28. Oktober 2008
Es musste ja einmal so kommen.
Eine Gruppe von israelischen Computerspezialisten an der Universität von Tel Aviv hat eine Software entwickelt, mit der sich die Schönheit von Frauengesichtern quasi vollautomatisch messen lässt. Wie das Programm von Amit Kagian (so heißt der Leiter der Gruppe) genau funktioniert, hat sich meinem Laien-Verstand noch nicht vollständig offenbart, aber das Prinzip dahinter scheint so zu gehen: Auf digitalen Bildern von Frauengesichtern, werden 84 sog. Landmark-Punkte (überwiegend automatisch) markiert, die die Form und Lage der einzelnen Gesichtsmerkmale – Umriss, Augen, Brauen, Mund, Nase - definieren. Nun werden diese Punkte allesamt miteinander verbunden – aus der Länge und der Neigung der einzelnen Verbindungslinien ergibt sich so ein Datensatz von 6972 Vektoren. Diese Datenmenge wird in einem statistischen Verfahren auf eine überschaubarere Zahl von voneinander unabhängigen „Hauptkomponenten“ eingedampft (sog. Eigenmerkmale). In der nun folgenden Trainingsphase wird der Computer mit einem Gesicht nach dem anderen aus der Datenbank der Forscher gefüttert. Dabei erhält er neben dem Eigenmerkmal-Datensatz auch die Schönheitsnote, die eine menschliche Jury dem Gesicht schon vorab verpasst hat. Auf diese Weise „lernt“ das Programm nach und nach, welche der Eigenmerkmale in welchem Maß mit dem menschlichen Schönheitsurteil zusammenhängen – woraus es eine Art „Erkennungsmuster“ bildet, anhand dessen es dann nach Abschluss des Trainings auch vollkommen fremde Gesichter bewerten kann.
So viel zur Technik. DASS sie funktioniert, ist nicht einmal das Erstaunliche. Aber WIE GUT sie funktioniert, da ist mir dann doch die Spucke weggeblieben: Die vom Computer hervorgebrachten Schönheitsnoten sind nicht nur so gut wie die eines Menschen – „gut“ heißt in diesem Fall, dass sie dem durchschnittlichen Urteil menschlicher Bewerter nahekommen. Nein, sie ist sogar besser: die maschinelle Schönheitsdiagnose liegt näher am Menschendurchschnitt als die eines zufällig ausgesuchten Einzelmenschen.
Vor allem ein Detail macht mich richtig baff: Unter den Bildern, die Kagian und seine Kollegen ihrem Computer vorgelegt hatten, waren auch ein paar künstlich hergestellte, supersymmetrische „Composits“, bei denen einmal die rechte und einmal die linke Gesichtshälfte mit sich selber gespiegelt worden war (die Gesichter bestanden also entweder aus zwei rechten oder aus zwei linken Hälften). Und wie reagierte der Computer? – Er identifizierte in zwei von drei Fällen das aus den beiden RECHTEN Gesichtshälften zusammengesetzte Gesicht als das attraktivere – und kann sich damit ganz im Einklang mit einer Studie wähnen, die vor über zehn Jahren exakt dieses Ergebnis erbracht hatte: bei den meisten Frauen ist die rechte Gesichtshälfte die Schokoladenseite (zu diesem Thema werde ich mich vielleicht ein andermal verbreitern).
Die erste Konsequenz aus Kagians Programm, ging mir gleich durch den Kopf, wird sein, dass Heerscharen von Studenten ihren Nebenjob los sein werden. Bisher wurde in der Attraktivitätsforschung das alltägliche „Rating“ überwiegend von Studenten erledigt - also das Geschäft, Schönheitsnoten zu vergeben. (Wie der aufmerksame Leser meines Buches sicher weiß, braucht man ja immerhin mindestens ein Dutzend Juroren für ein verlässliches Schönheitsurteil).
Eine andere Konsequenz ist schon am Horizont: Wer Schönheit maschinell analysieren kann, kann sie auch maschinell synthetisieren – will heißen: die von Kagians Gruppe entwickelten Werkzeuge können genauso gut auch zur digitalen Schönheitsreparatur eingesetzt werden - und werden es auch. Dazu aber in einem der nächsten Einträge.
Jetzt aber noch zwei Anmerkungen.
Erstens. Dass die Israelis einen funktionierenden Schönheitserkennungs-Algorithmus gefunden haben, heißt noch lange nicht, dass sie damit die ewigen Gesetzmäßigkeiten der Schönheit aufgedeckt hätten oder gar den Beweis für irgendwelche „universalen“ Schönheitsstandards erbracht hätten. Schließlich reproduziert die Maschine nur die Schönheitsstandards ihrer Herren und Meister, genauer: der Juroren, die die in der Trainingsphase verwendeten Porträts bewertet hatten. (Wie universal deren Urteil wiederum ist, steht auf einem ganz anderen Blatt – die Frage wird uns bestimmt noch an anderer Stelle einmal beschäftigen)
Zweitens: Ziemlich zur selben Zeit, als die Computerfreaks aus Tel Aviv ihr Programm veröffentlichen, kommt in einer anderen Zeitschrift ein Artikel heraus, der einem fast ein Deja vu beschert: „Computermodelle zur Beurteilung der Attraktivität von Gesichtern“. Die Autoren kommen von der University of Texas und sind nicht etwa irgendjemand, sondern mit Judith Langlois gehört eine der berühmtesten Attraktivitätsforscherinnen überhaupt dazu. Dass sie ganz euphorisch von einer „neuartigen Methode“ schreiben (und ihr Literaturverzeichnis die entsprechende Lücke aufweist), kann nur bedeuten, dass die Texaner keinen blassen Schimmer hatten, was da in Tel Aviv seit nunmehr etlichen Jahren beforscht wird. (Bereits im Jahr 2006 war eine Studie der selben Arbeitsgruppe erschienen, und zwar in der Zeitschrift „Neural Computation“ – die die Texaner aber aus mir unerfindlichen Gründen offenbar nicht auf dem Radar haben. Abgesehen davon hätte ihnen aber auch ein Blick in mein Buch (in dem die Studie vorgestellt wird) die Bauchlandung erspart.)
Denn eine Bauchlandung ist die Studie der Texaner wirklich geworden. Ihre „neuartige“ Methodik ist deutlich weniger ausgereift und auch vom Ergebnis her, also der Qualität der Schönheitsdiagnose, ist sie im Prinzip genau auf dem Stand, den man in Tel Aviv schon vor zwei Jahren erreicht hatte … Immerhin zeigt sie, dass auch im Internet-Zeitalter das Rad zweimal erfunden werden kann.
Für die Profis unter uns:
- Kagian A, Dror G, Leyvand T, Meilijson I, Cohen-Or D, Ruppin E. A machine learning predictor of facial attractiveness revealing human-like psychophysical biases. Vision Res. 2008 Jan;48(2):235-43.
- Eisenthal, Y, Dror, G, Ruppin, E (2006). Facial Attractiveness: Beauty and the Machine. Neural Computation, 18(1), 119-142.
Abstract: http://www.ncbi.nlm…
Volltext*: http://mitpress.mit.edu…
- Bronstad P M, Langlois J H, Russell R, 2008, “Computational models of facial attractiveness judgments” Perception 37(1) 126 – 142
- Zaidel DW, Chen AC & German C (1995). She is not a beauty even when she smiles: possible evolutionary basis for a relationship between facial attractiveness and hemispheric specialisation. Neuropsychologia. 1995; 33, 649–655.
Ich bin ja selber von der Ausbildung her Arzt, und weiß natürlich aus eigener Anschauung, dass Chirurgen in jeder Hinsicht die Größten sind - und Schönsten. Undenkbar, nein, widernatürlich, dass sich die hübsche Krankenschwester mit den Reh-Augen von einem Hautarzt den Kopf verdrehen lässt. (Von einem Hausarzt ganz zu schweigen).
Die medizinischen Fachzeitschrift British Medical Journal ist dem Phänomen nun endlich auf den Grund gegangen und hat eine Studie publiziert, die nicht nur den Beweis erbringt, DASS Chirurgen die schönsten Ärzte sind, sondern auch sagt, warum.
Hier ein paar Originalabbildungen aus dem Artikel:

(Links: Chirurg, Mitte: Internist, rechts: George Clooney als Dr. Doug Ross in „Emergency Room“
Die Studie hat übrigens das Zeug, den begehrten IG Nobelpreis zu erringen – der jedes Jahr für eminente wissenschaftliche Arbeiten vergeben wird, die die Menschen „erst zum Lachen und dann erst zum Nachdenken“ bringen. (Eine der preisgekrönten Studien (mit dem Titel „Hühner bevorzugen schöne Menschen“ kennen Sie vielleicht aus meinem Buch).
In diesem Sinne also – viel Spaß beim Nachdenken!
Hier ist die Studie: http://bmj.bmjjournals.com/cgi/content/full/333/7582/1291
Kein Leser weiß, dass in meinem Buch ein ganzes Kapitel fehlt. Ursprünglich sollte es ganz am Anfang stehen, aber als abzusehen war, dass ich das vom Verlag genehmigte Seiten-Soll von 320 Seiten nicht annähernd einhalten konnte, musste ein größerer Schnitt gemacht werden. Und da dieses erste Kapitel thematisch relativ wenig mit dem Rest verflochten war, fiel die Wahl nicht schwer. – Zwanzig Seiten waren also gewonnen, aber wie oft habe ich mich inzwischen geärgert? In so ziemlich jeder Diskussionsrunde zum Thema Schönheit kommt unweigerlich jemand mit der Venus von Milo oder Michelangelos „David“ und ihren angeblich „idealen“ und „universellen“ Proportionen an. Oder mit dem „goldenen Schnitt“, der sich angeblich in jedem schönen Gesicht wiederfindet, vor allem natürlich in dem der Mona Lisa („wissenschaftlich hundertprozentig bewiesen“). Wie schön wäre es doch, ging mir schon manches Mal durch den Kopf, ich könnte einfach auf Kapitel eins in meinem Buch verweisen und aufhören, mir den Mund fusselig zu reden …
Die “klassischen Schönheitsgesetze” der Renaissance, um das Kapitel ganz kurz zusammenzufassen, sind ein Mythos. Schönheit lässt sich nicht in Formeln pressen.
Den Klassik-Mythos machen sich Schönheitschirurgen beim Kundenfang trotzdem gerne dienstbar. Kaum einer ihrer Flyer kommt ohne antike Marmorschönheiten aus. – Höchste Zeit also, das fehlende Kapitel freizugeben: „Leonardos Irrtum oder: Der geheime Plan hinter der Schönheit“. Da es für einen Blog-Beitrag zu voluminös ist, habe ich es in eine extra HTML-Datei gepackt. Wer will, kann es sich auch als PDF herunterladen.
Viel Spaß!
U
27. Oktober 2008
Heute kommt der zweite Teil der Sinnfrage. – WARUM gibt es Schönheit? Wie erklärt es sich, dass Lebewesen unterschiedlich schön sind? – Weil Schönheit eine Funktion im evolutionären Kampf ums Weiterkommen hat, sagt die Gute-Gene-Hypothese, die vom mainstream der derzeitigen Evolutionspsychologen vertreten wird. Ihr zufolge ist ein schönes Äußeres eine Werbefläche für genetische Qualität. Im Kommen ist aber die Schwesterhypothese von den „schlechten Genen“: Ihr zufolge nehmen wir einen Artgenossen als schön wahr, wenn sein Äußeres nicht mit Zeichen schlechter Qualität behaftet ist. – So weit waren wir beim letzten Eintrag gediehen.
Die Schönheitserklärung, die für heute auf dem schönheitspädagogischen Programm steht, wird von den meisten Evolutionspsychologen eher feindselig beäugt. Denn auf den ersten Blick sieht sie wie die leibhaftige Antithese zu ihren „Qualitäts-Argumenten“ aus (und dazu noch verdächtig nach Darwins ursprünglicher Weltsicht von der „Schönheit um der Schönheit willen“): Schönheit habe nach dieser ketzerischen Lesart nichts mit irgendwelchen Qualitäten des SENDERS zu tun (oder der Abwesenheit derselben), sondern mit dem EMPFÄNGER selber, genauer der Arbeitsweise seines Nervensystems.
Dieses Minderheitsvotum der Attraktivitätsforschung segelt unter dem Namen der „Wahrnehmungsvorlieben” (sensory bias) und wird federführend von einem Stockholmer Verhaltensforscher namens Magnus Enquist vertreten. Er und seine Gruppe gehen z.B. der Frage nach, warum wir viele von anderen Arten (wie etwa Schmetterlingen oder Blumen) ausgehende Signale als schön empfinden, obwohl sie gar nicht an uns Menschen gerichtet sind und uns keinerlei „Fitness-Vorteil“ bringen. Die Antwort liegt für die Stockholmer in den universellen Gesetzmäßigkeiten der Signalerkennung: Da es bei all den Lockungen, Drohungen, Warnungen und Beschwichtigungen, die Lebewesen beständig miteinander austauschen, allzuoft um Leben oder Tod geht, müssen Entscheidungen mit maximaler Effizient und vor allem blitzschnell getroffen werden. Deshalb, so Enquists These, werden diejenigen Reize von unserem Wahrnehmungsapparat bevorzugt, die sich leichter verarbeiten lassen - sie “gefallen” uns schlichtweg besser.
Eine dieser „Wahrnehmungsvorlieben“ bezieht sich auf Kontraste – und kann beim Menschen möglicherweise die Attraktivität von klar gezeichneten Lippen oder Augenbrauen erklären. Auch den klassischen Schönheitsfaktor „Symmetrie“ erklärt Enquist mit den Eigenarten von Nervenzellen: Künstliche neuronale Netze, also am Computer simulierte Miniatur-Nervensysteme, neigen tatsächlich dazu, auf symmetrische Muster stärker anzusprechen als auf Zufallsmuster. Zu den Enquist’schen Wahrnehmungsvorlieben gehören auch sogenannte supranormale Reize: Nervenzellen sind hochempfänglich für Übertreibungen – eine Gesetzmäßigkeit, die sich nicht nur der Kuckuck mit seinem übergroßen und überroten Schnabel sondern auch Homo sapiens bei seinen kosmetischen Bemühungen zunutze macht.
Gute Gene, schlechte Gene, Wahrnehmungsvorlieben … alles schön und gut, werden Sie vielleicht sagen, aber Renz, komm doch endlich zu den BEWEISEN. - Welche Theorie hat nun recht? – Gut, das nächste Mal ist die Frage nach der WAHRHEIT dran.
26. Oktober 2008
Das Thema passt zum Sonntag heute. Es geht um die Sinnfrage. - Wenn die Natur unterschiedliche Menschen (oder auch andere Lebewesen) mit unterschiedlichem Maß an Schönheit ausstattet, was will sie uns damit sagen? Will sie uns überhaupt etwas sagen? Was ist der tiefere Sinn hinter Schönheit?
Die Frage hat Heerscharen von Philosophen vollkommen ergebnislos beschäftigt. Auch für die moderne Attraktivitätsforschung ist sie eine harte Nuss, aber immerhin sind schon ein paar schöne Hypothesen zusammengekommen, die ich jetzt in einer Art „Grundkurs Biologische Schönheitserklärungen“ vorstelle.
Dass die Geschichte immer mit dem Pfau anfängt, hat mit Charles Darwin zu tun, den das Tier buchstäblich um den Schlaf gebracht hat. Warum um alles in der Welt, fragte er sich, gibt es solche auffälligen “Ornamente” wie den Pfauenschwanz? Wenn seine eigene Theorie stimmt, dass nur die Angepasstesten überleben, dürfte es ein knallbuntes Wesen wie das Pfauenmännchen gar nicht geben – und mit ihm die halbe Schöpfung nicht. Darwins Antwort auf das Rätsel hieß am Ende: SEXUELLE SELEKTION. - Um im Sinn der Evolution erfolgreich zu sein – also möglichst viele Nachkommen zu hinterlassen -, muss ein Tier nicht nur mit seiner Umwelt zurecht kommen (also gegen die natürliche Selektion bestehen), sondern auch einen Partner für sich einnehmen (ihn “erregen und bezaubern“, wie Darwin sich ausdrückte). Die bunten Federn des Pfauenhahns stehen somit im Dienst der Selbstvermarktung beim anderen Geschlecht.
Damit drängte sich Darwin aber sofort die nächste Frage auf: Warum stehen die Pfauenweibchen auf so schrille männliche Accesoires? – Weil ihr „sense of beauty“, so Darwins Antwort, nun einmal auf die schönen Farben und Muster gepolt ist. Und deshalb finden auch nur die allerprächtigsten Exemplare Gnade vor den kritischen Hennen-Augen. Von Generation zu Generation pflanzen sich damit nur die am reichsten geschmückten Männchen fort, mit der Folge, dass ihr Schmuck immer extremere Ausprägungen annimmt.
Gute Gene?
Schönheit um der Schönheit willen? Das Gros der heutigen Evolutionsbiologen ist hier entschieden anderer Meinung als ihr Vordenker – der ja noch nichts von Genen wusste. Für sie muss hinter auffallenden (und nebenbei „teuren“, weil lästigen) Ornamenten eine Botschaft stecken, und die heißt: QUALITÄT. – Schönheit erfüllt demnach einen ZWECK: nämlich die Anzeige einer für die potentielle Nachkommenschaft günstigen genetischen Ausstattung. Diese Schönheitserklärung geht auf den Evolutionsbiologen Donald Symons zurück und firmiert unter dem Namen „Gute Gene-Hypothese“.
Um welche genetischen Vorteile es dabei genau geht, ist noch Gegenstand des wissenschaftlichen Disputs. Nach einer immer wieder populären Theorie sollen sexuelle Ornamente eine starke Immunabwehr signalisieren. Heute ist zudem das Konzept der „Entwicklungsstabilität“ in Mode – die nach der entsprechenden Hypothese an der SYMMETRIE von Ornamenten oder des Körperbaus abzulesen wäre. Nach der derzeit ebenfalls hoch gehandelten „Hormonhypothese“ spiegelt ein attraktives Äußeres das Wirken von maximalen Spiegeln an Geschlechtshormonen – und damit das Versprechen von besonderen fortpflanzungsrelevanten Qualitäten.
Um welche „guten Gene“ genau es auch immer gehen mag - die direkte Schlussfolgerung aus der Hypothese lautet: die attraktiveren Artgenossen müssten auch mit messbar besseren Eigenschaften gesegnet sein – schöne Pfauen müssten dann TATSÄCHLICH widerstandsfähiger und kräftiger sein. Und dasselbe müsste auch für Menschen gelten: Die Schönen unter uns müssten dann TATSÄCHLICH fruchtbarer, gesünder, intelligenter und leistungsfähiger sein als die weniger Schönen. Ob sie das tatsächlich tun, wird uns noch beschäftigen – jetzt aber erst einmal zur nächsten der derzeit aktuellen Schönheitserklärungen: der Hypothese der „bad genes“.
Schlechte Gene
Die Urheberin der Hypothese ist die Psychologin Leslie Zebrowitz von der Brandeis University in Massachusets. Ihre Überlegung geht so: Vielleicht geht es bei unserem „Schönheitserkennungsprogramm“ gar nicht um die Detektion von besonderen Qualitäten, sondern um das Erkennen von RISIKEN? – Die Schlechte-Gene-Hypothese geht genau so wie die Gute-Gene-Hypothese davon aus, dass unsere Reaktionsmuster auf Gesichter von der Evolution geformte Überlebensstrategien darstellen. Allerdings seien diese darauf gerichtet, schlechte Gene zu erkennen und einen großen Bogen um deren Träger zu machen. Als Hinweis auf schlechte Gene nähmen wir dabei alles, was in extremer Weise vom prototypischen Durchschnitt unserer Artgenossen abweicht – starke Asymmetrien etwa oder sonstige Entstellungen und Auffälligkeiten, insbesondere der Hautoberfläche. Der Clou nach der Zebrowitzschen Theorie ist nun, dass unsere Reaktionsbereitschaft auf solche genetischen Warnzeichen so groß ist, dass wir auf die entsprechenden Schlüsselreize selbst dann reagieren, wenn sie nur in abgeschwächter Form vorkommen, wenn wir also auf Gesichter treffen, die den „unfitten“ nur entfernt ähneln. Unser entwicklungsgeschichtlich recht primitives Gesichtserkennungsprogramm kann nun einmal nicht zwischen einem Leprageschwür und einem Pubertätspickel differenzieren. Zebrowitz spricht in diesem Fall von Überreaktion – die aber aus evolutionärer Sicht Sinn macht. Der Preis des falschen Alarms (in Form verpasster Paarungschancen) dürfte oft geringer sein als die „Kosten“ einer Fehlentscheidung.
Schönheit wäre demnach ein negatives Konzept - wie es etwa in unserem Begriff der „Makellosigkeit“ anklingt. Das der Schlechte-Gene-Hypothese zugrunde liegende Motto lautet „Vermeide das Schlimmste!“ – ganz im Gegensatz zur Devise der Gute-Gene-Hypothese, die da heißt: „Suche das Beste!“
Gute Gene, schlechte Gene … eigentlich reicht die Dosis für einen schönen Sonntag wie heute. Die anderen Schönheitserklärungen und das Pro und Contra kommen alsbald.