und genauso wenig für Pädagogen, von denen die meisten ja überdurchschnittlich hohe Ideale von Gleichberechtigung und Chancengleichheit haben - und mit Sicherheit gerade das nicht wollen: ein Schulsystem, das Kinder mit bestimmten, unverdienten, Eigenschaften mehr fördert als andere, die über diese Eigenschaften nicht verfügen (oder, um es biologisch zu sagen: das einer bestimmten genetischen Ausstattung mehr Rückenwind gibt).

Umso erstaunlicher also, wie gesagt, dass das Thema eben NICHT auf der Tagesordnung ist, wenn es um pädagogische Probleme geht. Womit ich wieder am Anfang wäre. Ich warte also weiter. Und bleibe an dem Thema dran.

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Für die Profis: Fußnoten und Referenzen

(1) Review z.B. in Ritts et al 1992

(2) Maisonneuve & Bruchon-Schweitzer 1999, S. 52

(3) Eine Metaanalyse von Feingold (1992) etwa findet äußerst geringe Korrelationen zwischen schulischer Leistung und Attraktivität (r = 0,02 für Jungs und 0,07 für Mädchen)

(4) Landy und Sigall 1974

(5) Rost 1993

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Baugh, S, & Parry, L (1991). The relationship between physical attractiveness and grade point average among college women. Journal of Social Behavior & Personality, 6, 219-228

Feingold, A (1992). Good-looking people are not what we think. Psychological Bulletin, 111, 304-341

Landy, D & Sigall, H (1974). Beauty is talent: Task evaluation as a function of the performer’s physical attractiveness. Journal of Personality and Social Psychology, 29, 299-304

Maisonneuve, J & Bruchon-Schweitzer, M (1999). Le corps et la beauté, Paris: PUF

Ritts, V., Patterson, M. L., & Tubbs, M. E.  (1992).  Expectations, impressions, and judgments of physically attractive students.  Review of Educational Research, 4, 413‑426

Ross, MB & Salvia, J (1975). Attractiveness as a biasing factor in teacher judgments. American Journal of Mental Deficiency, 80, 96-98

Rost, D (1993). Attraktive Grundschulkinder. In: Hassebrauck, M & Niketta, R (Hrsg., 1993). Physische Attraktivität. Göttingen: Hogrefe, 271- 306

18. März 2009

Problemzone Vagina

Die Zugfahrt zur Leipziger Buchmesse hat mir ein bisschen Zeit beschert, den halben Festmeter an „Deutschen Ärzteblättern” durchzuforsten, der sich über Wochen und Monate angesammelt hat. Unerwarteter Weise war auch was für den Schönheitsforscher dabei: ein Artikel über „Kosmetische Intimchirurgie”. Der Text ist auch für Laien ganz gut lesbar, deshalb hier nur die wichtigsten Fakten und meine Gedanken dazu.

In Deutschland wurden 2005 ca. eintausend Schamlippenstraffungen durchgeführt, die Dunkelziffer dürfte jedoch höher sein. Nach einer britischen Erhebung hat sich die Zahl der schönheitschirurgischen Eingriffe am weiblichen Genitale innerhalb von fünf Jahren fast verdoppelt. - „Gefragt ist ein Genital”, schreiben die Autoren im Ärzteblatt, „das wie das eines jungen Mädchens aussieht und der Oberseite eines Brötchens gleicht, wobei die äußeren Schamlippen die inneren verdecken und die Schamlippen in engen Tangas und Bikinihöschen nicht auftragen sollen.”

Der Trend zur Designer-Vagina kommt im Gefolge einer anderen Mode, die sich seit ein paar Jahren fest etabliert hat: junge Frauen (und zunehmend auch Männer) rasieren sich zwischen den Beinen. Was früher verborgen war, ist nun dem kritischen Blick dargeboten - und nicht nur dem eigenen oder dem des Partners. Denn wie immer sind die Lifestyle-Medien an der Spitze der Bewegung. Und wie bei anderen Körperteilen üblich, wird auch hier eine virtuelle Realität erzeugt: Die Scham wird routinemäßig „verjugendlicht”, indem die inneren Schamlippen digital wegretouchiert werden. Die Folge lässt offenbar nicht auf sich warten: In einer aktuellen Umfrage in dreizehn Ländern hatten fast zwei Drittel der jungen Frauen an der Optik ihrer Vagina etwas auszusetzen.

Mit der Entblößung der Vagina hat eine Entwicklung ihren fast naturgesetzlichen Höhepunkt erreicht, die ihren Anfang bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts genommen hat: die schrittweise Entkleidung des menschlichen Körpers. Im Grunde lässt sich die gesamte Modegeschichte des 20. Jahrhunderts unter diesen „Megatrend zur Nacktheit” subsumieren. Noch um die Jahrhundertwende wurde in den tonangebenden Kreisen die weibliche Haut bis zu den Fingerspitzen verhüllt; nackte Arme waren nur bei den losen Damen auf der Theaterbühne zu inspizieren. Frei einsehbare - damals noch behaarte - Achselhöhlen galten als Gipfel der Frivolität. 1910 stellte der erste unter dem Rocksaum sichtbare Knöchel einen Skandal dar. Fünfzehn Jahre später sorgte das erste entblößte Knie für die gleiche Aufregung. 1964 ruft die erste Busenenthüllung am Strand von St. Tropez die Sittenpolizei auf den Plan. Mit der Hippie-Bewegung der 70er wird bald darauf auch der Rest des Körpers enthüllt, die Scham blieb jedoch noch ein gutes Weilchen unter ihrem natürlichen Haarbusch verborgen. Mit der in den 90er Jahren aufkommenden Intimrasur ist nun der letzte ehedem private Bereich öffentlich geworden.

Die „Befreiung” des Körpers war allerdings nicht ganz frei von Nebenwirkungen: In gleichem Maß, wie das Zeigen der nackten Körperteile kein MORALISCHES Problem mehr war, wurde es zum OPTISCHEN. Und das betraf zu allererst die Haare - Jeder Freilegung eines neuen Hautareals folgte obligat die Bekämpfung der dort angesiedelten Behaarung mit Klinge, Wachs, Laser oder - der letzte Schrei - wachstumshemmenden Chemikalien. (Warum die Körperbehaarung so obstinat im Visier der menschlichen Schönheitsanstrengungen ist, wird uns hier noch ein andermal beschäftigen)

Aber die Haare waren natürlich nur ein Teil des Problems. Mit jedem entblößten Körperteil waren sofort auch neue Idealvorstellungen in der Welt - und damit auch neue „Problemzonen”. 1973 gelang der „Vogue” mit der Erfindung der „Zellulitis” der Coup, quasi über Nacht achtzig Prozent der Frauen (so viele sind von diesen naturgegebenen Unebenheiten des Fettgewebes betroffen) zu Patientinnen der Kosmetikindustrie zu machen. Unter dem Diktat der ewigen Jugendlichkeit ist Schönheitschirurgie die Fortsetzung der Mode mit anderen Mitteln. Und die Designer-Vagina letztlich nur eine logische Konsequenz.

Aber die Problemzonen lassen sich offenbar noch ausweiten. In der „Vogue” wird (das stammt jetzt wieder aus meinem Ärzteblatt-Artikel) der sogenannte „G-shot”, propagiert, bei dem der ominöse (und in seiner Existenz wissenschaftlich höchst umstrittene) „G-Punkt” durch die Injektion von Kollagen aufgespritzt wird, was angeblich das Lustempfinden ultimativ steigert, zumindest vier Monate lang, bis die nächste Spritze fällig ist.

Guter Sex also nur noch mit Hilfe von Ärzten (und damit - nebenbei - gegen Geld). „Wie doof muss man eigentlich sein?” ist eigentlich das Einzige, was mir gerade dazu einfällt.

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Für die Profis:

Borkenhagen, A, Brähler, E, Kentenich, H (2009): Intimchirurgie: Ein gefährlicher Trend. Deutsches Ärzteblatt; 106(11): A-500

Literaturverzeichnis zu diesem Artikel: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/lit.asp?id=63783