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Renz über Schönheit - Neues, Wissenswertes und Denkwürdiges aus der Attraktivitätsforschung


13. Februar 2009

Sterben die Blonden wirklich aus?

Gestern nachmittag war es wieder so weit. Ich weiß den Anlass nicht mehr, aber irgendwie kam das Gespräch auf Blondinen. Und natürlich MUSSTE dann auch kommen, was immer kommt: „Es ist ja bloß noch eine Frage der Zeit, bis die Blonden vollends ausgestorben sind” - und das ausgerechnet von einem Pfarrer, der ja sonst berufsmäßig die Wahrheit verkündet.

Also hier und jetzt noch einmal für alle und alle Zeiten: Nein, Blonde sterben nicht aus.

Dass sie das tun sollten, taucht als Gerücht in regelmäßigen Abständen im pseudowissenschaftlichen Blätterwald auf. Der letzte Ausbruch wird sehr schön in der englischen Wikipedia nachgezeichnet: Danach schrieb die BBC 2002 in einem Artikel, “deutsche Experten” hätten herausgebracht, dass der letzte blonde Mensch im Jahr 2202 in Finnland geboren werde. Der Aprilscherz breitete sich schnell auf den verschiedensten „Wissenschafts” seiten aus. Als angebliche Quelle wurde immer wieder die Weltgesundheitsorganisation angegeben, so dass die sich zu einer klarstellenden Pressemitteilung bemüßigt fühlte.

Viel geholfen hat es nicht. Aber sei’s drum.

Warum die Blonden NICHT aussterben, hat einen ganz einfachen Grund: Es gibt keinen Selektionsdruck gegen das „Blond-Gen” (die Profis unter uns wissen, dass ich von einem Allel spreche …). Im Gegenteil: das Gen für blonde Haare ist eine evolutionäre Erfolgsgeschichte ersten Ranges. Nach allem, was man derzeit weiß, ist es erst mit dem Ende der letzten Eiszeit, also vor gut 10000 Jahren, durch eine einzelne Mutation in die Welt gekommen, die sich irgendwo im heutigen Ostseeraum ereignet haben muss. 10000 Jahre! - Evolutionär betrachtet ist das ein Wimpernschlag - gerade einmal 400 Generationen, und in dieser Mini-Spanne hat sich das Gen auf Millionen von Menschen ausgebreitet. - (Warum es so rasend schnell gegangen ist, wird uns sicher auch noch einmal beschäftigen)

Das Gerücht vom Verschwinden der Blonden dürfte damit zusammenhängen, dass das Blond-Gen „rezessiv” ist, also nur dann zum Ausdruck kommt, wenn es mit einem anderen, vom anderen Elternteil übertragenen Blond-Gen zusammenarbeitet. (Wenn ich von „blond” oder „dunkel” spreche, vereinfache ich ein bisschen - eigentlich gibt es nämlich 11 verschiedene Gene für Haarfarbe, davon 7, die nur bei Europäern vorkommen - darunter auch das „Blond-Gen”). Wenn ein Gen für „blond” mit einem für „dunkel” zusammentrifft, ist seine Wirkung unterdrückt, der entsprechende Mensch hat dunkles Haar. Nur - und das ist der Punkt bei dieser Geschichte - das Blond-Gen ist deshalb noch lange nicht verschwunden, sondern wartet jetzt sozusagen in versteckter Form geduldig auf seine nächste Chance. Die Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich in die nächste Generation weiterkommt, ist genauso hoch wie die für das dominante Dunkelhaar-Gen, nämlich 50%. Trifft es dann wieder auf ein Dunkelhaar-Gen - Pech gehabt. Trifft es jedoch auf ein Blond-Gen - bingo. Wohlgemerkt: dieses Blond-Gen kann genauso von einem dunkelhaarigen wie einem blonden Elternteil stammen - ein blondes Kind kann also durchaus zwei dunkelhaarige Eltern haben. Wenn es der Zufall will, kann blondes Haar auch noch nach Generationen von dunkelhaarigen Eltern, Großeltern, Urenkeln etc. urplötzlich auftauchen - denn - das ist das Fazit dieser Geschichte: Gene gehen nie verloren, es sei denn, ihre Träger wären in der natürlichen Auslese benachteiligt - was auf Blonde ganz offensichtlich nicht zutrifft.

Literatur:

Frost, P. 2006. European hair and eye color - A case of frequency-dependent sexual selection? Evolution and Human Behavior 27:85-103