Zum Inhalt springen


Renz über Schönheit - Neues, Wissenswertes und Denkwürdiges aus der Attraktivitätsforschung


6. Juli 2010

Zum Glück Botox (Fortsetzung)

Ein Artikel in der aktuellen „Psychologie heute” über die segensreiche Wirkung von Botox („Glatte Haut, glatte Seele”) erinnert mich daran, dass ich meinen Lesern noch die Fortsetzung der Botox-Geschichte schuldig geblieben bin, und das schon seit geraumer Zeit! Asche auf mein Haupt - und schnell zur Sache.

Vorneweg aber noch eines: Dass Botox die ihm zugeschriebene ästhetische Wirkung hat, steht außer Zweifel: Botox macht TATSÄCHLICH jünger (zumindest in den drei Monaten, die seine Wirkung anhält). Die von Botox-Gegnern oft vorgebrachte Behauptung, Botox-Gesichter würden unnatürlich, maskenhaft oder sonstwie „unlebendig” aussehen, gilt allenfalls im Fall von Überdosierung, also eines Behandlungsfehlers (der durchaus vorkommen kann, und sich beispielsweise in hängenden Augenlidern äußern kann). In aller Regel wird aber, zumindest vom ungeschulten Auge, eine Botoxbehandlung nicht als solche erkannt.

Aber die ÄSTHETISCHE Wirkung von Botox ist hier nicht das Thema, es geht um die psychische Wirkung. - Wirkt sich Botox wirklich auf unser Gefühlsleben aus? - Ja, tut es, sagen verschiedene Wissenschaftler, Sie haben die entsprechenden Studien ja schon kennengelernt. Demnach dämpft eine Botox-Spritze möglicherweise das Erleben von Gefühlen ab (und zwar von negativen Gefühlen stärker als von positiven). Die Theorie der „Gefühlsübertragung via Gesichtsausdrücke” legt darüber hinaus sogar die Möglichkeit nahe, dass Botox-behandelte Menschen auch das Gefühlsleben ihrer Mitmenschen positiv beeinflussen, weil von ihren Gesichtern nun keine Ärger-, Wut-, oder Trauersignale mehr ausgehen können …

Würde es uns also allen besser gehen, wenn möglichst viele von uns faltenfrei durchs Leben gehen würden? Auf den ersten Blick sieht es ganz danach aus.

Auf den zweiten Blick kommen aber Fragen auf. Was heißt das denn, wenn wir bestimmte Emotionen, seien sie nun negativ oder positiv, nicht wahrnehmen können? Dass wir die Gefühle der Mitmenschen so reflexartig imitieren, hat doch eine Funktion - nämlich die, den anderen zu verstehen. Bedeutet das Lahmlegen von mimischer Muskulatur nicht, dass eine Art „emotionaler Sprachbarriere” zwischen Menschen aufgebaut wird?

Genau das haben Neurowissenschaftler der Universität San Diego demonstriert: Menschen, deren mimische Muskulatur blockiert ist, können die entsprechenden Emotionen tatsächlich schwerer erkennen.

Ein soeben publiziertes Experiment von David Havas und seinen Kollegen von der University of Wisconsin-Madison weist in dieselbe Richtung: Wer nach einer Botox-Injektion die Stirn nicht mehr runzeln kann, versteht Sätze, die mit den Emotionen Ärger und Trauer geladen sind, schlechter. Die Fähigkeit, glückliche Botschaften zu verstehen, ist dagegen nicht beeinträchtigt.

Es scheint also tatsächlich so, dass Botox, indem es die Kommunikation zwischen Gesicht und Gehirn unterdrückt, auch dem Verständnis der entsprechenden Gefühle im Wege steht. In einem gewissen Sinn macht es uns „gefühlsblind” - und zwar blind nicht nur für die eigenen Gefühle sondern auch für die unserer Mitmenschen.

Alles schön und gut, sagt die Botox-Fraktion, aber wer kann denn etwas dagegen haben, wenn er keinen Zorn mehr empfindet? Oder Angst? Wer reißt sich schon um negative Gefühle? - Niemand natürlich. Trotzdem, der Einwand bleibt: Wenn Gefühle wirklich die Leitschienen sind, an denen wir unser Handeln unseren Mitmenschen gegenüber ausrichten, dann haben auch negative Emotionen eine Funktion. Warum sollten sie weniger „wichtig” sein als positive Gefühle? Vielleicht ist es ja gerade andersherum? Ist der Anflug von Ärger, den ich im Gesicht meines Gegenübers erkenne, nicht ein unverzichtbares Frühwarnsignal? Wird unser Zusammenleben etwa besser, wenn wir ohne Vorwarnung eins in die Fresse bekommen? Und Angst? Ist sie nicht genauso ein Warnsignal, das uns leitet und motiviert, Schutz zu suchen? Und Trauer? Ist das Leben wirklich besser, wenn uns nichts mehr traurig machen kann? Wollen wir in einer Welt leben, in der wir die Trauer unserer Mitmenschen nicht mehr verstehen können -  so wie auch unser Gegenüber unsere Trauer nicht verstehen kann? Was heißt es für unser soziales Leben, wenn wir das Mitgefühl quasi pharmakologisch ausschalten?

Kann es uns wirklich zufriedener machen, wenn wir negativen Emotionen aus dem Weg gehen? Macht es uns glücklicher, wenn wir jeden Tag Schokolade essen, morgens, mittags, abends?

Eine Antwort gibt Ed Diener, der Großmeister der Glücksforschung, in einem Interview, auf das ich dieser Tage durch Zufall gestoßen bin*: „Alles Negative loswerden zu wollen, halte ich für eine ziemlich verrückte Idee. Es wäre doch seltsam, auf der Beerdigung der eigenen Mutter keine Trauer zu spüren. Emotionen wie Angst, Trauer, Sorge oder Wut machen uns darauf aufmerksam, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie bringen uns auf neue Ideen und lassen uns die richtigen Schritte unternehmen. Wenn wir Emotionen am Arbeitsplatz erforschen, stellen wir zum Beispiel fest, dass die kreativsten Leute ziemlich viele gute, aber gleichzeitig auch ein paar schlechte Gefühle haben. Wer immer nur positiv ist, versteht sich zwar gut mit allen anderen, ist vermutlich ein guter Verkäufer. Aber er wird nie irgendetwas anzweifeln oder einen wirklich neuen Gedanken haben.”

Ed Dieners Worten habe ich eigentlich nichts hinzuzufügen. Nur noch ein kleines persönliches Fazit zu der ganzen Botox-Geschichte: Jeder soll sich sein Botox holen, wenn er meint, er braucht das - und wer damit Geld verdient, darf das gerne auch tun. Nur sollte er bis auf weiteres keine Heilsmission für die Menschheit daraus machen.

Literatur

Alam, M., Barrett, K.C., Hodapp, R.M., & Arndt, K.A. (2008). Botulinum toxin and the facial feedback hypothesis: Can looking better make you feel happier? Journal of the American Academy of Dermatology, 58, 1061-72.

* Diener, Ed, in: “Psychologie heute” 5/2010, S. 30ff

Havas DA, Glenberg AM, Gutowski KA, Lucarelli MJ, Davidson RJ. Cosmetic Use of Botulinum Toxin-A Affects Processing of Emotional Language. Psychol Sci. 2010

Heckmann M, Teichmann B, Schröder U, Sprengelmeyer R, Ceballos-Baumann AO. Pharmacologic denervation of frown muscles enhances baseline expression of happiness and decreases baseline expression of anger, sadness, and fear. J Am Acad Dermatol. 2003;49(2):213-6.

Hennenlotter A, Dresel C, Castrop F, u. a. The Link between Facial Feedback and Neural Activity within Central Circuitries of Emotion–New Insights from Botulinum Toxin-Induced Denervation of Frown Muscles

Oberman, L., Winkielman, P., & Ramachandran, V. S. (2007). Face to face: Blocking facial mimicry can selectively impair recognition of emotional expressions. Social Neuroscience, 2, 167-178


21. März 2010

Pille macht Frauen dumm

So könnte man die Meldungen zusammenfassen, die 2008 durch die wissenschaftliche Pop-Presse geisterten. Die Aufregung hatte mit einem Artikel des Evolutionspsychologen Craig Roberts aus Liverpool zu tun, der mit seinen Kollegen die Rolle des Geruchs bei der Partnerwahl erforscht.

Und der den beunruhigenden Befund zu Tage förderte, dass die Pille Frauen dazu bringt, auf den falschen Geruch abzufahren – den von Männern nämlich, deren Immunsystem eigentlich überhaupt nicht zum eigenen passt. Was dann die Nachkommenschaft durch eine suboptimale Immunausstattung auszubaden hat.

Ich will jetzt gar nicht weiter auf die wissenschaftlichen Hintergründe eingehen (die etwas mit der individuellen Ausstattung mit unterschiedlichen – und vermutlich über den Geruch wahrnehmbaren -Immunkomplex-Genen zu tun haben), sondern nur eines festhalten: Die ganze Sache war eine Falschmeldung. Schon die von Craig Roberts selbst gelieferte Zusammenfassung seiner Ergebnisse stellte eine tendenziös geschönte Version der wissenschaftlichen Realität dar, und die wurde dann von diversen Journalisten vollends zu wohlklingendem Nonsense verbogen.

Die genauen Fakten und Hintergründe hat der Medienjournalist Stefan Niggemeier seinerzeit schön in seinem Blog nachgezeichnet, und auch Nina Bubitz setzte sich im Stern unter dem Titel „Der Unsinn mit der Pille und dem Schweiß“ kritisch mit der wissenschaftlichen Gerüchteküche in Liverpool auseinander.

Warum ich heute über diese ollen Kamellen schreibe, hat mit der Buchmesse in Leipzig zu tun, wo sich meine Gespräche, da ich mich nun mal gerade mit dem Thema beschäftige, immer schnell dem Thema „Partnerwahl“ zuwendeten. Und bei - ungelogen - DREI! dieser Gespräche wurde ich von meinen Gesprächspartnern auf die sensationelle Entdeckung aus Liverpool hingewiesen. Fühle mich deshalb hiermit bemüßigt, das Meine zur Aufklärung beizutragen. (So wie ich das in diesem Blog schon einmal, anlässlich einer anderen – leider vollkommen unausrottbaren – Falschmeldung getan habe, bei der es um das angebliche Aussterben der Blondinen geht.

17. März 2010

Die soziale Macht des Schönen

Ich war die letzten Wochen ziemlich stramm mit einer Geschichte für GEO beschäftigt, bei der es mal nicht um Schönheit geht, sondern um - Liebe, genauer: den aktuellen Stand der Paarforschung. Habe deshalb ganz vergessen, auf ein Buch hinzuweisen, das Anfang März erschienen ist: “Vom Zauber des Schönen: Reiz, Begehren und Zerstörung” , herausgegeben von dem Wiener Philosophen Konrad Paul Liessmann. Es handelt sich um den Kongressband einer Veranstaltungswoche namens “Philosophicum”, die im September 2009 in Lech abgehalten wurde.

Darin ist auch ein Beitrag aus meiner Feder enthalten, der sich mit der “sozialen Macht des Schönen” befasst. Ich gehe darin der Wirkung nach, die körperliche Attraktivität in unserer Gesellschaft entfaltet, vor allem aber auch der Frage, WARUM sie das tut.

13. November 2009

Schönheit als Glücksspur?

Jetzt wird es aber mal wieder Zeit! Die letzten Monate sind unter dem Zeichen Afrikas gestanden. Und der Liebe (schreiberisch). Zu diesem Thema aber ein andermal mehr, hier soll es ja um die Schönheit gehen.

Vor kurzem ist mir - mehr oder weniger zufällig - wieder eine altbekannte Studie unter die Finger gekommen. Sie stammt von Lisa DeBruine, die sich im schottischen Aberdeen mit den Gesetzmäßigkeiten der Gesichtswahrnehmung beschäftigt. Die Studie besteht eigentlich aus fünf verschiedenen Experimenten, von denen uns hier jedoch nur eines beschäftigen soll. Es geht so: Lisa DeBruine lagerte am Computer 60 zufällig ausgesuchte Frauengesichter übereinander - auf diese Weise erhielt sie eine Art Prototyp, der den mathematischen Durchschnitt dieser Gesichter abbildet. Einen zweiten Prototyp baute sie dann aus den 15 attraktivsten Gesichtern aus dieser Gesichtssammlung zusammen. Hier das Ergebnis:

Links der „Normal”-Prototyp, rechts die übereinander gelagerten Schönheiten. Sie sehen, dass die Unterschiede recht diskret sind - wenn auch durchaus vorhanden. Um sie augenfälliger zu machen, stellte Lisa DeBruine nun Gesichter her, in denen die Unterschiede zwischen den beiden Prototypen stark übertrieben wurden - und zwar sowohl in die attraktive wie die unattraktive Richtung.

Wie Sie sehen, wird das schöne Gesicht durch die Übertreibung nur bis zu einem gewissen „Umschlagspunkt” (der in DeBruines Studie bei 250% Karikatureffekt lag) schöner, danach „kippt” die Schönheit erwartungsgemäß, weil sich das Gesicht allzu weit vom gewohnten Aussehen eines Menschengesichtes entfernt hat.

Lisa DeBruine ging es mit dem eleganten Experiment darum, die sogenannte Durchschnittshypothese von Judith Langlois zu widerlegen, die sich seit ihrer ersten Formulierung 1990 erstaunlich (und meiner Meinung nach unverdient) hartnäckig hält (Demnach wäre Schönheit synonym mit (mathematischer) „Durchschnittlichkeit”). (2)

Aber mir geht es hier um etwas ganz anderes. Schon als ich die DeBruine’schen Bilder zum ersten Mal vor Augen hatte, stellte ich etwas irritiert fest: Die schöne Frau sieht glücklicher aus als die Durchschnittsfrau. Auf den Original-Prototypen ist der Glückseffekt fast nicht auszumachen, aber auf den Übertreibungs-Bildern kommt er deutlich zum Vorschein: Wenn Sie sich mal nur auf die Augenpartie konzentrieren, erkennen Sie, dass in der Richtung des Attraktivitätsvektors die Augen größer und offener werden, die Augenbögen geschwungener, fast könnte man meinen, die berühmte „heitere Stirn” der Klassiker zu erkennen. Mit übertriebener Unattraktivität kommt dagegen ein Anflug von Grimmigkeit ins Spiel. Noch deutlicher sehen Sie die Unterschiede beim Mund: Im Normalzustand sehen die Münder gleich aus, in der Übertreibung auf der attraktiven Seite eher freundlich, auf der anderen Seite dagegen - nun ja, mürrisch.

Hä? - Die Schönen sehen glücklicher aus? Was soll DAS denn?

Gut. Könnte ja sein, dass die Schönen tatsächlich glücklicher sind. - Ist aber nicht so, sagt uns die Glücksforschung (zumindest nicht bei Frauen - dazu aber vielleicht ein anderes Mal mehr in diesem Theater).

Also handelt es sich bei der DeBruine‘schen Glücksspur um einen blöden Zufall? Ein Artefakt? Leider lässt uns die Autorin mit dieser Frage im Regen stehen (was mich ehrlich gesagt ein bisschen geärgert hat). Aber gut, Lisa DeBruine hat mit ihrem Experiment ja auch ganz andere Absichten verfolgt, sei’s drum.

Nun, gibt es vielleicht DOCH eine Erklärung für den Glücks-Effekt?

Vielleicht. Wer sie finden will, muss allerdings in einer ganz anderen Wissenschaftsdisziplin suchen - bei den Neurowissenschaften, noch genauer, bei Alexander Todorov, einem Wahrnehmungspsychologen von der Universität Princeton. In seinem Social Neuroscience Lab geht er der Frage nach, wie der „erste Eindruck” entsteht, den uns ein Gesicht vermittelt. Insbesondere: Woran liegt es - das ist Todorovs Hauptanliegen - dass wir das eine Gesicht als vertrauenswürdig einstufen, das andere aber nicht?

Nach Todorovs Ergebnissen spielt hier die Wahrnehmung von Emotionen eine ganz wesentliche Rolle. Wenn wir die guten oder bösen Absichten unseres Gegenübers erkennen wollen, müssen wir die Gefühle lesen können, die es auf seinem Gesicht trägt - und zwar idealerweise blitzschnell, bevor wir den Prügel auf dem Kopf haben.

Todorovs Team arbeitet mit (sowohl echten als auch computergenerierten) Gesichtern, die als 3D-Gitternetz mathematisch kodiert sind (s. Abbildung). Es kann damit den Zusammenhang zwischen der Gestalt eines Gesichtes und dem Persönlichkeitseindruck, den es bei Probanden auslöst in exakte Zahlen fassen. Und damit die Frage beantworten, welche Hinweisgeber im Gesicht es eigentlich sind, die uns das Gefühl geben: “diesem Menschen kannst du vertrauen”. Hat es mit der Augengröße zu tun? Der Lage der Brauen? Der Position der Mundwinkel?

Nach tausenden von Bewertungs-Durchläufen weiß Todorov: Die als vertrauenswürdig wahrgenommenen Gesichter haben offenbar eine diskrete und bewusst nicht wahrnehmbare Ähnlichkeit mit Gesichtern, die den Ausdruck von Freude tragen.(3) Und das, obwohl die untersuchten Gesichter in ihrer Mimik vollkommen neutral waren, also keinerlei Gefühlsregung zeigten! Umgekehrt - wenig vertrauenswürdig wirken (gefühlsneutrale) Gesichter dann, wenn sie mit Spuren der Emotion „Ärger” kontaminiert sind. Lesen wir in einem Gesicht die Gefühlsregung „Freude”, so interpretieren wir das als Annäherungs-Signal: „Hier kommt ein Freund!” - Lesen wir dagegen „ärgerlich”, rutscht der entsprechende Mensch in die Kategorie „potentieller Feind”.

Beim Lesen von Gesichtern unterläuft uns also offenbar eine systematische Verwechslung: Obwohl sie “eigentlich” gar keine Gefühlsbotschaft transportieren, lesen wir doch ein Gefühl in sie hinein - einfach deshalb, weil ihr Aussehen uns an diese Emotionen erinnert. Anders ausgedrückt: Wenn die genetische Lotterie einem Gesicht rein zufällig Merkmale beschert hat, die einem bestimmten Gefühlsausdruck ähneln - beispielsweise höhere oder tiefere Mundwinkel -, so können wir gar nicht anders, als in diesem Gesicht das entsprechende Gefühl wahrzunehmen.

Ein klarer Fall von Verwechslung, denn dieses Gefühl ist ja gar nicht vorhanden. Wahrnehmungspsychologen wie Todorov sprechen bei solchen „Verwechslungen” von overgeneralization, also Über-Verallgemeinerung: Wir verallgemeinern die Botschaft eines Reizes (in unserem Fall die Botschaft „ich freue mich”) automatisch auf einen anderen Reiz, sobald dieser dem ursprünglichen Reiz ähnelt. (Ein anderes Beispiel für einen solchen Verallgemeinerungsreflex ist, wenn wir in einem vorbeihuschenden Passanten einen Bekannten zu erkennen meinen - identity overgeneralization (4) in der Wissenschaftssprache).

Was hat das nun aber mit Schönheit zu tun? - Eine ganze Menge, wie Alexander Todorov herausgefunden hat. Im vieldimensionalen „Gesichts-Raum” seiner Probanden haben nämlich der Attraktivitäts- und der Vertrauenswürdigkeitsvektor eine erstaunlich übereinstimmende Ausrichtung. Will heißen: „Vertrauenswürdigkeit” und „Attraktivität” überschneiden sich in unserer Wahrnehmung in höchstem Maß. (5) Und Vertrauenswürdigkeit wiederum ist, wie wir nun wissen, an die “Gefühlsspuren” gekoppelt, die wir in manchen Gesichter zu erkennen meinen. - Man könnte es vereinfacht auch so ausdrücken: Wer glücklich aussieht lässt bei uns die Vertrauenssaite klingen, und wer als vertrauenswürdig wahrgenommen wird, wird auch als anziehend empfunden.

Auf die zugrundeliegenden mentalen Prozesse werde ich an anderer Stelle noch eingehen. Hier ist nur folgendes wichtig: Sie vollziehen sich vollkommen unbewusst und reflexartig, und zwar blitzschnell (nämlich innerhalb der ersten 100 Millisekunden einer Begegnung (6)).

Zum Schluss noch eine kleine Bemerkung: Die von Todorov untersuchte “Gefühlsspur” ist wohlgemerkt nur eines von vielen Puzzlestücken, aus denen das große Rätsel der menschlichen Schönheit besteht - nach meiner Einschätzung allerdings ein besonders wichtiges. Welche anderen Faktoren bei der Entstehung des Signals „Attraktivität” mitwirken, wird uns noch beschäftigen.

.

.

Für die Profis unter uns:

(1) DeBruine LM, Jones BC, Unger L, Little AC, & Feinberg DR (2007). Dissociating averageness and attractiveness: Attractive faces are not always average. Journal of Experimental Psychology: Human Perception & Performance, 33, 1420-1430

(2) Langlois, JH & Roggman, LA (1990). Attractive faces are only average. Psychological Science, 1, 115-121.

(3) Oosterhof, NN & TodorovA (2008). The functional basis of face evaluation, Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA, 105, 11087-11092

Todorov, A, Said, CP, Engell, AD & Oosterhof, NN (2008). Understanding evaluation of faces on social dimensions, Trends in Cognitive Sciences, 12, 455-460

(4) Zebrowitz, LA, & Montepare, JM (2008). Social psychological face perception: Why appearance matters. Social and Personality Compass, 2, 1497-1517

(5) Ein weiterer Hinweis auf mögliche verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Schönheits- und Vertrauenssignalen ergibt sich aus der in beiden Fällen nichtlinearen - U-förmigen Aktivierung der Amygdala (Said, C. P., Baron, S., & Todorov, A. (2009). Nonlinear amygdala response to face trustworthiness: Contributions of high and low spatial frequency information, Journal of Cognitive Neuroscience, 21, 519-528.- Siehe auch: Winston, JS et al. (2007): Brain systems for assessing facial attractiveness. Neuropsychologia 45: 195-206)

(6) Willis, J & Todorov, A (2006): First Impressions: Making Up Your Mind After a 100-Ms Exposure to a Face Psychological Science, 17/7, 592-598

3. April 2009

Trampen und Körbchengröße

Wie Sie wissen, bringt dieser Blog nicht nur Denkwürdiges, sondern auch Merkwürdiges. In beiden Kategorien hat die Attraktivitätsforschung einiges zu bieten - heute ist mal die zweite Kategorie dran. „Bustsize and Hitchhiking” - Oberweite und Trampen - heißt der Titel dieser Arbeit, die von einem französischen Psychologie-Professor namens Nicolas Gueguen von der Universität der Süd-Bretagne veröffentlicht wurde. Es handelt sich um eine sogenannte Feldstudie, also ein Experiment unter lebensechten Bedingungen, das folgendermaßen ging: Eine 20 Jährige Studentin wurde an ein paar warmen Sommertagen an einer gut befahrenen Straße in der Bretagne postiert - Jeans, weiße Turnschuhe, weißes T-Shirt, schön eng anliegend. Ihre Aufgabe war es, den Daumen rauszuhalten und sich mitnehmen zu lassen. Von der anderen Straßenseite aus wird das Geschehen unauffällig aus einem parkenden Auto heraus beobachtet und dokumentiert: Wie viele Autos fahren vorbei, wie viele halten an? Männer oder Frauen?

Jetzt aber zur Oberweite. „Nicht viel”, nämlich Körbchengröße A war das Kriterium, nach der die junge Tramperin aus einer Gruppe von Studentinnen für das Experiment ausgewählt worden war. Was nicht ist, kann ja noch werden, nach diesem Motto wurde die Studentin nun mit einem BH ausgestattet, mit dem sie ihre Oberweite „experimentell verändern” konnte, wie es in der Studie steht - will heißen, dass sie ihren BH mit Latexeinlagen auf Körbchengröße B und C aufpolstern konnte. Nach der ersten Stunde am Straßenrand war Größe B dran, eine weitere Stunde später C, danach das ganze wieder von vorne. Und so ging das ein paar Tage lang - bis statistisch einwandfrei erwiesen war: Oberweite bringt’s. Allerdings nur, wenn man mit Männern fahren will. Auf Frauen hatten die jeweiligen Verwandlungen keinerlei Wirkung. Aber auch bei den Männern war der Oberweiten-Effekt alles andere als dramatisch. Zwischen Körbchengröße A und B war überhaupt kein Unterschied zu verzeichnen. Nur C steigerte die Hilfsbereitschaft der Autofahrer, und zwar um ungefähr ein Viertel. Was D bewirkt hätte, bleibt reine Spekulation, denn das hat der bretonische Professor nicht untersucht.

.

Gueguen, N. (2007). Bust size and hitchhiking: A field study. Perception and Motor Skills, 105, (3, part 2), 1294-1298

.

2. April 2009

Schönheit, Intelligenz und Management

Eine kleine aber feine Wirtschafts-Zeitschrift namens „Revue für postheroisches Management” bringt dieser Tage eine Nummer zum Thema „Intelligent entscheiden”. Ich war gebeten worden, darin etwas über „Schönheit als Entscheidungsprämisse” zu schreiben. Da musst du nur die Studien und Aufzeichnungen rauskramen, die du zu den vielfältigen Wirkungen von Attraktivität im Wirtschaftsleben hast, und fertig ist die Sache. So dachte ich mir das damals, als ich Herrn Groth, dem Herausgeber, zusagte.

Also munter drauf losgeschrieben: Schöne Menschen bekommen im statistischen Durchschnitt leichter einen Job und machen schneller Karriere als weniger schöne. Attraktive Berufstätige verdienen mehr (nämlich zehn Prozent, wenn man das obere Drittel auf der Schönheitsskala mit dem unteren Drittel vergleicht - der Wert gilt für Männer und Frauen gleichermaßen). Im Außendienst steigt der Umsatz der Mitarbeiter linear mit ihrem Aussehen. Groß gewachsene Manager haben deutlich größere Chancen, einmal ganz oben in der Chefetage zu landen als ihre kleiner gewachsenen Kollegen.

Wer daran schuld ist, darum ging es dann im zweiten Teil des Artikels - nämlich das sogenannte Attraktivitätsstereotyp: Menschen vermengen unbewusst das Schöne mit dem Guten. Schönen Menschen wird mehr Vertrauen entgegengebracht und auch mehr zugetraut. Wir halten sie für intelligenter, integrer und fähiger als optisch weniger anziehende Mitmenschen. Man weiß heute, dass es sich beim Attraktivitätsstereotyp um einen angeborenen Reflex handelt, der schon in den ersten Millisekunden einer Begegnung ausgelöst wird - eine Art Übersprungshandlung unseres archaischen Wahrnehmungssystems, die man vielleicht als „Kollateralschaden der Evolution” bezeichnen könnte - so schöne Worte habe ich dafür jedenfalls in meinem Artikel gefunden.

Nur - dass die Sache quasi einen biologischen Grund hat, ändert nichts daran, dass es sich um einen Skandal erster Güte handelt. Denn die Vorzugsbehandlung der Schönen hat mit deren tatsächlichen Fähigkeiten nicht das Geringste zu tun. (1)

Was also tun gegen die aussehensbedingte Diskriminierung? - Damit wollte ich meinen Artikel abschließen. Habe mich also in die wissenschaftliche Antidiskriminierungsliteratur vertieft, mit Personalentwicklern und -beratern diskutiert, und bin zu dem Schluss gekommen: Es ist dringend notwendig, dass sich diejenigen, die in Unternehmen für Personalentscheidungen zuständig sind, darüber bewusst werden, wie sehr auch in ihren Köpfen das Attraktivitätsstereotyp regiert. Dass Entscheidungen aufgrund von möglichst objektiven Kriterien getroffen werden und permanent vom kritischen Verstand überprüft werden. Dass Fotos aus Bewerbungsmappen verbannt werden etc. pp. - Und zwar nicht nur aus Gerechtigkeitsfanatismus, sondern auch im ureigenen Interesse des Unternehmens. Denn was ist es anderes als Wertvernichtung, wenn bei der Personalauswahl ein Kandidat aufgrund von Äußerlichkeiten gegenüber einem anderen bevorzugt wird, der für den Job besser geeignet wäre? Wer diskriminiert, zahlt einen Preis - diese Botschaft sollte der Leser mit nach Hause nehmen.

Als ich das mit fliegenden Fahnen runterschrieb, machte sich in meinem Kopf plötzlich ein Gedanke selbständig. Und dazu so ein Gefühl: Irgendetwas stimmt da nicht. - Was ist eigentlich, wenn Personalabteilungen und Assessment-Center meine Empfehlungen wirklich umsetzen? - Also wirklich alle Bewerber dieselben Chancen hätten, ob schön oder hässlich, Hüne oder Zwerg? - Habe ich nicht vorher im Detail belegt, dass attraktive Außendienstler mehr Umsatz machen als weniger attraktive? Kann es denn im Interesse einer Firma sein, auf diesen „schönheitsbedingten Mehrwert” zu verzichten? Wäre nicht gerade das Wertvernichtung? - Oder bei den Führungskräften: Es IST nun einmal so, und von Studien bis zum Abwinken nachgewiesen, dass die Attraktiveren (und Größeren) bei ihren Mitmenschen über einen Vertrauensvorschuss verfügen; dass man sich von ihnen eher überzeugen lässt; und dass sie mehr Ansehen genießen. Wie rational ist dann eine Empfehlung, bei der Auswahl von Führungskräften vom Äußeren abzusehen? Schließlich sind Mitarbeiter, Kunden, Konkurrenten oder Verhandlungspartner auch nur Menschen - und unterliegen damit der heimlichen Verführungsmacht der Schönheit. Was nützt es, sich bei seinen Entscheidungen auf evolutionär brandneue Errungenschaften wie Verstand oder political correctness zu stützen, wenn die Entscheidungen der anderen den Uralt-Reflexen aus der Steinzeit folgen?

Sie sehen schon, auf welche Gemeinheit das alles hinausläuft. Und auf was für interessante Diskussionen - an denen für mich persönlich am Interessantesten ist: dass sie noch nie geführt wurden … Unter Managern ist Schönheit immer noch ein Tabu.

Wer den Artikel lesen will, kann ihn hier herunterladen. (Bitte folgendermaßen zitieren: Ulrich Renz (2009): Schönheit als Entscheidungsprämisse, Revue für Postheroisches Management, 4, 106-115

.

Für die Profis unter uns:

(1)   „Nicht das Geringste” ist nicht ganz richtig: Schönere Menschen haben weniger Schönen gegenüber in manchen Bereichen tatsächlich etwas voraus - etwa bei den „sozialen Fähigkeiten” wie Offenheit und Einfühlungsvermögen. Der Zusammenhang ist jedoch recht schwach und betrifft in der Regel nur den unteren Bereich der Attraktivitätsskala. Das Thema wird uns noch beschäftigen… An der Tatsache, dass die stereotype Zuordnung von schön und gut in aller Regel falsch ist und damit ungerecht, ändert es nichts.

.

Für alle, die es ganz genau wissen müssen - zitierte Primärliteratur:

Ahearne, M, Gruen, T & Jarvis, C (1999): If Looks Could Sell: Moderation and Mediation of the Attractiveness Effect on Salesperson Performance. International Journal of Research in Marketing (16), 269-284

Andreoni, J & Petrie, R (2004): Beauty, Gender and Stereotypes: Evidence from Laboratory Experiments. Journal of Economic Psychology, 29(1), 73-93

Averett, S & Korenman, S (1996): The Economic Reality of The Beauty Myth, Journal of Human Resources, 31, 2, 304-330

Bar, M, Neta, M & Linz, H (2006): Very first impressions. Emotion, 6(2), 269- 278

Becker, G (1957): The Economics of Discrimination, Chicago University Press, Chicago

Belot, M, Bhaskar, V & Van de Ven, J (2007): Insidious Discrimination? Disentangling the Beauty Premium on a Game Show(April 2007). CEPR Discussion Paper No. 6276.

Biddle, JE, & Hamermesh, DS (1998): Beauty, productivity, and discrimination: Lawyers’ looks and lucre. Journal of Labor Economics, 16, 172-201

Caballero, MJ & Pride, WM (1984): Selected Effects of Salesperson Sex and Attractiveness in Direct Mail Advertisements. Journal of Marketing, 48, 94-100

Cipriani, G & Zago, A (2005): Productivity or Discrimination? Beauty and the Exams. Paper provided by Università di Verona, Dipartimento di Scienze economiche in its series Working Papers with number 18.

Chaiken, S (1979): Communicator Physical Attractiveness and Persuasion. Journal of Personality and Social Psychology, 37, 1387-1397

Chiu, R & Babcock, R (2002): The relative importance of facial attractiveness and gender in Hong Kong selection decisions. International Journal of Human Resource Management, 13(1): 1-14.

Dabbs, JM & Stokes, NA (1975): Beauty Is Power: The Use Of Space On The Sidewalk, Sociometry, Vol. 38, No. 4, pp 551-557, nach: Daamen, W, & Hoogendoorn, SP (2003): Experimental research on pedestrian walking behavior. In: Transportation Research Board annual meeting, Washington DC: National Academy Press, 1-16

Dannenmaier, WD & Thumin, FJ (1964): Authority status as a factor in perceptual distortion of size. Journal of Social Psychology, 63, 361-365

Debono, KG & Harnish, RJ (1988): Source expertise, source attractiveness, and the processing of persuasive information-a functional approach. J. Pers. Soc. Psych. 55: 541-546.

DeShields, OW, Kara, A & Kaynak, E (1996): Source effects in purchase decisions: the impact of physical attractiveness and accent of salespersons. International Journal of Research in Marketing, 13(1), 89-101

Dickey-Bryant, L et al. (1986): Facial attractiveness and its relation to occupational success. J. Appl. Psychol. 71: 16-19

Dipboye, RL et al. (1977): Sex and physical attractiveness of raters and applicants as determinants of resume credentials. J. App. Soc. Psych. 62: 288-294.

Dommeyer, CJ & Ruggiero, LA (1996): The Effects of a Photograph on Mail Survey Response. Marketing Bulletin, 7, 51-57

Downs, AC, & Lyons, PM. (1991): Natural observances of the links between attractiveness and initial legal judgements. Personality and Social Psychology, 10, 418-421

Eckel, C. (2007). People playing games: The human face of experimental economics . Southern Economic Journal, 73, 841-857

Eckel, C and Wilson, R (2004): Attractiveness and Trust: Does Beauty Confound Intuition? Department of Economics, Virginia Tech, Revised, March, 2005.

Frieze, IH, Olson, JE & Russel J (1991) Attractiveness and income for men and women in management. Journal of Applied Social Psychology, 21, 1039-1057

Hamermesh, DS & Parker, AM (2003). Beauty in the Classroom: Professors’ Pulchritude and Putative Pedagogical Productivity. NBER Working Papers, 9853.

Hamermesh, DS & Biddle, JE (1994): Beauty and the labor market. American Economic Review, 84(5), 1174-1194.

Hamermesh, DS, Meng, X & Zhan, J (2002): Dress for Success - Does Primping Pay? Labour Economics 9:361-373.

Harper, B (2000): Beauty, Stature and the Labour Market: A British Cohort Study, Oxford Bulletin of Economics and Statistics, 62(s1): 771-800

Harris, JR (2002). Ist Erziehung sinnlos? Warum Kinder so werden, wie sie sind. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt

Heilman, ME & Stopeck, MH (1985a): Being attractive, advantage or disadvantage? Organizational Behavior and Human Performance, 35, 202-215.

Heilmann, ME & Stopeck, MH (1985b): Attractiveness and corporate success: different casual attributions for males and females. J. App. Psych. 70: 379-388

Heilmann, M & Saruwatari, L (1979). When Beauty Is Beastly: The Effects of Appearance and Sex on Evaluation of Job Applicants for Managerial and Nonmanagerial Jobs. Organizational Behavior and Human Performance, 23, 360­372.

Heineck, G (2005): Up in the Skies? The Relationship between Body Height and Earnings in Germany. LABOUR, 19 (3), 469-489.

Henss, R (2001): Social perceptions of male pattern baldness. A review. Psychosomatics & Dermatology, 2, 63-71

Hönekopp, J. (2006): Once more: is beauty in the eye of the beholder? Relative contributions of private and shared taste to judgments of facial attractiveness. Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance,32, 199-209

Horai, J, Naccari, N & Fatoullah, E (1974): The effects of expertise and physical attractiveness upon opinion agreement and liking. Sociometry, 37, 601-606

Hosoda, M, Stone-Romero, EF & Coats, G (2003). The effects of physical attractiveness on job-related outcomes: a meta-analysis of experimental studies. Personnel Psychology, 56 (2), 431-462

Jackson, LA (1983): Gender, physical attractiveness, and sex roles in occupational treatment discrimination: the influence of trait and role assumptions. J. App. Soc. Psych., 13, 5, 443-458

Judge, TA & Cable, DM (2004): The effect of physical height on workplace success and income: Preliminary test of a theoretical model. Journal of Applied Psychology, 89, 428-441

Kahn, A, Hottes, J & Davis, W (1971): Cooperation and Optimal Responding in the Prisoner’s Dilemma Game: Effects of Sex and Physical Attractiveness, Journal of Personality and Social Psychology 17(3), 267-279.

Kalick, SM (1988). Physical attractiveness as a status cue. Journal of Experimental Social Psychology, 24, 469-489

Klein & Rosar (2006): Das Auge hört mit! Zeitschrift für SSoziologie 35: 305-316

Krebs, D & Adinolfi, AA (1975). Physical attractiveness, social relations, and personality style. Journal of Personality and Social Psychology, 31, 245-253

Landry, C, Lange, A, List, J, Price, M & Rupp, N (2006): Toward an Understanding of the Economics of Charity: Evidence from a Field Experiment. Quarterly Journal of Economics 121(2), 747-782

Langlois, JH, Kalakanis, L, Rubenstein, AJ, Larson, A, Hallam, M & Smoot, M (2000): Maxims or myths of beauty? A meta-analytic and theoretical review. Psychological Bulletin, 126, 390-423

Leigh, A & Borland, J (2007): Unpacking the Beauty Premium: Is it looks or Ego?, mimeo

Lempert, D (2007): Women’s Increasing Wage Penalties from Being Overweight and Obese, Working Papers 414, U.S. Bureau of Labor Statistics

Marlowe, CM et al. (1996). Gender and attractiveness biases in hiring decisions: Are more experienced managers less biased? J. App. Psych. 81: 11-21

Mobius, M., & Rosenblat, T. (2006): Why beauty matters. American Economic Review, 96(1), 222-235.

Mulford, M, Orbell, J, Shatto, C, & Stockard, J (1998): Physical attractiveness, opportunity, and success in everyday exchange. American Journal of Sociology, 103(6), 1565-1592

Pallak, SR 1983: Salience of a communicators physical attractiveness and persuasion: a heuristic versus systematic processing interpretation. Social Cognition 2: 158-170. 21

Persico, NA, Postlewaite & Silverman, D (2004): The Effect of Adolescent Experience on Labor Market Outcomes: The Case of Height, Journal of Political Economy 112, 1019-1053

Pfann, GA, Biddle, JE, Hamermesh, DS & Bosman, CM (2000). Business Success and Businesses’ Beauty Capital. Economics Letters, 67(2), 201-207.

Ramsey, JL, & Langlois, JH (2002): Effects of the “beauty is good” stereotype on children’s information processing. Journal of Experimental Child Psychology, 81, 320-340

Ravina, E. (2008): Love and Loans: the Effect of Beauty and Personal Charachteristics in Credit Markets, Working paper, New York University

Reingen, P & Kernan, JB (1993): Social Perception and Interpersonal Influence: Some Consequences of the Physical Attractiveness Stereotype in a Personal Selling Setting. Journal of Consumer Psychology, 2, 25-38.

Rennenkampff, Anke von (2004) Aktivierung und Auswirkungen geschlechtsstereotyper Wahrnehmung von Führungskompetenz im Bewerbungskontext Dissertation

Rosenblat, T (2008): The Beauty Premium: Physical Attractiveness and Gender in Dictator Games, Negotiation Journal, 24, 4, 465-481

Rost, D (1993). Attraktive Grundschulkinder. In: Hassebrauck, M & Niketta, R (Hrsg., 1993). Physische Attraktivität. Göttingen: Hogrefe, 271- 306

Roszell, P, Kennedy, D & Grabb, E (1989). Physical attractiveness and income attainment among Canadians. Journal of Psychology, 123, 547-559

Sanhueza, C, Bravo, R & Giusti, O (2008): Belleza y su Efecto en el Mercado Laboral: Evidencia para Chile. Documento de Trabajo N° 204. Departamento de Economía, Univesidad ILADES Georgetown.

Sargent, J & Blanchflower, D (1994): Obesity and stature in adolescence and earnings in young adulthood. Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine, 148: 681-687

Senior, C, Thomson, K, Badger, J, Butler, M (2007): Interviewing strategies in the face of beauty : A psychophysiological investigation into the job negotiation process, Ann N Y Acad Sci, 1118:142-62.

Senior, C (2003): Beauty in the brain of the beholder. Neuron 38: 525-528

Shahani-Denning Comila (2003): Physical Attractiveness Bias in Hiring: What is Beautiful is good. Hofstra University Press.

Solnick, S, & Schweitzer, M (1999): The influence of physical appearance and gender on ultimatum game decisions. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 79(3), 199-215.

Stevenage, SV & McKay, Y (1999): Model applicants: the effect of facial appearance on recruitment decisions. British Journal of Psychology, 90, (2), 221-234

Todorov, A & Engell, A (in press): The role of the amygdala in implicit evaluation of emotionally neutral faces. Social, Cognitive, & Affective Neuroscience

Todorov, A (2008): Evaluating faces on trustworthiness: An extension of systems for recognition of emotions signaling approach/avoidance behaviors. In: The Year in Cognitive Neuroscience 2008, Annals of the New York Academy of Sciences. - Kingstone A, Miller M, eds. (2008) 1124:208-24

Todorov, A & Duchaine, B (in press): Reading trustworthiness in faces without recognizing faces. Cognitive Neuropsychology

Todorov A, Baron SG, Oosterhof NN (In press): Evaluating face trustworthiness: a model based approach. Social, Cognitive, & Affective Neuroscience [Epub ahead of print; doi:10.1093/scan/nsn009].

Viner RM & Cole TJ (2005): Adult socioeconomic, educational, social, and psychological outcomes of childhood obesity: a national birth cohort study. BMJ, 330, 1354.

Watkins, LM & Johnston, L (2000): Screening job applicants: the impact of physical attractiveness and application quality. I.J. Select. Assess. 8: 76-84

Webster, M & Driskell, JE (1983): Beauty as Status. American Journal of Sociology, 89, 140-165

Willis J. & Todorov A. (2006): First impressions: Making up your mind after 100 ms exposure to a face. Psychological Science, 17, 592-598

Wilson, R & Eckel, C (2006): Judging a book by its cover: Beauty and expectations in the trust game. Political Research Quarterly, 59(2), 189-202

Wilson, PR (1968): Perceptual distortion of height as a function of ascribed academic status. Journal of Social Psychology, 74, 97-102

Winston, JS et al. (2007): Brain systems for assessing facial attractiveness. Neuropsychologia 45: 195-206

Young, JW (1980). The effects of perceived physician competence on patients’ symptom disclosure to male and female physicians. Journal of Behavioral Medicine, 3, 279-290

Zebrowitz, LA & Rhodes, G (2004): Sensitivity to bad genes and the anomalous face overgeneralization effect: Cue validity, cue utilization, and accuracy in judging intelligence and health. Journal of Nonoverbal Behavior, 28, 167-185

Zuckerman, M & Driver, R (1989). What sounds beautiful is good: The vocal attractiveness stereotype. Journal of Nonverbal Behavior, 13, 67-82.

Zuckerman, M, Hodgins, H & Miyake, K (1990). The vocal attractiveness stereotype: replication and elaboration. Journal of Nonverbal Behavior, 14, 97-112

.

30. März 2009

Von Affen, Läusen und nackter Haut

Affen (Photo: Eric C Matthews) und Menschen beim Lausen (Jan Siberechts, Cour de ferme, 1662. Musée des Beaux-Arts, Brussels, Belgium. Aus Weiss 2009 (siehe Literatur)

Könnte schon sein, dass Sie auch gleich das Gefühl bekommen, mich laust der Affe.

Wir sind immer noch bei der Frage, warum der Mensch als einziger Affe nackt ist. In meinem letzten Post bin ich die Antwort schuldig geblieben - Spannung muss sein. Aber immerhin wissen Sie jetzt, WIE LANGE der Mensch sein Fell schon los ist: 1,2 Millionen Jahre. Mindestens.

Um dieses „Mindestens” geht es heute, und damit um ein Tierchen, das unter Menschen keinen besonders guten Ruf hat: die Laus. Wie Sie vielleicht wissen, hat es der Mensch mit drei Arten davon zu tun (und ist auch darin eine biologische Extrawurst, die meisten Säugetiere beherbergen nämlich nur eine Laus):

  • die Kopflaus, die nur und ausschließlich im Haupthaar wohnt, und die jeder kennt, der Kinder hat
  • die Filzlaus, die nicht jeder kennt und die (so gut wie) ausschließlich die Schamhaare besiedelt
  • und die Kleiderlaus - in guten Zeiten meist auch eher unbekannt - die in körperwarmer Kleidung vorkommen kann.

Ein Evolutionsgenetiker aus dem sonnigen Florida namens David Reed hat sich nun die Familiengeschichte dieser Tiere vorgenommen (1) und dabei einen kleinen Schock bekommen. Wie alle Biologen war auch er davon ausgegangen, dass die drei Läusearten von derselben Urmenschen-Laus abstammen. Für die Kopf- und Kleiderlaus stimmt das zwar durchaus - aber die Filzlaus? - stammt von ganz wo anders her. Nämlich von der Gorilla-Laus! WIE um alles in der Welt sie vom Gorilla bei uns gelandet ist, weiß kein Mensch und wird auch keiner je wissen (muss aber, wie David Reed betont, nicht unbedingt mit einem „King-Kong-Szenario” zu tun haben). Aber WANN sie den großen Sprung vom Gorilla zum Menschen schaffte - das konnte der Läuseforscher anhand von Mutationen ziemlich genau datieren: vor 3,3 Millionen Jahren.

Die Idee, dass dieses Datum möglicherweise etwas mit dem Beginn der menschlichen Nacktheit zu tun haben könnte, stammt nun gar nicht von David Reed selber, sondern von einem (ebenfalls aus Florida stammenden) Kollegen namens Robin Weiss. Der Gedanke ist ihm, wie er selber sagt, unter der Dusche gekommen, nachdem der von Reeds Läuse-Forschungen gelesen hatte. Er geht so: Der überraschende Wirtswechsel (wie Biologen sagen) konnte nur unter der Voraussetzung stattfinden, dass der Mensch bereits über ein „Biotop” verfügte, das dem angestammten Lebensraum der Gorilla-Laus ähnelte. Und der zeichnete sich vor allem durch schön dickes, kräftiges Haar aus. Dieses Biotop muss das menschliche Schamhaar gewesen sein, das in der Tat deutlich dicker als das restliche Menschenhaar ist. (Was für uns Menschen vielleicht einen kleinen Unterschied macht, macht für Läuse den Unterschied zwischen einem guten Leben und „Runterpurzeln”). Der Mensch, so Robin Weiss, muss also schon zum Zeitpunkt des großen Sprungs seine Schamhaare bereits gehabt haben. Und das wiederum heißt mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit: Er muss schon nackt gewesen sein.

Die letzte Schlussfolgerung stützt Weiss auf die Beobachtung, dass das dichte Schamhaar des Menschen unter Affen genauso einzigartig ist wie die Nacktheit der übrigen Haut. Bei allen Affenarten mit Ausnahme von Homo sapiens ist die Schamgegend tendenziell eher weniger behaart als der Rest des Körpers. Aus welchem Grund ist beim Menschen nun aber der Haarbusch zwischen den Beinen entstanden? - Robin Weiss geht, wie viele andere Biologen auch, davon aus, dass das Schamhaar die sexuelle Reife seines Besitzers bzw. seiner Besitzerin signalisieren soll. Wenn dem so ist, muss das menschliche Schamhaar also erst aufgekommen sein, NACHDEM der Mensch seine Körperbehaarung verloren hatte. Eine alternative Erklärung für das menschliche Schamhaar hat mit den Duftdrüsen zu tun, die sich in diesem Bereich entwickelt haben: Demnach ist es (ähnlich wie das Haar der Achselhöhlen) zu dem Zweck entstanden, die dort produzierten Sekrete effektiver zu „zerstäuben”.

Möglicherweise haben beide Theorien Recht, ausschließen tun sie sich jedenfalls nicht. Was für die Theorie vom Schamhaar als OPTISCHEM Signal spricht, ist die Tatsache, dass sich die Geschlechter in der Form der Intimbehaarung unterscheiden - vor allem aber die Auffälligkeit dieses neuen Haarapparates.

Menschliche Haarlosigkeit also schon vor 3 Millionen Jahren? Damals war der „Mensch” gerade mal auf halbem Weg zum Homo sapiens: lebte noch überwiegend in den Bäumen, hatte ein Schmalhirn von höchstens 500 ml (und damit einem knappen Drittel von unsereinem) und war kaum mehr als einen Meter groß. Aber immerhin: Er ging schon auf zwei Beinen, wie wir von Lucy, der berühmtesten Vertreterin dieser Menschensorte wissen.

Wenn Robin Weiss mit seiner Läuse-Story recht hat, war Lucy also schon nackt, allerdings nicht zwischen den Beinen. Ich hätte mir auch nicht träumen lassen, was man von Läusen alles lernen kann.

.

Für die Nerds unter uns:

(1)   Reed et al 2007. Einen schönen Überblick über die aktuellen evolutionsgenetischen Forschungen an der Laus gibt Robin Weiss (2009) (darin findet sich auch der Originalartikel von Reed et al 2007)

Literatur

Reed DL, Smith VS, Hammond SL, Rogers AR, Clayton DH: Genetic analysis of lice supports direct contact between modern and archaic humans. PLoS Biol 2004, 2:e340

Reed DL, Light JE, Allen JM, Kirchman JJ: Pair of lice lost or parasites regained: the evolutionary history of anthropoid primate lice. BMC Biol 2007, 5:7

Weiss, RA 2009: Apes, lice and prehistory. Journal of Biology 8:20

.


Wie doof muss man eigentlich sein?

In einem meiner letzten Posts zur „Problemzone Vagina” ging es um ein aufstrebendes medizinisches Fachgebiet, der ästhetischen Intimchirurgie: Kaum ist der optische Blickschutz über der Scham abrasiert oder weggewachst, kommen die Schamlippen ins Visier. - „Wie doof muss man eigentlich sein?” war mein spontaner Kommentar.

Jetzt, wo ich ein bisschen nachgedacht habe, bin ich etwas milder gestimmt. Ein Blick durch die Geschichte und um den Globus zeigt, dass der neue Aufreger Intimchirurgie SO aufregend auch nicht ist. Klar ist „Schönheitswahn” die richtige Diagnose, aber was ist damit gesagt? - Zu ALLEN Zeiten und ÜBERALL waren die Menschen BESESSEN von ihrem Aussehen. Wer weiß, in welchen Primitiv-Zonen es in unserem Hirn funkt, wenn es um Schönheit geht, kann sich von der Vorstellung getrost verabschieden, dass der Verstand hier allzu viel Gewicht hat. (Das Muster passt sicher mehr zu einem Heroinsüchtigen vor dem nächsten Schuss als zu einem Philosophen, der über seinem Aufsatz brütet).

Bis ins letzte Jahrhundert hinein zwängte sich die Hälfte der „zivilisierten” Menschheit in einen Apparat aus Walfischgräten oder Stahlschienen, der kaum noch Platz zum Atmen ließ. Im 18. Jahrhundert hätte sich kein respektables Mitglied der Oberschicht ohne eine monströse, mit einer dicken Mehlschicht bedeckten Perücke und einen gipsartigen Anstrich im Gesicht aus dem Haus getraut. Oder die Manie der „Lotusfüßchen” im vorrevolutionären China, wo erst ein Barbar namens Mao kommen musste, um seinem Volk einzuprügeln, dass Frauen auch ohne Gehbehinderung schön sein können.

Erst recht der Schönheitsextremismus der „primitiven” Kulturen, der für mich immer noch am besten durch dieses Bild getroffen wird (aus: Julian Robinson, The Quest for Human Beauty. An Illustrated History, New York 1998):

Für die Angehörigen dieses nordamerikanischen Indianerstammes was es ausgemacht, dass man einen spitzen Schädel haben MUSS, um wie ein „Mensch” auszusehen und nicht wie die ganzen Wilden draußen im Wald. Die Säuglinge wurden deshalb in eine Konstruktion von Holzplatten eingespannt um den Schädel entsprechend zu verschönern.

Gerade bei „Natur”völkern besitzt Natürlichkeit keinen hohen Stellenwert. Der unveränderte Körper gilt als unzivilisiert, erst die bewussten Veränderungen machen ihn wahrhaft menschlich (bezeichnenderweise nennen viele Volksstämme sich selber schlicht „Menschen”). Und um auszusehen wie ein Mensch, wird so gut wie alles gemacht: Tellerlippen, Tatoos, Giraffenhälse, Ziernarben, durchbohrte oder sonstwie deformierte Körperteile.

Und a propos Designer-Vagina: Ich weiß zwar nicht mehr genau, wo ich darüber gelesen habe (ich glaube, es war in dem Buch, aus dem auch das Bild der spitzköpfigen Indianer stammt), da wird ein Volk beschrieben, dessen Frauen von klein auf Gewichte an ihre Schamlippen hängen, damit diese möglichst weit hinunter hängen.

Fazit: „Schönheitswahn” ist alles andere als ein Monopol unserer Zeit. Was sich vielleicht geändert hat: Schönheitsverbesserung ist nicht mehr nur einer kleinen Elite vorbehalten, sondern hat buchstäblich alle Schichten erfasst. Der Schönheitswahn ist quasi demokratisiert worden. Man muss kein Vermögen verdienen, um sich eine „Designervagina” leisten zu können.

Gut. Ich nehme also das „Wie doof muss man eigentlich sein?” zurück, und spreche den entsprechenden Frauen dafür „nur” mein Mitleid aus. - Und zeige den Kollegen, die da rumschnippeln, hiermit den Vogel.

.

27. März 2009

Warum schöne Frauen größer sind

Gut, das klingt jetzt wirklich nach Pop-Evolutionspsychologie der schlimmsten Sorte. Und noch schlimmer ist, dass hinter meinen heutigen Zeilen tatsächlich ein Mann steht, der bei der Verpoppung und Simplifizierung der evolutionären Wissenschaft ganz vorne mitspielt: Satoshi Kanazawa von der London School of Economics. In seinem Blog „The Scientific Fundamentalist” beschäftigt er sich mit der Frage, warum große Menschen im statistischen Durchschnitt intelligenter sind als kleinere. Ich will mich darüber hier nicht weiter verbreitern, sondern nur eine Argumentation aufnehmen, die in dem Artikel auftaucht: Da sich schöne Frauen tendenziell eher mit großen Männern zusammentun, sagt Satoshi Kanazawa, müssten die aus dieser Verbindung hervorgehenden Kinder sowohl schön als auch groß sein - zumindest tendenziell.

Was ist dran?

Die Idee dahinter ist schon mal richtig: Auch die Liebe ist nur ein Markt. Und Schönheit (zumindest weibliche) gehört auf diesem Markt eindeutig zu den „begehrten Gütern”. Eine Frau, die über dieses Gut verfügt, wird mehr Auswahl haben als eine, die nicht darüber verfügt. Und wird deshalb eher einen Partner wählen, der ebenfalls mit begehrten Gütern gesegnet ist. - Was an einem Mann begehrenswert ist, mag von Frau zu Frau unterschiedlich sein, aber dass auf den allermeisten Wunschlisten ein eher groß gewachsener Körper steht, dürfte keine Offenbarung sein. (Wenn Sie mir jetzt mit Richard Gere kommen … danke ich Ihnen für die Gelegenheit zur Klarstellung: Bei statistischen Zusammenhängen handelt es sich um den Vergleich von GRUPPEN und damit um Durchschnittswerte. - Dass Ausreißer wie Richard Gere in unserem Fall extrem selten sind, ist in hunderten von wissenschaftlichen Untersuchungen gezeigt worden. Bei Partnerbörsen im Internet beispielsweise klicken fast ALLE Frauen in ihrem Wunschprofil die Kästchen „über 1,80″ und darüber an.

Es ist also absolut plausibel, ja, geradezu zwangsläufig, dass schöne Frauen und große Männer überdurchschnittlich häufig zueinander finden. - Heißt das auch, dass Schönheit und Größe in der Kindergeneration vereinigt sind? - Ja, unter der Voraussetzung, dass beide Faktoren erblich sind (wie das Satoshi Kanazawa schlanker Hand behauptet). - Sind sie das wirklich? - Was die Körpergröße angeht, lautet die Antwort: JA, ohne Einschränkung. - Und für Schönheit? - Lautet sie: Ja, ABER … Das JA bezieht sich auf die WEIBLICHE Schönheit: In aller Regel erben Töchter die Schönheit (oder auch die Hässlichkeit) ihrer Eltern, und zwar von Papa und Mama gleichermaßen (1). Das ABER betrifft die Jungs: Die einzige existierende Untersuchung, die sich der Frage annimmt, ob sich elterliche Schönheit auch auf Söhne überträgt, kommt zu einem genauso überraschenden wie klaren NEIN (2). Ich werde dazu noch ausführlich Stellung nehmen.

Also, hat Satoshi Kanazawa recht? - Wir können die Frage jetzt beantworten: Ja, was die schönen, großen Frauen angeht, und nein - zumindest nach der aktuellen Datenlage - , wenn es um die schönen großen Männer geht.

In der Wissenschaft kann man nicht vorsichtig genug sein. Deshalb ändere ich hiermit auch die Überschrift dieses Posts, und zwar folgendermaßen: „Warum schöne Frauen größer sein MÜSSTEN” - denn BEWIESEN ist der Zusammenhang bisher noch nicht, mir ist jedenfalls keine entsprechende Studie bekannt. Satoshi Kanazawa hat jedoch eine angekündigt - ich werde Sie auf dem Laufenden halten.

.

Das Kleingedruckte für die Profis:

(1) MCGovern et al 1996 untersuchten weibliche Zwillinge und kommen bei deren Attraktivität auf einen Erblichkeitskoeffizient von r = 0,64. Rowe et al 1987 untersuchten eineiige Zwillingspärchen beider Geschlechter und kommen zu dem Ergebnis, dass sich die beiden Zwillinge in ihrer Attraktivität - wen wundert es? - kaum voneinander unterscheiden (r = 0,94). Da in der Studie aber nur eineiige, zusammen aufgewachsene Zwillinge untersucht wurden, kann eine Aussage über Erblichkeit nicht abgeleitet werden.

(2) Cornwell R. Elisabeth, Perrett David I. Sexy sons and sexy daughters: the influence of parents’ facial characteristics on offspring. Animal behaviour pp:1843-1853

Literatur

Cornwell R. Elisabeth, Perrett David I. Sexy sons and sexy daughters: the influence of parents’ facial characteristics on offspring. Animal behaviour pp:1843-1853

McGovern, RJ, Neale, MC & Kendler, KS (1996). The independence of physical attractiveness and symptoms of depression in a female twin population. Journal of Psychology, 130, 209-219

Rowe, DC, Clapp, M & Wallis, J (1989). Physical attractiveness and the personality resemblance of identical twins. Behavior Genetics, 17, 191-201

Warum sind wir eigentlich nackt?

Ich hätte eigentlich auch nicht gedacht, dass mir die Frage einmal schlaflose Nächte bereiten würde. Aber dann kam da diese Anfrage, etwas zum Thema „Der nackte Affe” zu sagen, kleiner Vortrag, 6 Minuten … - „Kein Problem, mach ich” - Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, auf was ich mich da einlasse.

Eine der ganz harten Nüsse. Von den 5500 Säugetierarten sind gerade mal eine Handvoll nackt, und von denen hat jeder seine guten Gründe, wie der Walfisch zum Beispiel, der im Wasser ohne Fell nun mal besser fährt. 193 Primaten tragen alle brav ihr Fell - nur einer muss aus der Reihe tanzen und läuft nackt herum. (Zumindest einigermaßen nackt - ganz verschwunden ist das Fell bei Homo sapiens nicht. Wir verfügen immer noch über die 5 Millionen Haarfollikel, die auch die anderen Affen haben, nur sind die Härchen jetzt so fein und pigmentfrei, dass sie unsichtbar geworden sind (von männlichen Südeuropäern einmal abgesehen). Dafür wächst uns auf dem Kopf jetzt dieser seltsame und ziemlich unpraktische Haarbusch, und will gar nicht mehr aufhören zu wachsen - was aus Sicht unserer Affen-Verwandten mindestens genauso kurios ist wie unsere nackte Haut.

Aber jetzt erst einmal zu der Frage, WIE LANGE das wohl schon geht, dass wir so nackt sind.

Eine Antwort kommt von einem Evolutionsgenetiker namens Alan Rogers von der University of Utah. Er interessiert sich für den Stammbaum eines Gens namens MC1R (Melanocortin Rezeptor), das eine zentrale Rolle bei der Pigmentbildung in der menschlichen Haut spielt. Dem haben wir es letztlich zu verdanken, dass wir vor dem schädlichen Einfluss der Ultraviolett-Strahlung geschützt sind. Alan Rogers spürte sog. stille Mutationen auf, die sich im Lauf der Zeit am MC1R-Genort angesammelt haben und die ihm nun bei seiner Suche nach dem Ursprung des Hautschutz-Gens als „molekulare Uhr” dienten. Wie lange gibt es das Gen schon? - Mindestens 1,2 Millionen Jahre, sagt Alan Rogers. Und zu diesem Zeitpunkt, so seine Schlussfolgerung, muss der Menschen-Vorfahre schon dabei gewesen sein, sein Fell zu verlieren - andernfalls hätte er nämlich schlicht keinen Bedarf an dem neumodischen Gen gehabt. Vorher dürfte Menschenhaut genauso hell und fellbedeckt gewesen sein wie es die anderer Affen auch heute noch ist.

Die Ergebnisse aus Utah legen zwei ziemlich überraschende Schlussfolgerung nahe: Erstens. Der Mensch war schon längst nackt, als er zum Menschen (also zum heutigen Homo sapiens) wurde - das ist nämlich erst lächerliche 200 000 Jahre her. Vor 1,2 Millionen Jahren waren wir gerade vom Wald in die Savanne übergesiedelt, nannten uns Homo erectus und hatten ein Hirnvolumen von 1000 cm3 (und damit 600 cm3 weniger als ein heutiges Menschenexemplar).

Die zweite Schlussfolgerung aus Rogers Hypothese: Auch der Neandertaler muss nackt gewesen sein. Denn der hat sich erst vor 250 000 Jahren von unserer Linie abgetrennt (wenn er das überhaupt jemals gemacht hat). Neuere Untersuchungen am Neandertaler-Genom am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig bestätigen nicht nur den Verdacht, dass der Neandertaler ohne eigenes Fell durch die eiszeitlichen Wälder zog, sondern legen auch nahe, dass bei seiner Haar- und Hautfarbe eine ziemliche Vielfalt geherrscht haben könnte (1)

Vielleicht erinnern Sie sich, dass Alan Rogers bei der Datierung der menschlichen Haarlosigkeit von MINDESTENS 1,2 Millionen Jahren gesprochen hat. Seiner Meinung nach ist es durchaus denkbar, dass das MH1C Gen einen (weniger effizienten) Vorfahren hatte, der dem damaligen Menschen schon ein gewisses Maß an Haarlosigkeit ermöglicht haben könnte, bevor es dann von der heutigen, besseren Version verdrängt wurde.

Tatsächlich gibt es Hinweise, dass wir Menschen wirklich schon deutlich länger nackt herumlaufen. Aber diese Geschichte erzähle ich beim nächsten Mal. Hier sei nur schon verraten, dass sie mit einem Tierchen zu tun hat, das landläufigerweise nicht so sehr geschätzt wird: der Laus.

.

Das Kleingedruckte für die Profis:

(1)   Lueza-Fox et al 2007. -Pressemitteilung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie Leipzig: http://www.mpg.de/bilderBerichteDokumente/dokumentation/pressemitteilungen/2007/pressemitteilung20071024/

Literatur

Lalueza-Fox et al. (2007) A melanocortin 1 receptor allele suggests varying pigmentation among Neanderthals. Science 318: 1453-1455

Rogers AR, Iltis D, & Wooding S, 2004. Genetic variation at the MC1R locus and the time since loss of human body hair. Current Anthropology, 45(1): 105-108

.