Glückliche Kindheit macht schön ...

Unter dieser Überschrift lässt sich eine Studie der Evolutionspsychologen Linda Boothroyd (heute an der University of Durham) und David Perrett von der schottischen University of St. Andrews zusammenfassen (Online-Vorabveröffentlichung v. 24.5.06 in Proceedings of the Royal Society of London Series B-Biological Sciences).

Die Wissenschaftler fotografierten 219 Studentinnen und befragten sie nach ihrer Kindheit. Nun wählten sie die 15 Probandinnen aus, die ihr Elternhaus als besonders harmonisch beschrieben hatten. Eine weitere Gruppe von ebenfalls 15 Studentinnen wurde aus denjenigen jungen Frauen gebildet, die am häufigsten über Streit im Elternhaus berichteten; schließlich eine dritte 15er-Gruppe von Studentinnen, deren Eltern sich bereits vor der Pubertät der Mädchen getrennt hatten.

Aus den jeweiligen Gruppen erstellten die Forscher am Computer je ein Composit (Durchschnitts-) Bild (mehr zu der Methode in meinem Buch auf S. 44ff) und legten dieses 50 zufällig ausgewählten Versuchspersonen zur Bewertung vor.
 

Links: Compositbild der Frauen mit getrennten Eltern; Mitte: ungetrennte aber zerstrittene Eltern; Rechts: glückliche Kindheit. Quelle: http://www.dur.ac.uk/l.g.boothroyd/fat.html#bp06
 

Ergebnis

Das Compositbild von Frauen mit intaktem Familienhintergrund wurde als deutlich attraktiver und weiblicher bewertet als die beiden anderen. Das Schlusslicht in Sachen Attraktivität bildete das aus der Gruppe von Frauen gebildete Durchschnittsgesicht, die über Streitereien ihrer Eltern geklagt hatten (Bild Mitte). Dieses Bild wurde gleichzeitig auch als besonders männlich eingestuft.
 

Wie lässt sich das erklären?

Hier wird es schwierig. Boothroyd und Perrett weisen umsichtig darauf hin, dass die Erklärung des Phänomens notwendigerweise ins Reich der Spekulation führt. Ihre eigene Spekulation geht folgendermaßen: In den unterschiedlichen Gesichtern spiegelt sich der Einfluss des männlichen Geschlechtshormons Testosteron wider. Möglicherweise tragen nämlich die Töchter der weniger glücklichen Paare deshalb relativ maskuline (und damit bei Frauen unattraktive) Züge, weil auch ihre Väter besonders maskulin waren, d.h. über einen relativ hohen Testosteronspiegel verfügten. Und vom Testosteron ist bekannt, dass es Männer zu eher schlechteren Familienvätern macht – „High-testosterone“-Männer sind untreuer, dominanter und aggressiver (mehr dazu in meinem Buch auf S. 66ff). Der hohe Hormonspiegel der Väter wäre demnach sowohl für deren Eheprobleme verantwortlich, als auch für das relativ maskuline Äußere ihrer Töchter (entweder bedingt durch relativ hohe intrauterine Hormonkonzentrationen oder durch einen vom Vater geerbten höheren Basis-Testosteronspiegel).
 

Mein Kommentar zur Studie

Die von den beiden Wissenschaftlern ins Feld geführte „Hormon-Hypothese“ ist selbstverständlich des Nachdenkens wert. Meines Erachtens wirft sie jedoch mehr Fragen als Antworten auf. Zwar ist der Einfluss von Testosteron auf das menschliche Verhalten recht gut untersucht. Was die Wirkung auf das Aussehen angeht, liegen bisher jedoch nur sehr lückenhafte Erkenntnisse vor. Gegen die Hormonhypothese spricht, dass sich die Gesichter in ihren vertikalen Proportionen nicht unterscheiden. Insbesondere ist die Kinn- und Kieferpartie der als männlicher wahrgenommenen Gesichter nicht kräftiger als die des „weiblichen“ Gesichtes – gerade dieses Charakteristikum wird jedoch von vielen Autoren (zu denen auch Perrett gehört) als „Marker“ für das Wirken von Testosteron auf die Gesichtsform beschrieben (mehr dazu im Buch S. 55ff).

Möglicherweise haben die Unterschiede zwischen den Gesichtern viel banalere Ursachen: Die Frauen mit familiären Problemen haben, wie die Autoren in einem zweiten Teil der Studie festgesteltlt haben, deutlich mehr Gewichtsprobleme – die sich nachteilig auf die Attraktivität ihrer Gesichter auswirken. Zum anderen unterscheiden sich die Gesichter im Gesichtsausdruck – die Frauen aus stabilen Verhältnissen wirken – wahrscheinlich aufgrund der leicht hochgezogenen Mundwinkel – fröhlicher als die anderen. Das angedeutete Lächeln lässt ihr Gesicht zwangsläufig weiblicher wirken (Männer lächeln deutlich seltener als Frauen, Testosteron ist ein „Lächelkiller“). Die unterschiedliche Attraktivität und wahrgenommene Männlichkeit der Gesichter ließe sich somit schlichtweg damit erklären, dass die Mädchen aus unterschiedlich glücklichen und unterschiedlich gesundheitsbewussten Familien stammen.

 

Boothroyd, L.G. & Perrett, D.I. (Online-Vorabveröffentlichung v. 24.5.06) Facial and bodily correlates of family background. Proceedings of the Royal Society of London Series B-Biological Sciences.  --> Abstract (english)

Eine (englischsprachige) populärwissenschaftliche Zusammenfassung findet sich auf der Website von Linda Boothroyd

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schlagwörter zu dieser Seite: Schönheitsformel, Schönheit, beauty, physische Attraktivität, physical attractiveness, Schönheitswahn, Schlankheitswahn, Schönheitskult, schön, hässlich, attraktiv, Attraktivitätsforschung, Schönheitsforschung, Wissenschaft, Forschung, wissenschaftliche Studien, Gesicht, Körper, Figur, Mann, Frau, männlich, weiblich, Geschlechtsunterschiede, Gesichtswahrnehmung, Attraktivitätsstereotyp, Stereotyp, Halo-Effekt, innere Schönheit, Schönheitsideal, Ästhetik, Psychologie, Biologie, Soziologie, Soziobiologie, Evolutionspsychologie, Evolutionsbiologie, Evolution, Signalevolution, Verhaltensforschung, Ethologie, Neuroästhetik, Hirnforschung, Experimente, Rating, Partnerwahl, Partnerwahlkriterien, Kosmetik, Make-up, Mode, Körpergröße, Persönlichkeit, Glück, Liebe, Selbstwert, Beziehung, Ehe, Kindchenschema, Babyface, Reifezeichen, Prototyp, Durchschnittlichkeit, Morphing, Symmetrie, Entwicklungsstabilität, fluktuierende Asymmetrie, Taillen-Hüfte-Verhältnis, Waist-to-hip ratio, sexueller Dimorphismus, Neotenie, klassische Proportionen, neoklassischer Kanon, Geschichte der Schönheit, Kulturgeschichte der Schönheit, funktionelle Magnetresonanztomographie, sexuelle Selektion, Theorie, Hypothese, Handicap-Prinzip, Zahavi, Runaway Hypothese, Ronald Fisher, Darwin, Pfau, Gute Gene Hypothese, sensory bias, Wahrnehmungsvorlieben, Zyklus, Immunsystem, Immunkompetenz, Belohnungssystem, Pheromone, Hormone, Östrogen, Testosteron, Schönheitskapitalismus, Politik, Schönheitschirurgie, ästhetische Chirurgie, Makel, Mythos, Judith Langlois, Leslie Zebrowitz, Gillian Rhodes, David Perrett, Karl Grammer, Magnus Enquist, Ulrich Renz